Rettungssanitäter Steven Mahler über den Internationalen Tag der Ersten Hilfe - VON NINA BAUCKE

„Zeigen, dass man da ist“

Die Herzdruckmassage an einem Dummy gehört zu den Standards der Erste-Hilfe-Ausbildung. Was vor dem Pumpen wichtig ist, aber bei der Übung oft vergessen wird, weiß Sven Mahler: den Notruf wählen. Foto: Marcus Steinbruecker / DRK
 ©

Rotenburg – Er gehört zum Führerschein dazu wie der Multiple-Choice-Test und der Angstschweiß bei der Praxisprüfung: der Erste-Hilfe-Kurs. Aber wer weiß – oftmals Jahrzehnte nach der Teilnahme – noch, wie man im Notfall am besten hilft? Wie jemanden in die stabile Seitenlage bringen, einen Motorradhelm richtig abnehmen? Heute ist Internationaler Tag der Ersten Hilfe, und wir haben über dessen Bedeutung und die Wichtigkeit Erster Hilfe selbst mit Steven Mahler vom DRK-Kreisverband Bremervörde gesprochen. Er arbeitet als Rettungssanitäter in der Rotenburger Rettungswache an der Brauerstraße. Der 26-jährige Sandbosteler ist zugleich als Erste-Hilfe-Ausbilder aktiv.

Warum braucht es so einen Aktionstag?

Ich finde es wichtig, auf Erste Hilfe hinzuweisen. Viele machen den Kurs zum Führerschein und haben danach nie wieder etwas damit zu tun, wenn sie nicht gerade irgendwann eine Ausbildung starten, für die der Schein relevant ist. Oder nicht noch irgendwann einen neuen Führerschein machen. Das bemerke ich in meinen Kursen immer wieder, dass der letzte Führerschein vor 17, 18 Jahren gemacht wurde und jetzt muss noch mal einer gemacht werden, weil vielleicht der Arbeitgeber das fordert. Das ist der Standard.

Wie wichtig ist es, darauf aufmerksam zu machen?

Sehr wichtig! Die Erste Hilfe ist etwas, was in Deutschland eher so nebenbei läuft und nicht so im Fokus der Bevölkerung steht. Das liegt vielleicht an der Angst, etwas falsch zu machen. Oder auch davor, jemanden mal blutüberströmt zu sehen.

Was ist eigentlich Erste Hilfe genau?

Für mich fängt die Erste Hilfe schon beim Reden an. Viele brauchen kein Pflaster und keinen Verband, sondern erst einmal einfach jemanden, der zuhört und zeigt, dass er da ist. Denn seien wir mal ehrlich: Keiner von uns läuft da draußen den ganzen Tag mit einem Verbandskasten durch die Gegend. Man sollte einfach zeigen, dass man da ist und dass man hilft. Und im Grunde ist Erste Hilfe allein schon, den Notruf zu wählen.

Wie reagiert man im Notfall richtig?

Was mir persönlich wichtig ist, dass man nicht weg-, sondern hinschaut. Und das nicht mit dem Telefon, um Bilder zu machen, sondern dass man hingeht und hilft. Oder einfach auch nur Hilfe anbietet, fragt, ob man helfen kann. Man muss nicht immer gleich das große Besteck auffahren, sondern einfach fragen, ob man helfen kann – und sei es nur mit einer Flasche Wasser.

Gibt es eine bestimmte Reihenfolge an Maßnahmen?

Das hängt von der Situation ab. Wenn es notwendig ist, auf jeden Fall zunächst den Notruf absetzen. Je früher man das tut, desto eher hat man professionelle Hilfe an der Unfallstelle. Dabei wird gerade das – zumindest in der Übungskünstlichkeit des Lehrgangs – oft vergessen. Daher baue ich es in den Kursen während der Reanimationsphase ein, dass die Teilnehmer ihr Telefon aus der Tasche holen und fiktiv einen Notruf absetzen sollen. Viele kommen im Anschluss zu mir und sagen: Daran hätte ich so in der Situation nicht gedacht.

Ist das nicht eigentlich das Naheliegendste?

Ja, aber viele sind mit der Reanimation als solches schon so auf Adrenalin, dass der Notruf einfach untergeht, weil es gerade nicht ins Bild passt, das Telefon rauszuholen und die 112 zu wählen. Doch das ist das Wichtigste an der Reanimation, denn auch der Leitstellendisponent, der den Notruf entgegennimmt, hilft einem mit Tricks und Kniffen weiter und bleibt am Telefon bei einem, bis der Rettungsdienst vor Ort ist: beispielsweise mit „Überstrecken Sie jetzt den Kopf, um die Atemwege frei zu machen, schauen Sie, ob der Patient jetzt atmet“.

Wenn viele den Kurs bereits in Schulzeiten machen, wie wichtig sind Ihrer Meinung nach Auffrischungen? Müsste das zur Regel werden?

Meiner Meinung nach ja. Gerade, wenn es danach geht, dass man den Kurs nur für den Führerschein braucht. An sich hat so ein Erste-Hilfe-Kurs kein Verfallsdatum. Wenn man mich persönlich fragen würde, würde ich sagen, alle zwei bis spätestens alle fünf Jahre sollte so ein Erste-Hilfe-Kurs aufgefrischt werden, weil sich auch einfach viel ändern kann.

Haben Sie Menschen in Ihren Kursen, die das wirklich als Auffrischungen machen?

Ich hatte kürzlich bei einem Kurs für die Truppmannausbildung der Feuerwehr Bremervörde einen Teilnehmer dabei, der gerade neun Monate vorher den Kurs gemacht hatte. Den hätte er auch noch für die Truppmannausbildung nutzen können. Aber er hat sich da mit dazugesetzt, weil er gesagt hat: „Es schadet doch nicht. Ich kann das Ganze noch mal auffrischen und vertiefen.“ Der Trend ist tatsächlich bei jüngeren Leuten eher da, dass sie sagen, ich gehe da lieber noch einmal mehr hin. Klar, das ist auch eine finanzielle Belastung, die man mit so einem Kurs hat – 45 Euro –, und da finde ich das vor allem bei jungen Menschen lobenswert, wenn man sich selber sagt: „Alle zwei, drei Jahre gehe ich zum Erste-Hilfe-Kurs zur Auffrischung“. Aber natürlich haben wir auch viele bei uns, die von ihrem Arbeitgeber angehalten werden, die Auffrischung zu machen. Freiwillig ist das grundsätzlich noch wenig der Fall. Und da ist das vor allem bei den Älteren eher schwierig.

Woran hapert es Ihrer Meinung da?

Ich glaube, es ist oft Bequemlichkeit oder fehlende Zeit. Derzeit setzen wir auf Freiwilligkeit, und ich denke nicht, dass sich das ändern wird, weil da auch viel hinter steht, würde man das gesetzlich verankern. Es sind viele Kurse jetzt schon brechend voll, und wenn man jetzt überlegt, dass ganz Deutschland alle zwei bis fünf Jahre den Erste-Hilfe-Kurs auffrischen soll, haben wir viel zu wenig Lehrgangsplätze. Was ja an sich erst einmal nicht schlimm ist, weil das ja wieder neue Ausbilder hervorbringen kann. Aber viele würde man mit einer gesetzlichen Vorschrift überfordern. Und wer soll das überwachen? Derzeit arbeiten wir zudem noch den Stau vom vergangenen Jahr auf. Vielleicht sollte man den Ansatz nehmen, Kurse unter anderem in die Schule zu integrieren, das zieht vielleicht auch noch den ein oder anderen in die ehrenamtliche Arbeit beim Roten Kreuz hinein.

Gibt es auch Hemmschwellen, im Notfall irgendetwas zu tun – nach dem Motto: „Nicht, dass ich es noch schlimmer mache“?

Durchaus. Das erleben wir immer wieder, dass uns Leute im Kurs sagen, dass sie lieber Abstand halten, bei einem Verkehrsunfall zum Beispiel, weil sie kein Blut sehen und keine Menschen schreien hören können. Oder die Angst, bei einer Herzdruckmassage Rippen zu brechen: Das klingt vielleicht ein bisschen schlimm, aber diese Massage ist damit verbunden, dass sich Rippen vom Brustbein ablösen.

Muss sich jemand Sorgen machen, in Corona-Zeiten im Notfall zu helfen – zum Beispiel mit Mund-zu-Mund-Beatmung?

Es gibt in vielen Apotheken kleine Gadgets zu kaufen, unter anderem Schlüsselanhänger mit einer Beatmungsschutzmaske. Das ist wie ein Mund-Nasen-Schutz, nur mit einem kleinen Ventil vorne. Und über dieses Ventil kann man sicher eine Mund-zu-Mund-Beatmung durchführen. Ich persönlich habe mir so was gekauft, um das im Kurs zu demonstrieren. Grundsätzlich geht Eigenschutz vor. Das ist das Non-plus-Ultra der Ersten Hilfe: Ich muss nichts durchführen, womit ich mich selber gefährden würde.

Nicht jede Firma hat ausgebildete Ersthelfer. Sollte man das verpflichtend machen?

Das schützt die Mitarbeiter. Je sicherer sie im Umgang mit der Ersten Hilfe sind, desto kompetenter können sie sich gegenseitig helfen, um die Zeit, bis der Rettungsdienst da ist, zu überbrücken. Das ist für jeden Arbeitgeber im Grunde nur ein Vorteil, wenn er genug Ersthelfer im Betrieb hat.

Gibt es in der Ausbildung Schwächen bei Teilnehmern, die Sie immer wieder feststellen?

Eigentlich keine. Jeder, der den Erste-Hilfe-Kurs besucht, hat schon mal die erste Schwelle überwunden, weil er festgestellt hat, dass er ein Defizit hat und daran arbeiten muss. Das ist das, was man lobend in den Vordergrund stellen muss. Es sind Laien, und Laien üben so etwas nicht jeden Tag. Dass sie überhaupt etwas tun, ist schon positiv.

Wie ist in den vergangenen eineinhalb Jahren die Ausbildung gelaufen? Auch in dieser Zeit gab es ja beispielsweise Führerscheinanfänger, die diesen Schein für ihre Prüfung brauchten.

Die waren zum Teil sehr verzweifelt, da wir eine Zeit lang gar nicht ausbilden durften. Gerade in den Hochzeiten von Corona. Jetzt fallen immer noch viele praktische Übungen weg, stattdessen stehe ich als Ausbilder mit einer Power-Point-Präsentation da vorne, um überhaupt irgendetwas zu vermitteln, und die Teilnehmer müssen den Druckverband an sich selber üben. Das ist jetzt eine Schwierigkeit, die es zu bewältigen gilt, die aber auch irgendwann wieder verschwinden wird. Ich persönlich bin einer, der viel mit der Gruppe interagiert. Ich habe mal an einem sehr langweilen Kurs teilgenommen, wo der Ausbilder vorne stand und aus einem Buch vorgelesen hat. Und der Kurs ging auch noch über zwei Tage. Das fand ich als 15-jähriger Bengel schon sehr eintönig. Und so wollte ich das nie machen. Einfach auch um diesen Punkt, rechtzeitig Hilfe zu suchen, zu verdeutlichen. Und das ist mit einer trockenen Power-Point-Präsentation schwierig zu vermitteln. Das DRK hat da schon ganz gut gegengesteuert und ein paar Videos aufgenommen, aber auch die bringen das nicht so rüber, wie wirklich anfassen, wirklich den Helm abzunehmen, die stabile Seitenlage zu machen. Das ist in Zeiten von Corona ohne Frage sehr schwierig geworden, obwohl wir die Reanimation ganz normal nach wie vor an den Puppen üben. Da setzen wir streng auf Hygiene, nach jedem Durchgang werden die Puppen desinfiziert, jeder Teilnehmer bekommt sein eigenes Gesichtsteil und auch die künstlichen Lungen, in die man reinpustet, werden nach jedem Teilnehmer gewechselt. Damit haben wir absolute Sicherheit, und das war auch schon immer so. Generell sind bewegte Bilder immer gut. Alles, was ich rede, geht auch mal links rein und rechts wieder raus, aber wenn da ein Bild ist, ist das noch mal eine andere Hausnummer. Alles, was man visualisieren kann, ist eine klasse Sache. Aber am Ende geht nichts über Praxis, die muss wieder in den Vordergrund und deswegen brauchen wir echt wieder Normalität.

Läuft es jetzt wieder einigermaßen?

Wir arbeiten derzeit im Kreisverband Bremervörde mit dem 3G-Prinzip. Dennoch sind wir da vorsichtig. Man könnte sicher wieder etwas mehr machen, aber das Problem ist: Will man ausgerechnet als Erste-Hilfe-Kurs ein Corona Hotspot werden? Ich denke nicht, und daher arbeiten wir noch in der vorsichtigen Variante. Sobald es die Zahlen erlauben und die Wissenschaft bestätigt, dass es wieder einen Aufwärtstrend gibt, werden wir wieder zu der alten Methode übergehen. Aber das ist jetzt noch keine Option, sondern erst wieder, wenn es wirklich sicher ist.

28.02.2021

Landpark Lauenbrück

12.02.2021

Winterlandschaft in Rotenburg

22.12.2020

Weihnachtsbilder

29.10.2020

Herbstfotos der Leser