Natur-Looks: Streuobstwiesen sind eine gefährdete Anbaumethode - VON CHRISTIANE LOOKS

Auf den Stamm kommt es an

Apfelernte auf einer Streuobstwiese der Biologischen Schutzgemeinschaft.
 ©BSW

Rotenburg – Jedes Jahr zur Apfelernte in den 1960er Jahren bestieg die jüngste Schwester meiner Mutter mit ihrer Familie den heiß geliebten Uralt-Volvo, ausgestattet mit Apfelpflücker, Körben und Kisten, um aus Kassel ins hessische Umland zu fahren, wo auf einer Streuobstwiese Apfelbäume gepachtet waren. Eine passende Leiter stellte der Besitzer jener Obstwiese zur Verfügung, und gemeinsam wurde geerntet, was die seitens des Eigentümers sorgsam gepflegten Bäume hervorbrachten.

Streuobstwiesen waren in Mitteleuropa lange üblicher Bestandteil eines Hofes. Dort, wo jemand noch mit der Sense umgehen konnte, wurde die Wiese auch zur Heugewinnung genutzt, ansonsten pflegten Schafe das Grünland, oder Kälber liefen auf ihm herum. Diese sogenannte „Unternutzung“ zu der „Obernutzung“ durch Hochstamm-Obstbäume war typisch für Streuobstwiesen. Durch Unternutzung wurde sichergestellt, dass sich die Wiese nicht zu einer Fläche entwickelte, in der kein Fallobst im hohen Gras gesammelt werden konnte, und ohne Fallobst gab es keinen Apfelsaft, kein in Norddeutschland beliebtes Apfelmus oder Apfelkompott, denn Mus und Kompott wurden neben dem Saft nicht aus Pflückäpfeln hergestellt, weil unbeschädigte Äpfel gelagert werden konnten, während Fallobst unbedingt zu verarbeiten war, sollte es noch für Pfannkuchen mit Apfelmus, Sonntags-Kompottnachtisch mit Makronenstückchen und Sahne sowie durstlöschendem Apfelsaft genutzt werden.

Standen Obstbäume in einem Selbstversorgungsgarten, schränkte dies Nutzungsmöglichkeiten auch bei Verwendung von Hochstämmen ein, weil Fallobst im Gemüsebeet auf sorgfältig Gezogenes unter ihm nun mal keine Rücksicht nimmt. Also empfahl es sich, in einem Obstgarten mindestens die sogenannte Baumscheibe direkt unter dem Baum aus der Nutzung zu nehmen. Standen Obstbäume dagegen in Bereichen, wo eine Unternutzung durch Federvieh erfolgte, hatte dieses den Vorteil, dass bei einem als Hühnerhof genutzten Obst-, beziehungsweise Appelhof Ungeziefer vor allem von fleißig scharrenden Hühnern beseitigt wurde, heruntergefallenes Obst allerdings ebenfalls.

In den Wintermonaten erfolgte auf Streuobstwiesen, in Obstgärten, Appel- und Obsthöfen der unbedingt nötige Obstbaumschnitt, denn nur regelmäßiger Schnitt führt zu Ergebnissen, die sicher stellen, dass lagerfähiges Obst über Winter zur Verfügung steht, heute wie gestern. Das Schnittgut wiederum wurde zusammengetragen und so gelagert, dass es durchtrocknete und anderweitig verwendet werden konnte, zum Beispiel, um morgens die Ofenheizung in Gang zu setzen, ohne die für heutige Verhältnisse schlecht isolierten Wohnhäuser mit den damals üblichen Einfachglasfenstern unangenehm kalt blieben.

Mittlerweile hat sich ein unter heutigen Wirtschaftsbedingungen effektiver zu bewirtschaftender Obstplantagenbau durchgesetzt mit marktkonformem Obst auf niederstämmigen Bäumen. Für den Biotoptyp Streuobstwiese wird es dagegen immer schwieriger, sich zu behaupten. Seine ehemals vorhandene Sortenvielfalt mit weit über 6  000 Obstsorten für fast jeden, auch scheinbar schwierigsten Boden und für fast jeden Zweck von Frischobst über Verarbeitetes zu Saft, Wein oder Brand, ist heute unattraktiv, da Fortschritte im Obstbau wirtschaftlich effizientere Vereinheitlichungen ermöglichen und Konsumentenwünsche sich günstigeren Angeboten anpassten, mit der Folge, dass regionale Besonderheiten wie sie Streuobstwiesen boten, immer weniger nachgefragt werden. Dabei gibt es mittlerweile eine Fülle von Fördermöglichkeiten für die Anlage von Streuobstwiesen, auch hier im Landkreis, die nur darauf warten abgerufen zu werden, denn der ökologische Wert solcher Obstwiesen für Flora und Fauna ist unbestritten.

Seit 1980 wurden verstärkt Neupflanzungen als Ausgleich für genehmigungspflichtige Bauwerke verordnet – eine hilfreiche Maßnahme zur Erhaltung des gefährdeten Biotoptyps Streuobstwiese. Leider verhindert fehlende Pflege aber nur zu oft eine angemessene Entwicklung solcher Ausgleichsmaßnahmen. Trotzdem gibt es Pflanzungen, die sich positiv entwickeln. Eine befindet sich an der B 71 am nördlichen Ortsausgang Mulmshorns im Anschluss an das Gewerbegebiet in Richtung Autobahn A 1. Sie fällt sofort auf mit ihren Stützpfählen für die Jungbäume und einem Tankwagen für eventuell erforderliche Maßnahmen bei zu großer Trockenheit. Und irgendwann wird diese jetzt noch neue Streuobstwiese bei entsprechender Pflege auch so aussehen wie die der Biologischen Schutzgemeinschaft Wümme auf dem Foto, deren fachgerechte Pflege auch mit Hilfe von Grünland pflegenden Schafen reiche Ernten leuchtender, schmackhafter Äpfel ermöglicht.

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