Erinnerungen: 1945 floh der Wahl-Oytener Hartmut Krause aus Ostpreußen - Von Elke Keppler-Rosenau

Flüchtling wider Willen

Die Stadt Mohrungen (hier eine Aufnahme von 2008) gehört heute zu Polen und hat rund 14.000 Einwohner.
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Oyten (bb). Es vergeht seit Monaten kaum ein Tag, an dem nicht das Wort „Flüchtlinge“ durch die Medien geistert. Jene Flüchtlinge, die mal auf offene und mal auf verschränkte Arme stoßen. Flüchtlinge, die sich von irgendwo her auf die Socken gemacht haben, um vor drohendem Unheil in ihrer Heimat zu fliehen.

Doch Flucht ist kein neues Phänomen, Massenflucht auch nicht. Viele Menschen haben ihre Heimat schon überstürzt verlassen müssen, sich auf eine Reise ins Ungewisse begeben. So wie Hartmut Krause 1945. Der in Oyten wohnende Autor und ehemalige Lokalpolitiker hat ein Buch über seine eigene Flucht aus Ostpreußen geschrieben. Und wer es liest, kann erkennen, dass damals wie heute nicht „Asyltourismus“ Antriebsfeder war, die Heimat zu verlassen, sondern die pure Angst um das eigene Leben.

Von Elke Keppler Rosenau „Kindheit in der Mitte des 20. Jahrhunderts – 1939 bis 1957“ titelt das Buch, das der Oytener Hartmut Krause 2015 schrieb und sich auch wie eine Verneigung vor der Lebensleistung seiner Mutter liest. Sie steht sinnbildlich für das, was Frauen in der Kriegs- und Nachkriegszeit durchmachen mussten. Das Buch fasst Erinnerungen an die Flucht aus Mohrungen, dem heutigen polnischen Teil des ehemaligen Ostpreußen 1945 zusammen, die unter dramatischen Umständen in Förste im Harz endete. Das Zugunglück von Grünhagen in der Nähe von Mohrungen vom 23. Januar 1945 ist dabei ein tief greifendes Erlebnis des Autors (mehr dazu im zweiten Teil des Artikels am kommenden Wochenende). Viele Menschen teilten damals das Schicksal des fünfjährigen Hartmut und seiner Mutter Charlotte. Wer nicht von selbst vor den herannahenden russischen Truppen floh, wurde gezwungen, die Heimat zu verlassen. Viel Gepäck konnte niemand mitnehmen, Hausrat schon gar nicht. Die meisten Menschen, die mehrere Koffer dabeihatten, mussten die Erfahrung machen, dass es in engen Zügen gar nicht möglich war, sie zu lagern oder auf sie aufzupassen, und so kamen sie auf ihren Irrfahrten meistens nur mit dem an, was sie auf dem Leib trugen. Es galt, Entbehrungen durchzustehen, die sich die Flüchtlinge, die in der Regel zuvor in geordneten Verhältnissen gelebt hatten, sich niemals hätten vorstellen können. Manche haben diese traumatischen Erlebnisse verdrängt. Sie sprechen nicht darüber, andere sind froh, vieles vergessen zu haben. Krause, ein kleines Kind damals, erinnert sich an jede Einzelheit und nahm dies zum Anlass, ein Buch darüber zu schreiben, dass er seinen zwei Söhnen und seinen Enkeltöchtern gewidmet hat. Bei Krauses Geburt war sein Vater, Bruno, gerade für den Polenfeldzug eingezogen worden, so erfuhr er erst Tage später von seinem Sohn. Krause beschreibt in seinem Buch, das übrigens nur in einer sehr kleinen Auflage erschienen ist, Mohrungen als eine liebenswerte Kleinstadt im ostpreußischen Oberland mit Sitz der Kreisverwaltung und allen wichtigen Behörden und Schulen der Region zwischen Elbingen und Alleinstein und nicht zuletzt die Geburtsstadt Johann Gottfried Herders. Akribisch beschreibt der Autor die Stadt, ihre Bausubstanz und auch die Wohnsituation seiner Kleinfamilie, die mit ihrem Beamtenstatus recht gut gestellt war. Er schildert die Nachbarschaft, die gepachtete Parzelle, die Dichterlesungen in seinem Elternhaus, bei denen die bekannte Schriftstellerin Agnes Miegel vorher zum Abendbrot kam. Der kleine Hartmut, ein behütetes Kind, war oft krank, hatte aber unbeschwerte Jahre der Kindheit, die jäh endeten, als der Vater 1944 in Bessarabien vermisst wurde und 28 Jahre keine Gewissheit über seinen Verbleib herrschte. Als die kriegsbedingte Lage in Mohrungen immer prekärer wurde, es Einquartierungen gab, die Lebensmittel knapp und knapper wurden und die Mohrunger anfingen, ihre Heimat zu verlassen, kam der Räumungsbefehl. Eilig wurde das Nötigste zusammengepackt. Die Krauses zogen mehrere Kleidungsstücke übereinander an, der kleine Hartmut bekam einen Paketanhänger mit Name und Anschrift um den Hals. Kinder in dem Menschengetümmel zu verlieren und das kam nicht selten vor, war der Albtraum aller Mütter. Was dann kam, hätten die Krauses sich niemals vorstellen können, die natürlich die Hoffnung hatten, dass es bald zurück in die Heimat gehen würde. Es begann eine dramatische Irrfahrt per Zug durch Ostpreußen, denn Charlotte Krause hatte sich geweigert, in einem Schiff die Ostsee zu überqueren. Zu groß war die Gefahr durch Torpedierungen. Schöne neue Welt? Sie erwies sich als mutige Krisenmanagerin mit einem sicheren Gespür für Gefahrensituationen. Mit einem Flüchtlingszug ging es durch das damalige Ostpreußen. Mal fuhren die Züge, mal nicht, mal blieben sie in Schneewehen stecken, mal waren die Weichen vereist. Eine Karte in dem Buch gibt Aufschluss über die geografischen Gegebenheiten. Hunger, Kälte, hygienischer Notstand, in den Waggons der Züge gab es alles, was man sich heute nicht mehr vorstellen kann. Tote, zumeist Alte oder Säuglinge wurden in Zwischenstopps neben den Gleisen im Schnee verscharrt. Unglaubliche Zustände auf Bahnhöfen, Menschen, die sich kannten, flüchtig begegneten und wieder verloren, aber alle gen Westen strebten, bevölkerten Transitstrecken. Niemand hatte einen Plan vom Wohin, weil nichts funktionierte. Es herrschte ein Zustand von Hunger, Krankheit und Angst, Hoffnungslosigkeit, Erschöpfung und Rückschlägen, die Krause so anschaulich beschreibt, als wären diese Ereignisse gestern gewesen. Die Frauen und Mütter waren es, die alles daransetzten, sich und ihre Kinder aus der Gefahrenzone zu bringen. Dass sie dabei oft genug vom Regen in die Traufe gerieten, war bei Antritt der Irrfahrten nicht absehbar, auch nicht, dass Mutter und Sohn dabei oft in unmittelbare Lebensgefahr gerieten. Der kleine Hartmut erlebte auf seiner Flucht aus Ostpreußen Situationen, in denen seiner Mutter nichts anderes übrig blieb, als über sich selbst hinauszuwachsen. Irgendwie musste Essen beschafft werden und die Sorge, wie man überleben sollte, ohne das Nötigste zu haben, war jeden Tag groß. Sie änderte sich auch nicht mit der Ankunft in Förste im Harz. Die Krauses wurden einquartiert, wie die meisten Flüchtlinge. Die Alteingesessenen wurden von den Alliierten nicht gefragt und von daher waren die zwischenmenschlichen Verhältnisse über Jahre angespannt. Frau Krause versuchte stets, die Situation ein wenig zu verbessern, aber die Notlage hielt über Jahre an, auch als Hartmut eingeschult wurde. Allein die Schülerzahl hatte sich über den Zuzug der Flüchtlinge mehr als verdoppelt, ohne dass ausreichend Räumlichkeiten oder Lehrer zur Verfügung gestanden hätten und Unterrichtsmaterial gab es auch nicht. Entnazifizierungsprozesse liefen. Lehrer Dietrich empfahl seinen Schülern, in Ermangelung von Papier, notfalls auf Zeitungsrändern zu schreiben. Aus amerikanischen Armeebeständen wurde eine tägliche Schulspeisung eingeführt, „ein ekeliges, breiiges Zeug“, wie Krause sich erinnert, aber nahrhaft und der Hunger trieb es eben rein. Die Besatzungsmächte hatten Deutschland unter sich aufgeteilt. Es war ihnen wichtig, die ehemaligen Kriegstreiber klein zu halten. Demontage von ganzen Fabriken, wenn sie denn nicht zerstört worden waren, mussten hingenommen werden. Es gab kein Heizmaterial, die Wälder waren quasi leer gefegt von Ästen, weil alle zum Holzsammeln loszogen, für das man auch noch einen Bezugsschein benötigte. Natürlich wurden auch die abgeernteten Felder nach Kartoffeln und Ähren abgesucht. Die Not machte die Menschen erfinderisch. Es gab Ersatzkaffee, künstliche Leberwurst aus altbackenen Brötchen und wer selbst ein kleines Stück Land für den Gemüseanbau nutzen konnte, fühlte sich wie ein König. Der Tauschhandel blühte, aber wer nichts zum Tauschen hatte, ging leer aus. Viele Familien hatten den Ernährer verloren, es oblag den Frauen, irgendwie für den Unterhalt zu sorgen. Interessant liest sich in dem Buch auch, wie sich die politische Entwicklung gestaltete, wie die westlichen Siegermächte schließlich den Marschall-Plan entwickelten, der ein europäisches Wiederaufbauprogramm enthielt. Anders als die Erwachsenen, die sich nur schwer mit den veränderten Lebensumständen abfanden, suchten und fanden die Kinder Schlupflöcher, in denen sich eine Kindheit leben ließ. Mit einfachsten Mitteln wurden Spielmittel gebastelt, denn zu kaufen gab es nichts und gespielt wurde auf der Straße. Ein Fahrrad oder ein Schlitten im Winter waren eine Kostbarkeit, die von mehreren Kindern gleichzeitig genutzt wurde. Natürlich wurden alle verfügbaren Verkehrsmittel mit Beschlag belegt. Insbesondere Züge, die in der Regel so überfüllt waren, dass die Leute stehen oder auf dem Boden sitzen mussten. Kinder saßen tagelang auf dem Schoß ihrer Mütter, an sanitäre Gegebenheiten war ebenso wenig wie an Verpflegung zu denken. Wer dennoch einen winzigen Platz in einem der Züge, die manchmal wie auf Irrfahrt zwischen den Bahnhöfen hin und her fuhren, ergattert hatte, wähnte sich bereits in Sicherheit. Aber es war eine trügerische Sicherheit. • Am kommenden Wochenende erinnert sich Krause an das Zugunglück von Grünhagen und erzählt, wie er seiner Heimatstadt bis heute verbunden geblieben ist. • Wer sich für das Buch interessiert, kann sich direkt mit Hartmut Krause in Verbindung setzen. Die E-Mail-Adresse lautet: krause.oyten@gmx.de.

Autor

Björn Blaak Björn Blaak
 04261 / 72 -435
 bjoern.blaak@rotenburger-rundschau.de

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