Moose im Garten: Zu Unrecht abgelehnte Pflanzen

Überlebenskünstler

Schönes Widertonmoos u2013 häufiges Moos in Wäldern. Foto: Joachim Looks
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Eversen. Anfang der 1970er-Jahre war unser Bekanntenkreis im immer noch industriell geprägten Ruhrgebiet bunt durchmischt: von den Hamburger Elbmarschen bis Oberbayern, von Schlesien bis zum Niederrhein. Klar, dass bei so einem Einzugsgebiet manche der auch hier beibehaltenen Gewohnheiten unserer Bekannten auf uns Neubürger ungewöhnlich wirkten: schlesische Mohnknödel, niederrheinische „Endivien untereinander“ und bayrische Weißwurst, die unsere Schongauer Bekannten nach einem Heimatbesuch als etwas Besonderes mitbrachten.

Eigentlich werden Weißwürste am Tag der Herstellung bis zum 12 Uhr Mittagsgeläut der nächst gelegenen Kirche verzehrt. Uns wurde die bayrische Spezialität aber erst nach der Ankunft der Zurückgekehrten am Abend vorgesetzt. Als die in heißem Wasser servierte weiße Wurst auf den Tisch kam, betrachtete mein Mann etwas fassungslos den Inhalt seines Schüsselchens, um wortlos in der Küche zu verschwinden und den Schüsselinhalt zum Entsetzen unserer Gastgeber in einer Pfanne knusprig zu braten.

Später lernten wir bei einem Silvesterbesuch in der idyllisch gelegenen Familienhütte der Schongauer am Lech etwas anderes kennen: „Miesch“. Die Hütte war in der Zeit des zweiten Weltkriegs aus Brettern gebaut und wurde durch eine „Küchenhexe“ beheizt, ein mit Holz befeuerter Herd, den ich aus meinem Elternhaus kannte, ehe meine Mutter die „Hexe“ durch einen Elektroherd ersetzte, der weniger Arbeit machte, aber die Küche nicht mehr erwärmte. Die „Küchenhexe“ unserer Bekannten vermochte dieses bestens, und da die Hütte zusätzlich ordentlich gemiescht worden war, stand der warmen Silvesterfeier am Lech nichts entgegen.

Mieschen ist eine alte Isolierungstechnik. Moos, „Miesch“, wurde sorgfältig in alle Spalten gestopft, die durch Austrocknung und Schrumpfung von Holz entstanden, damit Wind nicht durch sie hindurch in Räume fegte und keine Gemütlichkeit aufkommen ließ. Das musste zwar jedes Jahr wiederholt werden, kostete aber außer Zeit nichts, weil das Ausgangsmaterial kostenlos zur Verfügung stand. Getrocknet wurden Moose auch als Unterbett und zur Füllung von Kissen sowie Matratzen verwendet.

Moose gibt es vermutlich seit mehr als 400 Millionen Jahren. Als Fossil sicher belegt ist ein vor 350 Millionen Jahren entstandenes Lebermoos. 16.000 Moosarten soll es weltweit geben. Sie benötigen nicht viel Platz, haben keine Wurzeln, nehmen notwendiges Wasser und Nährstoffe aus der Luft, können auf Steinen, Felsen oder Sand gewissermaßen als Pioniere wachsen, werden nicht groß, brauchen aber Zeit zum Wachsen, weshalb sie schnell von anderen Pflanzen bedrängt werden. Dies führt dazu, dass sie Standorte besiedeln, die für andere uninteressant sind. Wo Moose sich etablieren, sind sie Lebensraum für Würmer, Insekten mit und ohne Flügel sowie viele andere Vertreter der Kleintierwelt. Im Nährstoff- und Wasserkreislauf erfüllen sie wichtige Funktionen wegen ihrer Fähigkeit Nährstoffe nicht nur aus Niederschlag aufzunehmen, sondern sogar Nässe aus Nebel zu filtern und begrenzt zu speichern. Deshalb sind sie in ihren Lebensräumen unverzichtbar und halten dafür auch einiges aus, beispielsweise eine Eiszeit von 1.500 Jahren. Die überlebte eine eingefrorene Moorpflanze unter arktischem Eis, bis sie nach ihrem Fund unter herbeigeführten, idealen Bedingungen wieder zu sprießen begann – Ötzi, die Gletschermumie aus dem Tiroler Ötztal, lag zwar dreieinhalb mal so lange unter Eis, erwachte aber nicht wieder zum Leben nach ihrem Auftauen vor dreißig Jahren.

Moose sind interessante Pflanzen, bloß nicht in häuslichen Grünflächen. Dort wird alles unternommen, um ihnen den Garaus zu machen. Erscheinen nach gefühlt endlos langen Wintermonaten endlich die ersten Anzeichen für einen beginnenden Frühling, wird das lästige Moos mühsam aus später hoffentlich sattgrünen Rasenflächen ausgeharkt, um anschließend eine traurig lückige Fläche mit schäbigen Grasresten und sehr viel nacktem Boden zu hinterlassen, ideal für das rasche Aufkeimen unerwünschten Unkrauts.

Selbst teures Nachsäen wird an diesem Zustand nichts ändern, denn wo es nicht die grundsätzlichen Bedingungen für einen sattgrünen Rasen gibt, stellen sich dieser auch nicht nach eifrigem Düngen, intensivem Wässern und häufigem Mähen ein. So schwer es fällt, es ist zu akzeptieren, dass manche Bedingungen einfach nicht für einen moosfreien Rasen reichen werden und es statt dessen „nur“ einen weichen, grünen, nicht zu mähenden Moosrasen gibt. Dafür kann etwas anderes probiert werden, was ich zum ersten Mal überrascht in einem Buch über alte chinesische Gartenkunst fand: einen Moosgarten zu akzeptieren. Er benötigt ein tendenziell luftfeuchtes Klima, in einem hiesigen Garten also eine schattige, feuchte Gartenecke, nährstoffarm, am besten sandig, leicht hügelig geformt und mit Felsen durchsetzt. In unserem Garten ergab sich das von alleine, denn die eiszeitliche Binnendüne, von der unser von hohen Bäumen beschattetes Grundstück durchzogen wird, schuf vergleichbare Bedingungen. Zu unserem Glück wuchs außerhalb unseres Geländes „Schönes Widertonmoos“ (Polytrichum formosum), ein Boden besiedelndes, häufiges Moos in Wäldern, humusbildend und Boden festigend. Das auch Frauenhaarmoos genannte Moos wanderte in den von Bäumen geprägten Landschaftsgarten und siedelte sich freiwillig an vielen, für das Moos geeigneten Stellen an. „Unser“ Moos schmiegt sich in Baumwurzeln. Es bildet nicht die dicken Polster der Moosflächen außerhalb des Grundstücks, ist aber willkommene Bereicherung, so wie wir gelernt haben, völlig durchmooste Grünflächen statt sattgrünem Rasen zu akzeptieren.

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