Stiftung Heimathaus zeigt Fotografien des Fischerhuders Klaus Rohmeyer - Von Elke Keppler-Rosenau

Fischerhude und der Eiserne Vorhang

Ein Foto wie ein Gemälde. Klaus Rohmeyer fotografierte seine Heimat unzählige Male.
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Fischerhude. Das künstlerische Erbe des Fischerhuder Fotografen Klaus Rohmeyer (1929 bis 2013) ist unvergessen. Eine aktuelle Ausstellung in Buthmanns Hof zeigt einen Querschnitt aus seinem Vermächtnis. Mehr noch, die Ausstellung im Galerieforum Wümmeraum ist zweigeteilt. Zum einen zeigt sie Aufnahmen, die im Fischerhude der 1950er- und 1960er-Jahre entstanden sind und zum anderen Fotos, die auf einer Russlandreise im Jahr 1958 aufgenommen wurden.

Zauberhafte Landschaftsaufnahmen aus einer Zeit, als die Bauern noch mit Pferd und Wagen die Heuernte auf die Höfe brachten oder Fischerhude winterverschneit war, sind zu sehen. Wer Fischerhude, die Heimat Rohmeyers von früher kennt, und wer sie heute sieht, kommt nicht umhin, Vergleiche anzustellen. So wie Rohmeyer sein Dorf und seine Umgebung damals fotografiert hat, sieht es schon lange nicht mehr aus. Und doch, wer genau hinschaut, entdeckt noch heute Enten auf der Wümme, das unveränderte Flett im Heimathaus Irmintraut. Dort scheint die Zeit stillgestanden, was nicht zuletzt der Stiftung zu verdanken ist.

Mit einer brillanten Sichtweise, bei der man sich oft fragt, wie hat er das nur gemacht, zeigt Rohmeyer Perspektiven, die ihn als wirklichen Künstler ausweisen. Es gab zu seiner Zeit noch keine Drohnen, keine technischen Hilfsmittel für Fotografen, die heute selbstverständlich sind. Dennoch zeigt die Ausstellung Ansichten von der Landschaft, die seine Fotografien unvergleichlich machen: Hinter einem morschen Weidezaun geht ein Bauer. Seine Haltung ist gebückt. Man sieht ihm die schwere Arbeit an. Kleine Details von einem mit Reet gedecktem Haus oder knorrige Bäume – so hat Rohmeyer sein Fischerhude gesehen und wer ihn noch gekannt hat, hat ihn als äußerst bescheidenen Menschen erlebt.

Er war gelernter Tischler und Sohn des Malers Wilhelm Heinrich Rohmeyer. Auf ausgedehnten Fahrradreisen durch ganz Deutschland entdeckte er als junger Mann seine Liebe zur Fotografie, besuchte eine Fotoschule und entwickelte diese Passion zur Profession. Gerne hielt er Landschaften im Bild fest, aber auch Menschen und Tiere finden sich in seinen Motiven. Er dokumentierte seine Heimat auf eine liebevolle Weise, die Betrachter seiner Fotografien heute nur staunen lässt. Viele Fotografien sind in Privatbesitz, und das Bremer Focke-Museum sicherte sich 2009 einen großen Teil seines Nachlasses.

Der andere Teil der Ausstellung befasst sich mit der berühmten „Russlandreise.“ 1958, mitten im sogenannten „Kalten Krieg“ schafften es 13 interessierte Kulturschaffende aus Fischerhude und Bremen, eine Einladung der russischen Regierung in die damalige Sowjetunion zu erhalten. Der Beschaffungsweg war langwierig, viel Geduld und Hartnäckigkeit war notwenidig, aber schließlich funktionierte es. Mit dabei war Rohmeyer, der die Genehmigung für Fotos erhielt. Die von mehreren Dolmetschern begleitete, deutsche Delegation durfte an Orte wie Kies, Tiflis, Sagorsk und Moskau reisen und auch in das berühmte Bolschoitheater. Menschen auf der Straße und sogar Polit-Propaganda fotografierte Rohmeyer.

Zu dieser Reise kam es, weil der Fischerhuder Bauingenieur Hermann Craemer, seinen Wunschtraum verwirklichen wollte, russische Ikonen an ihren Originalschauplätzen zu studieren. Er fand schnell Gleichgesinnte, aber niemand glaubte so recht daran, dass der Plan der Reise gelingen könnte. Zu kalt war seinerzeit das politische Klima. Alle Regierungen rasselten mit den Säbeln, auch Russland. Darüber hinaus geriet jeder, der an eine solche Reise dachte, schnell in Verdacht, Kommunist zu sein. Dennoch fanden sich 13 Unerschrockene aus Fischerhude und Bremen, die sich in ihrem Vorhaben nicht beirren ließen: Neben Craemer, seiner Frau und deren Tochter waren das Hans Budde, Architekt in Bremen, Dirk Heinrichs, Kaufmann und Schriftsteller, Erhard Mitztlaff, Maler aus Fischerhude, Heiner Rohmeyer, Kunsttischler, Carsten Schröck,, Architekt, Hanna Seiffert, Malerin, ihr Mann Kurt Seiffert, Lehrer an der Waldorfschule in Ottersberg, Conrad Ordemann, Kaufmann und Schriftsteller, Werner Zöhl, Maler und Klaus Rohmeyer.

Damit Craemer seinen Wunschtraum verwirklichen konnte, schrieb er an Bulganin, dem damaligen Präsidenten der Sowjetunion und legte sein Anliegen dar. Längere Zeit hörte er nichts. Inzwischen war Nikita Chruschtschow Staatspräsident, als sich der Kulturattaché der Sowjetunion aus Bonn telefonisch bei Craemer meldete und seinen Besuch ankündigte, um Einzelheiten für das Reiseprogramm zu besprechen. Die Reisegruppe hatte kaum noch mit einer Antwort aus Moskau gerechnet und so war die Aufregung groß. Der Kulturattaché kam und verlangte von Craemer eine Liste der Reisenden, wonach eine offizielle Einladung der Sowjetunion folgen sollte. Die Besucher sollten mit dolmetschenden Begleitern in Brest-Litowsk empfangen werden. Die Liste wurde akzeptiert, nur Werner Zöhl war nicht eingeladen. Gustav Heinemann, damals noch Abgeordneter im Bundestag und späterer Bundespräsident setzte sich dafür ein, dass der Fischerhuder Maler doch mitreisen durfte. Ein Vorgang, der beweist, dass diese ungewöhnliche Reisegruppe auch politische Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte. Was die Reisenden dann schließlich in Russland erwartete, sei überwältigend gewesen. Von den Dolmetschern betreut, ging es von Brest-Litowsk über Moskau nach Sagorsk, Susdal, Georgien, Suchumi am Schwarzen Meer, sowie nach Kiew und St. Petersburg. Großzügig und gastfreundlich wurden der Delegation gemeinsame und individuelle Wünsche erfüllt. Es wurden Theater, Kinos, Universitäten, Schulen und Museen besucht. Die Reisenden übernachteten in Hotels mit westlichem Komfort und trafen Menschen aus aller Welt, nahmen an einem Kolchosenfest teil, erlebten unerwartete Freundlichkeit der Menschen und großes Entgegenkommen. Immerhin kamen sie aus dem feindlichen Westen zu einer Zeit, in der die Eindrücke des Zweiten Weltkrieges noch frisch waren und nur zwei Jahre nach der Reise sollte die DDR mit dem Mauerbau beginnen.

Für die Fischerhuder Delegation jedenfalls entstanden unvergessliche Reiseeindrücke, die sie in Fotos, Bildern, Skizzen und Aufzeichnungen festhielten. Kirchen, Kunstwerke und Menschen sind in den Aufnahmen von Rohmeyer zu sehen, die ein völlig anderes Bild von Russland in den 1950er-Jahren zeichnen, als man es landläufig möglicherweise in den Köpfen hat. Ein Bild, das damals in Deutschland kaum jemand kannte. Mehrere Kunstschaffende haben sich danach noch viele Jahre künstlerisch mit ihren Erlebnissen auseinandergesetzt.

Rohmeyer brachte wundervolle Aufnahmen von dieser Reise mit. Mit seinem sicheren Auge für Momente, für Menschen und Ansichten schuf er Fotografien zu einer Zeit, als kaum jemand im Westen eine solche Reise vor dem damaligen politischen Hintergrund für möglich gehalten hatte. Darüber hinaus zeigte er Land und Leute von einer interessanten Seite, die im Westen so nicht wahrgenommen werden konnte.

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