Mediziner Lars Sieske gibt Tipps für ein unbeschwertes Hurricane - Von Dennis Bartz

Geheimtipp: Powernapping

Lars Sieske, stellvertretender Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfallmedizin im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg
 ©Rotenburger Rundschau

Scheeßel. Am Wochenende feiern wieder bis zu 100.000 Menschen auf dem Hurricane Festival. Laute Musik, zu wenig Schlaf und oft zu viel Alkohol – das steckt der Körper nicht so leicht weg. Lars Sieske, stellvertretender Ärztlicher Leiter des Zentrums für Notfallmedizin im Agaplesion Diakonieklinikum Rotenburg, beantwortet im Interview mit der Rundschau die wichtigsten medizinischen Fragen rund um das größte Event des Jahres.

Was wird beim Hurricane als „Glücklichmacher“ ausgeschüttet?

Lars Sieske: Das Glücksgefühl wird ausgelöst durch ein komplexes Zusammenspiel und die Ausschüttung von sogenannten „Glückshormonen“ – Dopamin, Serotonin, Noradrenalin und Beta Endorphin. Hierdurch bestehen ein Wohlbefinden, eine Gelassenheit, ein positives Aufgeregtsein, vermindertes Schmerzempfinden, gesteigerte Fantasie, Antrieb und Aufmerksamkeit sowie Begeisterung. Beim Hurricane kommt der Schlaf häufig zu kurz. Wovon sollte ich die Finger lassen, wenn ich lange wachbleiben möchte? Sieske: Sämtliche Alkoholika, selbst sehr kalorienreiche Mixgetränke, lassen Müdigkeit aufkommen. Ebenso sind sehr fett- und proteinreiche Speisen eher müdigkeitsfördernd. Ein Flüssigkeitsmangel sollte ebenso vermieden werden. Cola ist zwar sehr kalorienreich und koffeinhaltig – wirkt zunächst stimulierend, kann aber im Verlauf auch zu übermäßigen Reizung und anschließender stärkerer Müdigkeit führen. Worauf sollten die Besucher setzen? Sieske: Haferbrei am Morgen vertreibt Hunger und Sorgen – und er wirkt vor allem auch gegen Müdigkeit – selbst hartnäckigste. Die langkettigen Kohlenhydrate im Hafer liefern Energie ohne den Blutzuckerspiegel zu schnell ansteigen zu lassen und dadurch für eine vermehrte Ausschüttung von Insulin zu sorgen. Warmer Brei zum Frühstück verhindert einen Energieverlust durch den Stoffwechsel, denn er muss nicht erst auf Körpertemperatur gebracht werden. Bananen sorgen mit ihren langkettigen Kohlenhydraten ebenfalls für einen sommerlichen Energieschub, der länger anhält. Verschiedene Mineralstoffe und vor allem Magnesium tragen zu einem normalen Energiestoffwechsel bei. Was empfehlen Sie noch? Sieske: Eine weitere Alternative gegen Müdigkeit sind Nüsse. Insbesondere Walnüsse und Paranüsse liefern jede Menge Energie – beliebt ist das Studentenfutter mit Rosinen. Die darin enthaltenen Vitamine C und E tragen dazu bei, die Zellen vor oxidativem Stress zu schützen und leisten einen Beitrag zu einem normal funktionierenden Immunsystem. Die B-Vitamine B1, B2 und B3 wirken an einer normalen Funktion des Nervensystems mit, Pantothensäure an einer normalen geistigen Leistung. Kalorienbewusste Nascher sollten sich jedoch mit einer Handvoll begnügen, da die kleinen Kraftpakete einen beeindruckenden Brennwert aufweisen. Wie wichtig ist es, genügend Flüssigkeit zu sich zu nehmen? Sieske: Besucher sollten unbedingt ausreichend Wasser trinken, mindestens 30 bis 40 Milliliter pro Kilogramm Körpergewicht am Tag (bei 70 Kilogramm etwa zwei bis drei Liter). Bei Hitze oder großer Anstrengung – so, wie sie bei Festivals vorkommen – sogar wesentlich mehr. Und auch hier gilt: am „energiesparendsten“ ist lauwarmes Wasser. Das wärmt nicht nur von innen, der Organismus muss auch keinen Temperaturunterschied ausgleichen, der immer auch Energie kostet. Kaffee wird von vielen als Wachmacher Nr. 1 bezeichnet. Zurecht? Sieske: Das stimmt. Kaffee ist zwar ein beliebtes Wachmacher-Getränk, die stimulierende Wirkung hält gegen Müdigkeit allerdings nicht lange vor. Auf das Zwischenhoch folgt eine noch größere Erschöpfung. Zusätzlich macht das Koffein, wie erwähnt, nervös, was sich wiederum negativ auf Konzentrations- und Leistungsfähigkeit auswirkt. Welchen Geheimtipp haben Sie stattdessen? Sieske: Das Powernapping. Ein kleines Nickerchen von 20 bis 30Minuten zum Beispiel am Mittag oder zwischen einzelnen Events fördert die Konzentrations- und Leistungsfähigkeit. Länger dürfen die Augen allerdings nicht geschlossen bleiben, sonst rutschen wir in die Tiefschlafphase ab und der eigentlich gegen Müdigkeit gedachte Effekt kehrt sich ins Gegenteil um. Warum ist Schlaf überhaupt wichtig und warum können wir darauf nicht verzichten? Sieske: Ohne Schlaf geht es nicht. Es gibt eine lange Liste der körperlichen und seelischen Folgen von Schlafmangel: nachlassende Konzentration, verminderte geistige Leistungsfähigkeit, zunehmende Gereiztheit bis zu Persönlichkeitsstörungen und Suizidgedanken. Muskelspannung, Atmung, Herzschlag, Blutdruck, Körpertemperatur, Hormone, Stoffwechsel und andere Funktionen geraten durcheinander, wenn der natürliche Rhythmus von Schlafen und Wachen längerfristig gestört wird. Schlafentzug ist nicht umsonst eine Foltermethode. Es bedeutet Stress. Schlaf benötigen wir zum Erholen und Lernen sowie zur Stärkung unseres Immunsystems. Bezogen auf ein Festival sei darauf hingewiesen, dass der Genuss sicherlich intensiver ist, desto ausgeschlafener wir sind. Besucher sollten den Genuss in den Schlaf mitnehmen, wenn unser Körper den Schlaf fordert. Was macht der Körper bei Schlafmangel und übertriebenem Alkoholkonsum durch? Sieske: Schlafmangel ist eine Stressreaktion, die kurzfristig sicherlich gut kompensiert werden kann. Langfristig führt er jedoch zu ernsthaften gesundheitlichen Folgen. Ebenso ist ein übermäßiger Alkoholkonsum damit verbunden, dass ein Festival frühzeitig enden kann, im Ernstfall sogar auf einer Intensivstation mit einer schweren Alkoholvergiftung. Auf dem Hurricane Festival wird es laut. Wieviel (v)erträgt das Gehör? Sieske: Es kommt auf die Intensität und Dauer an, die unser Gehör Lärm oder Musik ausgesetzt sind. Es ist bei Festivals immer davon abhängig, welche Gruppen spielen und außerdem, wo man steht. Etliche Rock- und Popmusiker mussten ihr Gehör schon opfern – kurzfristig ist vieles kompensierbar. Dennoch sollte man einen Schutz bei sehr lauter Geräuschkulisse tragen. Hier sind diverse Möglichkeiten im Handel zu finden – beispielsweise Ohr- und Gehörschutzstöpsel. Häufig hört man, dass zu kräftiger Bass zu Herzrhythmus-Störungen führen kann. Stimmt das? Sieske: Grundsätzlich ist diese Frage mit „Ja“ zu beantworten. Allerdings müssen dazu weitere Faktoren wie Stress, Schlafmangel, Flüssigkeitsdefizit und eine Störungen des Elektrolythaushalte, also der Blutsalze, begleitend bestehen. Zudem muss bei Herzrhythmus-Störungen zwischen ungefährlichen Formen und durchaus bedrohlichen unterscheiden werden. Zu den ungefährlichen Formen gehören einzelne Extraschläge, die als Fehlzündungen eines normalen Herzens angesehen werden können. Andere, ernsthaftere Herzrhythmusstörungen sind meist im Rahmen einer anderen Herz- oder Grunderkrankung vorhanden und können hierbei durch Stresssituationen gefördert werden. Wer ein paar kleine Regeln beachtet, kann sich ein unbeschwerten Musikgenuss freuen.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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