Nina Pfeiffer veröffentlicht kindgerechte Fabel über die Krankheit Depression - Von Dennis Bartz

Raus aus dem Schneckenhaus

Nina Pfeiffer widmet sich in ihrem Kinderbuch einem schwierigen Thema: an Depression erkrankten Eltern.
 ©Foto: Dennis Bartz

Landkreis Rotenburg. „Es war einmal eine kleine Schnecke“, so startet die Fabel von Kinderbuchautorin Nina Pfeiffer. Die 41-Jährige hat im September ihr Erstlingswerk „Tessa die tapfere Schnecke“ im Rotenburger Verlag Edition Falkenberg veröffentlicht. Sie thematisiert in dem Buch, das mit farbenfrohen Bildern von Charline Alcantara aus Bremen illustriert ist, die Erkrankung, gegen die selbst seit Jahren kämpft.

Die dreifache Mutter leidet an Depressionen. Während ihrer Therapie stellte sie fest, dass es keine geeignete Lektüre gab, die erkrankte Eltern nutzen können, um kindgerecht zu erklären, wie sie sich fühlen. „Es ist aber sehr wichtig, Kinder mit ihren Sorgen nicht allein zu lassen. Sie nehmen die Unsicherheit und Traurigkeit ihrer Eltern wahr und fühlen sich dafür oft mit verantwortlich. Sie machen sich Gedanken darüber, ob sie etwas Falsches gesagt oder getan haben“, erklärt Pfeiffer, die mit ihren Kindern vor einem Jahr von Kirchtimke nach Bremen gezogen ist.

Pfeiffer erinnerte sich an eine Geschichte, die sie während ihres Aufenthalts in einer psychosomatischen Klinik geschrieben hatte: die Fabel der tapferen Schnecke Tessa. Das mutige Schneckenmädchen lebt mit ihrem Vater und ihren drei Brüdern Tim, Tom und Tammo unter der Wurzel einer großen alten Eiche. Die Mutter ist früh verstorben. Die Familie rückt dadurch noch enger zusammen und meistert die schwierige Situation bestmöglich.

Doch eines Tages verändert sich der Vater. Er wird still, ist oft müde und zieht sich immer weiter in sein Schneckenhaus zurück. Als sich die Situation nach einigen Wochen weiter verschlechtert, begreift Tessa, dass es nicht nur Frühjahrsmüdigkeit ist, die ihrem Vater die Kraft für ganz alltägliche Dinge raubt.

Das feinfühlige Schneckenmädchen spürt, dass er ernsthaft krank ist. Sie macht sich zunehmend Sorgen, pflegt ihn, anstatt zur Schule zu gehen. Aber auch das hilft nicht. Tessa begibt sich deshalb auf eine abenteuerliche Reise zu Dr. Huckepack, der einen Sechs-Tages-Marsch entfernt lebt. Unterwegs lernt sie einen neuen Freund kennen, der ihr auf ihrer Reise eine wichtige Stütze wird. Sie beschreibt Dr. Huckepack, wie es ihrem Vater geht, und der Schneckenarzt weiß sofort: Tessas Vater leidet unter Schneckentristesse. Aber kann er ihm helfen?

Auf diese Frage hatte auch Pfeiffer lange keine Antwort. „Der ursprünglichen Geschichte fehlte damals noch etwas ganz Entscheidendes: das Happy End. Denn das hatte ich zu diesem Zeitpunkt selbst noch nicht erlebt.“

Sie schrieb ihre Geschichte unter fachlicher Beratung von Diplom-Psychologe Henner Spierling vom Sozialpädiatrischen Zentrum (SPZ) am Diakonieklinikum Rotenburg und Dr. Friedrich Haun, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie in Bremen, kindgerecht und und zu Ende, damit andere betroffene Eltern ihren Kindern Tessas Abenteuer vorlesen und so mit ihnen ins Gespräch kommen können.

Der Bedarf danach ist groß. Experten gehen davon aus, dass bei einem von sechs Kindern in Deutschland Mutter oder Vater an einer psychischen Erkrankung leiden. Etwa drei Millionen Kinder sind somit nach Schätzungen betroffen. In diesem Jahr sei der Bedarf sogar noch gestiegen, glaubt Pfeiffer: „Viele Menschen sind wegen der Corona-Pandemie verunsichert, haben weniger soziale Kontakte und fühlen sich von Arbeitslosigkeit bedroht. Sie geraten schnell in eine Situation, in der sie sich hilflos fühlen. In den Herbst- und Wintermonaten, wenn uns zusätzlich die Sonne fehlt, spitzt sich die Lage dann womöglich zu. Aus einem kurzzeitigen Tief wird eine Depression, die der Erkrankte alleine nicht in den Griff bekommt“, so Pfeiffer.

Depression sei noch immer mit viel Scham verbunden. „Eltern wollen stark sein und haben Angst, nach außen hin Schwäche zu zeigen. Ihnen fällt es oft schwer, sich einzugestehen, dass sie keine Superhelden sind. Dabei ist eine Depression nichts, wofür man sich schämen muss. Sie kann jeden treffen. Das ,Leben mit Gepäck‘ zu bewältigen ist etwas, was man alleine nicht schaffen kann. Die Gesellschaft muss darüber sprechen und darf Erkrankte nicht stigmatisieren.“ Auch sie habe lange versucht, die Fassade aufrecht zu erhalten: „Daraus ist für mich ein Gefängnis geworden. Einige Menschen haben sich von mir distanziert.“

Wer feststellt, dass mit ihm etwas nicht stimmt, der sollte möglichst frühzeitig handeln, rät die 41-Jährige: „Der Hausarzt ist der erste Ansprechpartner. Er verfügt über die nötigen Kontakte und kann dem Erkrankten womöglich helfen, schneller einen Therapieplatz zu bekommen. Denn die Situation ist äußert schwierig: Wartezeiten von einem Jahr sind in Deutschland ganz normal. Das ist lebensfremd, denn niemand weiß vorher, dass es ihm in einem Jahr schlecht gehen wird.“

In seinem Vorwort erklärt Professor Andreas Thiel, Chefarzt am Diakonieklinikum Rotenburg: „Depressive Erkrankungen belasten die betroffenen Menschen und deren Angehörige sehr. Patienten, die an einer Depression erkrankt sind, verlieren die Fähigkeit, sich zu freuen. Sie leiden unter Schlafstörungen, verlieren Antrieb und Interesse und sind oft zusätzlich durch körperliche Beschwerden, viele Sorgen und häufig auch Suizidgedanken gequält. Die Angehörigen sind ebenfalls betroffen. Erkrankt ein Elternteil an Depression, bringt das Veränderungen für alle Familienmitglieder mit sich. Am schwierigsten ist es meist für die Kinder. Wenn sie das veränderte Verhalten von Vater und Mutter nicht richtig verstehen und einordnen können, reagieren sie möglicherweise mit Schuldgefühlen, Ärger und Traurigkeit.“

„Ähnlich wie die tapfere Schnecke Tessa, übernehmen viele Kinder mit einem psychisch erkrankten Elternteil oft große Verantwortung und zuweilen Versorgungsaufgaben innerhalb der Familie. Gleichzeitig sehen sie sich häufig einer Mauer aus Schweigen und Tabuisierung gegenüber. Sie bleiben in ihrer Not ungesehen, mit ihren Sorgen allein und stellen eigene Bedürfnisse und Entwicklungsaufgaben zurück. Fachleute gehen davon aus, dass diese Kinder mit einer erhöhten Wahrscheinlichkeit später selbst eine psychische Krankheit entwickeln. Das Märchen bietet durch die kindgerechte Sprache und mithilfe ausdrucksstarker Bilder eine gute Grundlage, um über die Krankheit und alle damit verbundenen Auswirkungen auf eine Familie miteinander ins Gespräch zu kommen. Die niedlichen Figuren nehmen Hemmungen und bauen eine Brücke, um einen Weg aus der oft herrschenden Sprachlosigkeit zu finden“, ergänzt der wissenschaftliche Berater Henner Spierling.

Damit möglichst viele erkrankte Eltern und deren Kindern das Buch nutzen können, hat Pfeiffer sämtliche Grundschulen im Landkreis Rotenburg ein kostenloses Exemplar angeboten. „Das Interesse darin ist sehr groß. Viele Schulen haben sich sofort zurückgemeldet“, freut sich Pfeiffer, die gerne auch Lesungen anbieten würde, sobald dies die Corona-Pandemie wieder zulässt.

• „Tessa die tapfere Schnecke“ für Kinder vom Grundschulalter bis zur sechsten Klasse ist erschienen im Verlag Edition Falkenberg. Die 64 Seiten sind mit zahlreichen Bildern illustriert. Die Vorlesezeit der Fabel beträgt etwa 20 Minuten. Im zweiten, fachlichen Teil des Buches erklärt Autorin Nina Pfeiffer Eltern die wichtigsten Begriffe aus der Geschichte – so ist mit der bereits erwähnten „Schneckentristesse“ die Erkrankung Depression gemeint. Das Buch ist überall im Buchhandel erhältlich: ISBN 978-3-95494-182-7. Der Preis beträgt 12,90 Euro.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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