Polizisten sagen im Bremervörder Gaffer-Prozess aus - Von Nina Baucke

„Würdelos“

17.03.2017
Die drei Brüder stehen in Bremervörde vor Gericht. Foto: Nina Baucke
Die drei Brüder stehen in Bremervörde vor Gericht. Foto: Nina Baucke
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Bremervörde. Seit Verhandlungsbeginn am Amtsgericht Bremervörde im September vergangenen Jahres hat der sogenannte Gaffer-Prozess bereits einige Vertagungen erlebt – zuletzt am Dienstag. Am Donnerstag saßen die drei angeklagten Brüder im Alter von 20, 27 und 36 Jahren nun erneut vor dem Vorsitzenden Richter Fabian Pflug. Ihnen wird zur Last gelegt, im Umfeld des Unfalls beim Eiscafé „Pinocchio“ in Bremervörde am 5. Juli 2015 die Arbeiten der Einsatzkräfte behindert zu haben.

„Das war das Würdelosteste, was ich jemals erlebt habe.“ So erinnerte sich einer der Polizisten, der damals nach dem Unfall im Einsatz gewesen war, an die Vorfälle in unmittelbarer Nähe der Eisdiele „Pinocchio“ in der Neuen Straße. Seine Zeugenaussage und die eines Kollegen waren am Donnerstag der Dreh- und Angelpunkt des Verhandlungstages. Während sich Rettungskräfte und Feuerwehr um die Versorgung der Verletzten und die Bergung der Opfer bemühten, war es zu einer Auseinandersetzung zwischen den Beamten und einem der drei Angeklagten gekommen. Sie seien an dem Tag im Juli an die Unfallstelle entsandt worden, nachdem bereits Feuerwehr, Sanitäter und Polizeikollegen vor Ort waren, gab der erste Zeuge zu Beginn des mehr als fünf Stunden dauernden Verhandlungstages zu Protokoll. Seinen Schilderungen zufolge war eine große Anzahl von Schaulustigen vor Ort, die der Bitte, sich vom Unfallort zu entfernen, nachkamen. Während der Vorbereitungen für die Unfallaufnahme machte demnach einer der Feuerwehrleute den Zeugen auf einen der Angeklagten aufmerksam. „Er berichtete mir, dass an der Ludwigsstraße zwei Personen stünden, die mit einem Handy Aufnahmen machten und dumme Sprüche abgesondert hätten“, beschrieb der 47-jährige Beamte das Geschehen. Er bat daraufhin den Angeklagten, den Unfallbereich zu verlassen – mehrmals, worauf der Angeklagte jedoch nicht reagierte, sondern weiterhin auf sein Mobiltelefon blickte. Auch ein ausgesprochener Platzverweis sowohl von ihm als auch von seinem 36-jährigen Kollegen blieb gemäß der Aussage des Polizeibeamten ohne Wirkung, der 27-Jährige drehte sich zudem mit dem Rücken zu dem Beamten. „Auch der Hinweis auf das tote Kind interessierte ihn nicht“, so der Polizeibeamte. Stattdessen drohte ihr Gegenüber: „Ein Telefonat, und wir sind 50.“ Als die beiden Ordnungshüter versuchten, ihn mit flachen Händen wegzuschieben, rief der Angeklagte „Kommt schnell her!“ in sein Telefon. „Wir mussten davon ausgehen, dass er Verstärkung ruft“, erinnerte sich der Zeuge. „Er hat sich wie von Sinnen gewehrt.“ Bei dem Versuch, den Mann zu Boden zu drücken, kamen auch die beiden Polizisten zu Fall, dabei gelang es ihm, einen der Beamten „in den Schwitzkasten“, wie sein Kollege schilderte, zu nehmen. Ein Feuerwehrmann schaffte es, den 27-Jährigen wegzuziehen. Währenddessen hatten auch die beiden weiteren Brüder den Ort des Geschehens erreicht, der sich von der Einmündung Ludwigstraße ein Stück die Neue Straße herunter verlagert hatte. Ebenso weitere Polizeibeamte, worauf sich die Situation auflöste. Im Verlauf des Handgemenges hatten die Beamten jedoch leichte Verletzungen erlitten. Die Verteidiger der drei Angeklagten, Lorenz Hünnemeyer, Lars Zimmermann und Rainer Kattau, zweifelten massiv den Wahrheitsgehalt der Polizeibeamten an. Vor allem die Tatsache, dass beide einen Zeugenbeistand hatten, war dabei Gegenstand der Befragungen. Mehrfach begründete der 36-jährige Ordnungshüter die Entscheidung mit „weil ich das Recht dazu habe“. Auch bei den geschätzten Entfernungsangaben zeigten sich die Verteidiger demonstrativ unzufrieden, mit „Trauerspiel“ kommentierte zudem Kattau die Ausführungen des 36-jährigen Polizeibeamten. „In Mathematik haben Sie in der Schule wohl gefehlt“, so der Verteidiger. Es ging vor allem um Detailfragen, Zimmermann äußerte zudem die Vermutung, dass die Schilderungen der beiden Polizisten nicht der Wahrheit entsprächen. Der Fall in Bremervörde hatte bundesweit Aufsehen erregt, dazu hatte das Land Niedersachsen als Reaktion darauf einen Gesetzentwurf initiiert, nach dem Gaffer mit Haft- und Geldstrafen rechnen müssen. Am Mittwoch, 22. März, wird der Prozess ab 9.15 Uhr am Amtsgericht in Bremervörde fortgesetzt.

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