Die 87-jährige Lieselotte Mehling trotzt der Corona-Pandemie - Von Dennis Bartz

„Zusammen da durch“

Lieselotte Mehling fährt regelmäßig mit dem Bürgerbus in die Innenstadt. "Er ist für mich wie ein zweites Zuhause", sagt die 87-Jährige.
 © Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. „Der Bürgerbus bringt mich nicht nur von A nach B. Er ist für mich wie ein zweites Zuhause. Wir haben während der Fahrt viel Spaß und tauschen uns über Neuigkeiten in Rotenburg aus“, sagt Lieselotte Mehling. Regelmäßig läuft die 87-Jährige mit ihrem Rollator bis zur nächst gelegenen Haltestelle in der Saturnstraße und steigt dort in die Linie 803, die sie stadteinwärts bringt – zum Supermarkt, zum Arzt oder zu Besuch bei ihrer Familie.

Das war lange Zeit nicht möglich. Denn wegen der Corona-Pandemie musste der Bürgerbusverein seinen Betrieb in den Sommermonaten einstellen und startete erst im Oktober wieder mit einem abgespeckten Fahrplan, der auf den Vormittag beschränkt ist. „Meine Kinder haben mich zwar bestmöglich unterstützt, aber mir haben die Fahrten mit dem Bürgerbus trotzdem sehr gefehlt. Und ich kann mir ja auch nicht immer ein Taxi leisten“, erklärt Mehling.

Die vergangenen Monate brachten weitere Einschnitte mit sich, die der lebensfrohen Rentnerin zunächst sehr schwerfielen. Sie musste die geplante Reise mit dem DRK nach Bad Kissingen absagen, Familienfeiern fielen ins Wasser und das wöchentliche Frühstück mit ihren Freundinnen war ebenfalls lange Zeit nicht möglich. „Am Anfang war das schon blöd. Aber ich habe die Zähne zusammengebissen und gelernt, damit umzugehen“, berichtet Mehling.

Der drastische Anstieg der Infektionszahlen bereitet ihr deshalb große Sorge: „Ich bin enttäuscht von den Menschen, die sich nicht an die Hygieneregeln halten. Woher nehmen die sich das Recht, andere zu gefährden?“ Die Rotenburger schließt sie dabei von ihrer Kritik aus: „Die meisten Bürger hier gehen wirklich verantwortungsvoll mit der Situation um. Sie haben begriffen, wie ernst die Lage ist, und haben ihr Verhalten angepasst. Ich bin mir sicher: Zusammen kommen wir da durch!“ Die gelernte Schneiderin hat einen Tipp: „Tragt in dieser Zeit nicht so viel Schwarz. Bringt Farbe in euren Alltag. Dann fällt euch Vieles gleich viel leichter.“

In diesen schweren Zeiten sei sie umso glücklicher darüber, in einer Kleinstadt wie Rotenburg zu leben. „Wir sind hier umgeben von viel Grün und können im Freien spazieren gehen. In Großstädten ist die Situation viel dramatischer“, so Mehling.

Sie ist Bürgerbus-Gast der ersten Stunde. Fernsehteams begleiteten sie bei der ersten Tour, im November 2013 war sie es, die als 10.000 Fahrgast zustieg und vom damaligen Bürgerbus-Vorstand dafür einen Blumenstrauß und eine Monatskarte überreicht bekam.

Als der Bürgerbus nach der corona-bedingten Pause wieder Fahrten anbieten konnte, war Mehling so erleichtert, dass sie sich sofort ein Ticket kaufte. „Ich bin dann zweieinhalb Stunden durch Rotenburg gegondelt und habe mir angeschaut, was in der Zwischenzeit so passiert ist“, berichtet die 87-Jährige, die in der Lüneburger Heide geboren und aufgewachsen ist. „Ich bin also eigentlich eine Heidschnucke“, sagt Mehling und lacht.

Im Alter von 13 Jahren kam sie mit ihrer Familie nach Rotenburg und fühlte sich schnell heimisch. Sie machte eine Ausbildung zur Schneiderin, heiratete und bekam vier Kinder. „Ich habe inzwischen zwölf Enkel und drei Urenkel, sie sind mein ganzer Stolz“, sagt die 87-Jährige und hofft darauf, dass die Corona-Pandemie bald ein Ende hat. Denn dann kann sie sich endlich wieder auf den Weg zu einer Familienfeier machen – am liebsten mit dem Bürgerbus.

• Um den Fahrbetrieb aufrechtzuerhalten oder sogar wieder auszubauen, ist der Bürgerbus-Verein auf Ehrenamtliche angewiesen, die sich ans Steuer setzen. Weitere Informationen erhalten Interessierte unter www.buergerbus-row.de.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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