Weltberühmtes Theaterstück über Demenz berührt - Von Elke Keppler-Rosenau

Vergessenes Leben

Martin Leßmann (links) verkörperte in einer grandiosen Aufführung Mutter und Sohn in einer szenischen Abfolge. Gero John begleitete die Aufführung musikalisch. Foto: Elke Keppler Rosenau
 ©

Ottersberg. Der bekannte und gefeierte niederländische Schauspieler und Regisseur Joop Admiraal schrieb 1980 ein Einpersonen-Theaterstück über Demenz, das ein Jahr später in Amsterdam uraufgeführt wurde und von dort einen Siegeszug um die ganze Welt antrat. „Du bist meine Mutter“ titelt das Stück, das der Bremer Schauspieler Martin Leßmann unter der Regie von Maria von Bismarck mit dem Cellisten Gero John kürzlich auf Einladung des Fördervereins der Christophorus Kirchengemeinde im Gemeindehaus Ottersberg auf die Bühne brachte.

Edeltraut Nowotnik, Vorsitzende des Fördervereins freute sich, den voll besetzten Saal zu sehen, und führte kurz in das Thema Demenz und Alzheimer ein. Sie wies darauf hin, dass es in Ottersberg eine Demenzgruppe für Erkrankte und deren Angehörige gäbe und warb dafür, bei Bedarf dieses Angebot zu nutzen. Anschließend brillierte Leßmann in einer Doppelrolle als Sohn seiner, im Heim lebenden, an Demenz erkrankten Mutter, die er jeden Sonntag besucht, Blumen mitbringt und mit ihr spricht. Sie erkennt ihn noch, aber er weiß, dass das nicht mehr lange so sein wird. Sie unterhalten sich, aber was in der Gegenwart passiert, bleibt nicht in ihrem Kopf. Ihm ist wichtig, dass sie wenigstens am Sonntag einen Spaziergang im Garten macht und so lockt er sie Stück für Stück, in mühsamen Anstrengungen aus dem Bett und hilft ihr beim Anziehen. Dass sie bald sterben wird, ahnt er, aber es ist ihm wichtig, noch Zeit mit ihr zu verbringen und diese würdevoll zu gestalten.

Beide begegnen sich mit liebevollem Respekt, er plaudert von Dingen aus ihrem vergangenen Familienalltag, sie stellt immer wieder die gleichen Fragen. Er hilft ihr in die Bluse, in den Rock, in den Mantel, in die Schuhe, von allen Dingen weiß sie noch genau, wo sie vor langer Zeit gekauft hat. Manche Erinnerungen an die Vergangenheit funktionieren noch.

Dass sie verheiratet war, ihr Mann gestorben ist und sie im Heim lebt, ist ihr nicht bewusst. Mit einer beeindruckenden Stimmbeherrschung schlüpfte Martin Leßmann abwechselnd in die Rolle des Sohnes und die der Mutter.

Die Krankheit steht zwischen ihnen und der Abstand scheint sich ständig zu vergrößern, aber sie sprechen miteinander und immer wieder blitzen Momente der Erinnerung auf, die aber dennoch keine Hoffnung auf Besserung geben. Im Gegenteil, eine Abschiedsstimmung ist deutlich zu bemerken. Das Vergessen scheint dem Sterben vorauszugehen.

Der Dialog, der zwischen Sohn und Mutter entsteht, hat etwas Rührendes, der von Dankbarkeit geprägt ist. Leßmann schlüpft mit einer grandiosen schauspielerischen Leistung in die Rolle der Mutter. Er ist ihr gegenüber geduldig, erzählt von früher, während sie sich bruchstückartig erinnert. Er wird hier und da grimmig, wenn sie seine Geduld zu sehr strapaziert, was im Publikum mit Heiterkeit quittiert wird. Im Laufe der Aufführung dominiert die Rolle der Mutter. Martin Leßmann trägt Bluse, Rock und Mantel der Mutter, sodass das Publikum sich ganz in die Persönlichkeit der alten Dame hineinfühlen kann. Die Thematik des Stückes vermittelt eine ungeheure Realitätsnähe, stellt Demenz oder Alzheimer mit einer Eindringlichkeit in dem Mittelpunkt, der sich kaum jemand entziehen kann.

Vor dem Hintergrund, dass diese Krankheit vor nicht langer Zeit als gesellschaftliches Tabu behandelt wurde und die Betroffenen verniedlichend als „tüdelig“ bezeichnet wurden, leistet dieses Theaterstück einen wichtigen Beitrag zur Akzeptanz. Die schauspielerische Leistung von Leßmann, der das Stück bereits auf vielen Bühnen gezeigt hat, wurde vom Publikum mit anhaltendem Applaus honoriert.

12.04.2019

Geflügelmarkt Fintel

09.04.2019

Scheherazades Rache

05.04.2019

Zirkus in Brockel

05.04.2019

30 Jahre Kanal 11