Premiere: „Ünner uns“ verbreitet Unbehagen

Ein Stück Hölle

Das Theater Spiel-Art stand mit dem Stück Ünner uns" im Fischerhuder Buthmanns Hof auf der Bühne. Foto: Elke Keppler-Rosenau
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Fischerhude (kr). Gibt es eigentlich Himmel und Hölle oder ist das nur eine Vorstellung aus der Kindheit? Und wenn es diese zwei Möglichkeiten nach dem Tod eines Menschen gibt, woran macht sich diese Eingruppierung fest? Und was passiert, wenn man in die Hölle kommt? Nobelpreisträger Jean Paul Satre hat darüber ein berühmtes Theaterstück geschrieben, das von Traugott König ins Deutsche übersetzt wurde und nun vom Theater Spiel-Art eine Premiere in plattdeutscher Sprache, die Inske Albers-Willberger ins Niederdeutsche übertragen hat, feiert.

Premierenort war der Fischerhuder Buthmanns Hof, Gastgeber die Stiftung Heimathaus Irmintraut und Bürgermeister Tim Willy Weber, der es sich nicht hatte nehmen lassen, einige Worte der Begrüßung ans Publikum zu richten.

Ines, gespielt von Isa Steffen, Stella (Kerstin Umierski) und Gregor (Andreas Lamp) landeten nach ihrem Ableben wegen schlimmer Vergehen in der Hölle und wurden vom nur gelegentlichen Erscheinen des Wächters (Dirk Röver) bewacht. Ein Entkommen gab es für sie nicht. Auch keine Privatsphäre. Bis in die Ewigkeit waren sie auf engstem Raum zusammen, ohne die Aussicht, dass einer dem anderen aus dem Weg gehen konnte. Alle drei wurden quasi zum Folterknecht des anderen, sie mussten zusammenbleiben und so bauten sich Spannungen auf, die sich keiner vor ihrem Tod hätte vorstellen können.

Im Publikum, das wegen der Pandemie die Hygiene-Vorschriften einhalten musste, mochte der eine oder andere Schauer über den Rücken gelaufen sein, so düster und ausweglos kam das Stück rüber. Menschliche Abgründe taten sich auf, eine Hölle, die keines Teufels mehr bedurfte. Beide Frauen buhlten um den einzigen Mann, wurden hin und hergerissen von ihren Gefühlen, jede musste immer wieder die Erfahrungen der Verliererin machen, jede versuchte ihre Stärken auszuspielen, ohne wirklich die Gunst von Gregor zu erreichen, weil auch er seine Zweifel nicht bekämpfen konnte. Die Gewissheit, nicht mehr der Hölle und somit der Dreisamkeit entrinnen zu können, brachte alle an den Rand des Wahnsinns. Sie fluchten, haderten mit sich und wünschten nur, noch einmal auf der Welt sein zu können.

Aus Satres Blickwinkel setzte er die Menschen in eine Abhängigkeit und in eine ausweglose Gefangenschaft, die gefühlsmäßige Gewalt in den Mittelpunkt nahm. Die Schauspieler arbeiteten nicht nur mit Worten, sondern auch mit Blicken und Gesten, ganz wie Satre es vorgesehen hatte, wobei der Raum des Geschehens schon an sich unheimlich war: Kein Fenster, karge Möbel, eine Dauerbeleuchtung, die sich nicht abschalten ließ und dann dieser kaltschnäuzige Wärter, der keinerlei persönliche Wünsche und kein Entkommen aus dieser Ewigkeit zuließ, verursachten Beklemmungen. In dieser Abhängigkeit vom anderen wurde jeder für jeden zum Peiniger.

Fazit

• Die plattdeutsche Inszenierung von Regisseur und Spielleiter Thomas G. Willberger setzte das Theaterstück Satres, das unter dem Titel „Geschlossene Gesellschaft“ 1944 in Paris uraufgeführt wurde, meisterlich um. In plattdeutscher Sprache kam die Handlung dramatisch rüber, sodass sich wohl jeder fragte, was wirklich nach dem Ableben eines Menschen passiert.

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