Sorgentelefone können erste Anlaufstelle sein

Wenn der Hof in Not gerät

Um Hilfe bitten, fällt vielen Hofbetreibern schwer. Foto: Elke Keppler-Rosenau
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Landkreise. Morgens die Eier von glücklichen Hühnern einsammeln, die Kühe nach dem Melken auf eine Wiese voller Löwenzahn führen. Dann im Kreise der Familie frühstücken und anschließend mit dem Trecker die Felder bestellen – eine schöne Vorstellung, aber nur ein Klischee. Die Realität auf vielen Höfen ist längst eine andere. Sinkende Erzeugerpreise verschlechtern die Einkommenssituation der Landwirte. Viele sind deshalb kaum noch in der Lage, notwendige Investitionen zu tätigen, was eine Abwärtsspirale in Gang setzen kann. Wurden in den 1970er-Jahren noch über eine Million jener Betriebe gezählt, waren es im Jahre 2012 nur noch knapp 290.000. Zwischen 2013 und 2016 ging die Gesamtzahl der landwirtschaftlichen Betriebe in Deutschland um weitere 9.000 zurück. Und hinter jeder Schließung steckt ein anderes Schicksal. Eines, das möglicherweise so nicht hätte kommen müssen, denn seit 20 Jahren bietet das „Landwirtschaftliche Sorgentelefon Niedersachsen“ professionelle Hilfe an. Doch dort anzurufen, fällt den Betroffenen noch immer schwer.

Bis es soweit kommt, sehen sich gerade konventionell wirtschaftende Betriebe immer häufiger am gesellschaftlichen Pranger stehen. Massentierhaltung, mangelnder Tierschutz oder der Einsatz von Pflanzenschutzmitteln wird ihnen vorgeworfen. Das zerrt an den Nerven vieler Bauern. Dazu kommen überlange Arbeitstage von bis zu 16 Stunden. Das Vieh muss auch an den Wochenenden versorgt werden und Urlaub ist für viele Landwirte ein Fremdwort. Mehr noch: Um überhaupt einigermaßen über die Runden zu kommen, muss die ganze Familie mit anpacken, ob sie will oder nicht. Probleme sind da nicht selten vorprogrammiert.

Parallel dazu hat sich das Sorgentelefon in Niedersachsen zu einer Institution entwickelt, die häufig für Landwirte und ihre Familien die letzte Möglichkeit ist, Probleme nicht eskalieren zu lassen. In Niedersachsen sitzen Berater an drei Standorten: Barendorf, Oesede und Rastede. Sie alle kommen aus der Landwirtschaft, sind psychologisch geschult und wissen mit Menschen umzugehen, die sich und ihre Familien in einer Krisensituation sehen. Das ist gerade in der Landwirtschaft immer häufiger der Fall. Die Gründe dafür sind vielfältig. „Ging es in den ersten zehn Jahren am Sorgentelefon noch vorwiegend um Schwiegermutter/Schwiegertochter-Konflikte, so hat sich das inzwischen stark gewandelt“, weiß Ludger Rolfes zu berichten. Er ist Geschäftsführer des Landwirtschaftlichen Sorgentelefons, und gab 1993 mit dem damaligen Leiter der Katholischen Landvolkhochschule (KLVHS) Oesede, Franz Loth, und dem Landwirtschaftsministerium den Anstoß zur Einrichtung jenes Beratungstelefons. In Stadt und Landkreis Osnabrück wird die Einrichtung finanziell vor allem vom Bistum getragen. Zunächst als Montagstelefon ins Leben gerufen, entwickelte sich das Sorgentelefon, das sich seit zwei Jahren in Kooperation mit den Standorten in Barendorf und Rastede auch landesweit der Probleme der Landwirte annimmt. An erster Stelle der Jahresstatistik des Sorgentelefons stehen familiäre Probleme, insbesondere der Generationskonflikt, gefolgt von Unstimmigkeiten in Ehe und Partnerschaft, Trennung und Scheidung. Da gibt es die Schwiegertochter, die lieber in ihrem erlernten Beruf bleiben möchte, als sich auf dem Hof einzubringen. Da ist der Sohn, der den Hof übernehmen soll, aber sich ein anderes Bewirtschaftungsmodell als der Vater vorstellt und Investieren als einzige Chance sieht, um einen Betrieb weiter zu entwickeln. Daneben sind auch der Strukturwandel sowie Einkommensprobleme Themen, mit denen die Berater am Telefon konfrontiert werden. Acht Frauen und drei Männer gehören zum Beratungsteam. Rolfes, selbst Agrar-Ingenieur und Diplom-Theologe, bescheinigt seinen Mitarbeitern ein hohes Maß an Einfühlungsvermögen und ein offenes Herz für die Sorgen der Anrufer. Das sei eine besonders wichtige Eigenschaft, schließlich gehe den meisten Anrufen eine lange Leidensgeschichte voraus, berichtet Rolfes. Das zeige sich auch daran, dass längst nicht jeder Anrufer seinen Namen nenne. Der spiele laut Rolfes auch keine Rolle, denn im Mittelpunkt der Beratung stünde nur das Anliegen und dessen Lösung. Probleme würden ernstgenommen, wie klein oder groß sie auch seien. Im Gespräch würden Denkimpulse entwickelt und Handlungsfähigkeit gefördert. „Männer stehen gewaltig unter Druck. Solange es finanziell gut läuft, wird über vieles hinweg gesehen. Aber in wirtschaftlich angespannter Lage, wie sie heute auf den Höfen gang und gäbe ist, brechen Konflikte schnell auf. Miteinander zu reden, scheint dann vielfach unmöglich zu sein. Dennoch sind es mehr Frauen, die zum Sorgentelefon greifen, nachdem sie keinen anderen Ausweg mehr sehen“, erläutert Rolfes. Neben dem kostenfreien und anonymen Sorgentelefon gibt es auch noch die Familienberatung, zu der die Helfer auf Wunsch ins Haus kommen, um mit allen Betroffenen quasi an einem Tisch ins Gespräch zu kommen. Darüber hinaus werden auch gerne weiterführende Gespräche mit der Familie, dem Partner oder den auf dem Hof lebenden Generationen zielorientiert über einen längeren Zeitraum begleitet. Für die Familienberatung wird allerdings eine Aufwandsentschädigung in Rechnung gestellt. „Das Feedback auf dieses Angebot ist gut und es wird immer besser, vor allem mit Blick auf die zunehmenden Sorgen der Menschen auf ihren Höfen“, sagt Ricarda Rabe, Pastorin für Landwirtschaft und den ländlichen Raum. Sie nutzt jede Gelegenheit, dieses Hilfsangebot bekannt zu machen: Auf Versammlungen von Landfrauen und bei landwirtschaftlichen Vereinen stellt sie die Familienberatung vor, verteilt Flyer und Kärtchen mit den wichtigsten Telefonnummern und Anlaufstellen. Aus ihren Gesprächen weiß sie, wie sehr Sorgen und Probleme das Leben beeinflussen können. Sie versucht Blockaden aufzubrechen, und die Betroffenen wieder zusammenzuführen um miteinander zu reden. Wenn das gelingt, ist das für die Betroffenen eine große Erleichterung. „Die Beratung hat der ganzen Familie neuen Mut und Auftrieb gegeben“, schrieb ihr vor kurzem eine Frau, die mit ihrer Familie das Angebot der Familienberatung angenommen hat. Im Dankesschreiben einer anderen Frau steht: „Schade, dass mein Mann diese Versöhnung der Großfamilie nicht mehr erleben konnte.“ Auch in jenem Brief schwingt viel Dankbarkeit darüber mit, dass die Familie wieder miteinander redet und sich miteinander den Herausforderungen der Zukunft stellen kann. „Auch wenn Probleme manchmal ausweglos scheinen, lassen sich im gemeinsamen Gespräch immer Wege finden, wie jene Probleme gelöst werden können“, weiß Rabe und verspricht, dass die Mitarbeiter des Sorgentelefons und der Familienberatung auch weiterhin alles dafür geben werden. Telefonische Hilfe gibt es bei: • Landwirtschaftliche Familienberatung Niedersachsen, Bereich Weser-Ems in Oesede, Ansprechpartner Ludger Rolfes, Telefon 05407/506261. • Evangelische landwirtschaftliche Familienberatung Hannover, Bereich südöstliches Niedersachsen und die landwirtschaftliche Familienberatung Barendorf für den nordöstlichen Bereich Niedersachsen, Ansprechpartnerin Ricarda Rabe, Telefon 0511/1241800. • Sorgentelefone für landwirtschaftliche Familien in Niedersachsen in Barendorf unter 04137/812540, in Oesede unter 05401/866820 und in Rastede unter 04402/84488 jeweils montags, mittwochs und freitags von 8.30 bis 12 Uhr. Dienstags und donnerstags von 19.30 Uhr bis 22 Uhr.

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