Persönlichkeiten aus dem Rundschau-Verbreitungsgebiet erinnern sich an das historische Ereignis

Vor 25 Jahren fiel die Mauer in Berlin

Persönlichkeiten aus dem Rundschau-Verbreitungsgebiet berichten von ihren Erinnerungen an den 9. November 1989 Foto: Voigt
 ©Rotenburger Rundschau

Vor genau 25 Jahren fiel die Mauer, die innerdeutsche Grenze war damit geöffnet. Ehemals getrennte Freunde und Familien konnten sich wieder in die Arme schließen und die Welt schaute gebannt nach Berlin, wo Tausende das historische Ereignis feierten. In der Rundschau erinnern sich heute, ein Vierteljahrhundert später, verschiedene Persönlichkeiten an jenen 9. November 1989.

Rüdiger Bruns (Bürgermeister von Fintel): Zu dem Zeitpunkt der Bekanntgabe saß ich mit meiner Frau vor dem Fernseher, als plötzlich die frohe Botschaft verkündet wurde. Wenn ich zurückblicke, habe ich zwei starke Erinnerungen, die ich mit dem Tag des Mauerfalls verbinde. Zum einen weiß ich noch genau, dass ich mich auf irgendeine Weise darauf vorbereitet gefühlt habe, ohne genau zu wissen, was wann und wie kommt. Ich habe zu dieser Zeit an einem Gymnasium in Buchholz gearbeitet, auch in der Schulleitung war ich tätig. Wir waren dort mit der Aufgabe konfrontiert, uns um die allein von Ungarn und Prag kommenden Kinder und Jugendlichen zu kümmern. Durch diese Eingliederungshilfe war ich also mit dem Thema beschäftigt und ahnte, dass Normalität eintreten würde – dass es so schnell geht, hätte ich jedoch nicht gedacht. Zum anderen kann ich mich genau an das darauffolgende Wochenende erinnern. Dazu muss man wissen: Ich bin in der DDR geboren. Als ich sieben Jahre alt war, zogen meine Eltern mit mir nach Niedersachsen, trotzdem war ich ab 1980 noch oft drüben. Dadurch entstanden auch feste Freundschaften. Am besagten Wochenende besuchten uns dann einige dieser Freunde mit der ganzen Familie in Fintel. Das kam total unerwartet und freute mich natürlich sehr. Andreas Goehrt (Theater Metronom): Zu der Zeit spielte ich Theater in Schmalenbeck bei Grasberg. Wir haben uns alle vor den Fernseher gesetzt und konnten es nicht glauben, was da passiert. Ich habe mich sehr für die Menschen dort gefreut, trotzdem war da die Sorge, was nun passiert, ob nun alle Strukturen dort vom Westen überrollt werden – was dann ja auch eingetreten ist. Aber auf jeden Fall waren die Ereignisse sehr aufregend. Wir kannten von früheren Besuchen bei Freunden in Westberlin das Elend, was die Durchfahrt der DDR mit den strengen Grenzkontrollen so mit sich brachte. Bis ich dann aber nach dem Mauerfall in die ehemalige DDR gereist bin, ist einige Zeit vergangenen. Ich war beruflich in Dresden. Da habe ich schon gemerkt, dass die Menschen dort schon jahrzehntelang einfach anders gelebt haben. Und nun prallten zwei Kulturen aufeinander, ein anderes Denken in einer anderen Welt. Ich habe dann in Dresden in einem Supermarkt gezielt nach Ostprodukten Ausschau gehalten. Die einzigen, die ich dabei inmitten der ganzen Westprodukte irgendwo versteckt gefunden habe, waren ein Paket Klopapier und zwei Gläser Bautzner Senf. Die habe ich dann direkt gekauft. Wilhelm Gohde (Vorsitzender des Heimatvereins Sittensen): Dieses gigantische Erlebnis hat sich bei mir bis heute eingeprägt. Ich weiß noch genau, wie ich gebannt vor dem Fernseher gesessen und mich mit den Leuten an der Mauer mitgefreut habe. Das war total bewegend und bot echte Dramatik, wie die Menschenmassen herübergeströmt sind. Diese Bilder werde ich bestimmt niemals wieder vergessen. Michael Fehlig (Kämmerer der Samtgemeinde Bothel): Wir haben damals noch in Rotenburg gewohnt und ich habe in Hamburg gearbeitet. Ich weiß noch, dass ich mit meiner Frau spazieren war, dann auf dem Bett lag und den Fernseher eingeschaltet habe. Ich habe meiner Frau gesagt, dass ich kaum glauben kann, was da zu sehen ist und saß dann bis nachts um 4 Uhr vor dem Fernseher. An diesem Tag kamen viele Nachrichtensendungen, aber ich habe erst nach der zweiten begriffen, was da passiert. Hertha Schnäpp (Küsterin der Christophorus-Gemeinde Ottersberg): Ich war allein zu Hause, mein Ehemann Reiner war bei der Sitzung im Rathaus. Zuerst habe ich gar nicht gewusst, was los ist. Menschen umarmen sich, Polizisten sind so gnädig und dann noch ein Feuerwerk. Es war für mich ein total emotionaler Abend. Ich war so ergriffen von den Ereignissen, von den vielen Menschen, die sich selig und glücklich in den Armen lagen. So viel Barmherzigkeit und Liebe wie an diesem Abend habe ich nie wieder erlebt. Diese Szenen sind für mich unvergessen. Nur in Freud und Leid kann es so etwas geben. Lars Klingbeil (Bundestagsabgeordneter): Als die Mauer fiel, war ich elf Jahre alt. Ich habe realisiert, dass da etwas Großes in Deutschland passiert ist, richtig einordnen konnte ich es damals erst einmal nicht. Ich habe viele Fragen an meine Eltern und Lehrer gestellt. Ich konnte nicht begreifen, wie ein Staat seine Menschen einsperrt und ihnen so die Freiheit nimmt. Das war unfassbar für mich. Ich erinnere mich auch daran, dass wir für die Schülerzeitung, in der ich damals arbeitete, mehrere Sonderausgaben zum Mauerfall und zur Wiedervereinigung gemacht haben. Das waren wahrscheinlich die meistverkauften Ausgaben, die wir damals gemacht haben. Reinhard Grindel (Bundestagsabgeordneter): Der 9. November 1989 war ein Donnerstag vor einer Bundesratssitzung. Traditionell gab es dazu in der Hamburger Landesvertretung in Bonn ein Hintergrundgespräch für Journalisten. Ich war damals Korrespondent für den Radiosender R.SH und verschiedene Tageszeitungen. Gegen 20 Uhr kam der Sprecher der Landesvertretung zu uns und sagte: „Die Mauer ist auf! Schabowski hat es verkündet.“ Mein Kollege vom NDR meinte, die Mauer sei doch faktisch schon auf, die DDR-Bürger könnten schließlich alle über Tschechien oder Polen ausreisen. Doch dann schob der Pressesprecher nach: „Der Bundestag hat seine Sitzung unterbrochen.“ Das elektrisierte mich und ich ging in mein Büro im Pressehaus im Bonner Tulpenfeld. Schnell war mir klar, dass wir es mit einem weiteren historischen Tag zu tun hatten und ich lief hinüber ins Wasserwerk, der damaligen Ausweichtagungsstätte des Bundestages. Den ganzen Abend machte ich Interview um Interview und fertigte einen Bericht nach dem anderen. Der Höhepunkt war für mich der Moment, als die Abgeordneten im Plenum spontan anfingen, unsere Nationalhymne zu singen. Das war Gänsehaut pur. Am nächsten Tag bin ich dann nach Berlin geflogen und habe über die Stimmung nach dem Mauerfall berichten können. Später durfte ich Helmut Kohl als Journalist zu den Verhandlungen über die deutsche Einheit in Washington mit George Bush und im Kaukasus mit Michail Gorbatschow begleiten. Das waren Erlebnisse, die ich mein Leben lang nicht vergessen werde. Hans-Jürgen Krahn (Bürgermeister von Sottrum): Das war ein windiger Donnerstag, und die Ampeln wogen stark im Wind. Von der eigentlich Pressekonferenz hatte ich nur am Rande mitbekommen. Ich war auf dem Weg zur Massage. Zuerst konnte ich das gar nicht richtig zuordnen. Erst später, beim Anschauen des Heute-Journals, ist mir bewusst geworden, was eigentlich gerade passiert war. Erst im Mai hatte ich in Magdeburg einen Bekannten besucht, mit dem ich immer Briefmarken getauscht habe. Zu dem Zeitpunkt war eine Öffnung der Grenzen überhaupt noch nicht abzusehen. Überhaupt in die DDR hineinzukommen, war damals noch ein Staatsakt. Erika Jaschinski (Leiterin des Touristikbüros der Samtgemeinde Sittensen): Ich kann mich noch genau an den Mauerfall erinnern. In den Tagen darauf bin ich oft mit meiner Tochter im Kinderwagen zur nahegelegenen Autobahnbrücke gefahren und habe Ausschau nach Trabis gehalten, ob die nun wohl über die A1 fahren. Und es war tatsächlich so. Manchmal musste ich zwar etwas länger stehen, aber es waren doch viele unterwegs, denen ich dann zugewinkt habe. Friedrich Bartels (Kulturverein Ottersberg): Wir hatten unser kleines Reihenhaus in Bremen voller Gäste. Zwei Tage später sollte die Taufe unseres Sohnes Hauke im Dom stattfinden. Im Keller hatten wir ein Kaminzimmer mit einem kleinen Fernseher. Dort drängelte sich jetzt alles und wollte die bewegenden Ereignisse verfolgen. Ich war froh, dass der Unrechtsstaat DDR jetzt am Ende war und hoffte auf die Schaffung eines neuen, demokratisch-sozialistischen Staates, so ganz ohne Stasi, Wahlfälschungen und Schießbefehl, aber eben auch ohne die Perversionen des Kapitalismus. Ralf Goebel (Visselhöveder Bürgermeister): Für mich war es ein absolut spannendes Erlebnis. Ich arbeitete damals als Lehrer in Zeven, und als die Maueröffnung kam, saß ich zu Hause vor dem Fernseher, damals in Rotenburg. Die Nachrichten lösten eine Gänsehaut bei mir aus. Denn es war der Beginn eines absoluten politischen Wandels. Ich habe zuvor immer die Montagsdemos verfolgt. Damals hatte man allerdings das, was dann am 9. November 1989 passierte, nicht für möglich gehalten. Da kamen dann auf einmal die DDR-Bürger über die Grenze: Das war quasi eine Abstimmung mit Füßen. Das Schöne war, dass der Protest zuvor das möglich gemacht hatte. Gleichzeitig war da aber auch die Angst: Was macht nun der große Bruder im Osten und gelingt es, den sanften Prozess fortzuführen? Es war ja die Zeit des kalten Krieges und der Hochrüstung. Von DDR-Besuchen Jahre vor dem Mauerfall hatte ich schon ein aktuelles Bild von der Lage dort. Im Dezember 1989 ging es dann zum ersten Mal nach der Wende über die Grenze. Das war dann schon noch einmal Gänsehaut-Feeling: ohne Kontrolle, einfach rüber, ohne Angst, ohne die einschüchternden Durchsuchungen des Autos. Letztendlich ist das doch auch ein schönes Gefühl für Deutschland gewesen, ähnlich wie später, 2006, bei der Fußballweltmeisterschaft: Es war ein Anfang, Nationalität anders zu denken. Christine Behrens (Vorsitzende des Heimatvereins Scheeßel): Sonntag, 13. August 1961: Mein erstes Kind sollte an diesem Tag geboren werden. Zwischen den Geburtswehen hörte ich vom Bau der Berliner Mauer. Einige der Ärzte und Krankenschwestern waren angesichts dieser Entwicklung entsetzt und besorgt, weil sie Familienangehörige in der DDR hatten. Durch den Geburtstag unseres Sonntagskindes werde ich jedes Jahr aufs Neue an die Ängste erinnert, die mit dem Mauerbau verbunden waren. Ein Ende der Teilung Deutschlands schien unmöglich. Die Unfreiheit der Bevölkerung in der DDR, die mit dem Mauerbau und den Grenzzäunen verschärft wurde, trennte zahlreiche Familien voneinander. 28 Jahre später: Meine Bewunderung für die unerschrockenen Teilnehmer der Freiheitsdemonstrationen ließ leise Hoffnungen aufkeimen, dass die Teilung Deutschland zu überwinden sei. Am 9. November 1989 saß ich über den Vorbereitungen für einen Weihnachtsmarkt, als erste Meldungen über die Grenzöffnungen eintrafen. Ich habe die Arbeit ruhen lassen, habe Radio und Fernsehen genutzt, um auf diese Weise an der Entwicklung an der deutsch-deutschen Grenze teilzunehmen – und das bis spät in die Nacht hinein. Meine Familie hat gemeinsam mit einem unserer Nachbarn gejubelt, dessen Mutter und Geschwister unter dem Regime in der DDR gelitten hatten. Die Freude war so groß, dass wir Sektkorken knallen ließen. Die Bilder von Grenzübergängen mit unzähligen fröhlichen Menschen bleiben mir unvergessen. Andreas Weber (Rotenburger Bürgermeister): Ich habe auf der Polizeidienststelle in Bremen im Fernsehen gesehen, was in Berlin passiert ist. Hinsichtlich meiner Erfahrungen an den Grenzübergängen, insbesondere der Behandlung am Übergang Friedrichstraße, war es für mich irreal, dass dort eine friedliche Revolution passierte. Dann sagte der Minister für Staatssicherheit, Erich Mielke, dass die Grenzen ab sofort frei passierbar seien. Für mich war es ein unheimliches Glücksgefühl, anschließend zu sehen, wie die Menschen auf der Mauer saßen oder von der Volkspartei einfach durch die Grenzübergänge gewinkt wurden. Als Handballer des Tus Rotenburg hatten wir damals eine Kooperation mit dem Verein in Stavenhagen gehabt. Die haben uns alsbald in Rotenburg besucht. Überraschend war, dass meine Tochter einen Stavenhagener (keinen Handballer) kennen- und liebengelernt hat. Das sind persönliche Dinge, die ich gern mit diesem Erlebnis verbinde. Angelika Pütz (Veranstaltungsmanagerin des Heimathauses, Rotenburg): Zu der Zeit war ich noch ein junges Mädel. Wir haben Familie mütterlicherseits in der DDR, die wir damals alle zwei Jahre besuchten. Die Kontrollen an den Grenzen waren fürchterlich. Das Ereignis haben wir am Fernseher verfolgt. Meine Mutter hat sich wirklich gefreut und war ganz aufgeregt: ,Mensch, die Mauer ist gefallen. Jetzt kann Tante Helga ja zu uns kommen.’ Aber meine Tante wollte gar nicht. Wie sie waren einige Verwandte Mitglieder in der Partei. Meine Tante ist eine intelligente Frau, muss aber wohl zu sehr mit dem System behaftet gewesen sein. Ansonsten ist sie vielseitig interessiert. Das muss doch schlimm für eine solche Frau sein. Anita Klindworth (Mitglied der Spinngruppe des Heimatvereins Sittensen): Da ich seinerzeit in Berlin gewohnt und gearbeitet habe, war ich direkt vor Ort. Ich bin in der Nacht zum 9. November mit dem Zug von Mannheim nach Berlin gereist. Unterwegs trafen wir bereits auf Züge mit Botschaftsflüchtlingen. Morgens um 6 Uhr kamen wir auf dem Bahnhof Zoo an und erfuhren, dass die Mauer offen ist. Wir haben am Ku’damm gefrühstückt, sind zum Checkpoint Charly und dann mit einer Flasche Sekt zur Mauer. Dort wurde gefeiert. Die Stadt hat nicht geschlafen, alle waren aufgeregt. Es war ein wirklich ergreifendes und außergewöhnliches Wochenende. Dorothee Heinze (TV Sottrum): Meine Enkelin ist an dem Tag gerade zwei Jahre alt geworden – der Fall der Mauer war also das beste Geburtstagsgeschenk, das man sich vorstellen kann. Was passiert ist, habe ich bei der Widersprüchlichkeit der Aussagen zuerst gar nicht richtig verstanden. Ich habe direkt mit Bekannten gesprochen und telefoniert. Die wollten mir das zuerst überhaupt nicht glauben. Abends waren die Nachrichten im Fernsehen dann voll davon. Die Leute strömten über die Grenze und mir kamen bei den Bildern die Tränen. Ich hatte den Mauerbau ja selbst miterlebt und in meiner Schulzeit waren wir in der BRD darüber empört, dass es bis zum Schluss von westlicher Seite keinen Widerstand gab.

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