Heinrich Vogelers Erinnerungen „Werden“ neu aufgelegt / Lesung am 21. Februar

Verloren im Osten

Eines der Vogeler-Werke, das während einer Russlandreise entstanden ist.
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Fischerhude/Worpswede. Die Künstlerkolonie Worpswede wäre ohne Heinrich Vogeler nicht denkbar. Er hat sie geprägt, ihr einen Rahmen gegeben, in dessen sich andere Maler, Dichter, Bildhauer, Musiker und Denker versammelten. In einem Fischerhuder Verlag ist nun das Buch „Werden“ aus der Feder von Joachim Priewe und Paul-Gerhard Wenzlaff mit fast 700 Seiten neu aufgelegt worden, das viel Wissenswertes über diesen Künstler enthält. In diesem Buch lässt Vogeler sein bewegtes, konfliktreiches Leben Revue passieren und zeichnet den Weg vom verwöhnten Publikumsliebling des Bürgertums und feinsinnigen Ästheten zum „Sozialisten der Tat“ an die Seite der revolutionären Arbeiterbewegung nach.

In „Werden“ erfahren Interessierte viel über Vogelers Elternhaus, seine Kinder- und Jugendzeit. Es beginnt mit einem Vorwort in dem Vogeler selbst Karl Marx zitiert und das seine künstlerische Passion hinterfragt. Das Buch resultiert aus Vogelers Aufzeichnungen, die ihn selbst sehr treffend beschreiben, und an denen er lange gearbeitet hatte, aber nicht mehr vollenden konnte.

In Vogelers Hause, dem Barkenhoff in Worpswede, versammelten sich alle. Es entwickelte sich ein Kosmos mit einer Strahlkraft weit über das Moordorf hinaus. Bei Heinrich Vogeler zu verkehren, glich einem Ritterschlag, bis seine revolutionären Gedanken und Weltvorstellungen sich dem Kommunismus zuwandten und das Leben auf dem beinahe mondänen Barkenhoff eine ideologische Wendung nahm.

Irgendwie verirrte er sich auf der Suche nach dem Sinn des Lebens und diese Suche kostete ihn schließlich das Leben, obwohl er der Welt als Künstler noch viel zu geben gehabt hätte. So hoffnungsvoll und vielversprechen sich sein junges Leben anließ, so tragisch und verloren endete es in der Steppe Kasachstans.

Vogeler wuchs in einem behüteten Elternhaus in Bremen auf. An der Schleifmühle, einer damals guten Wohngegend, gab es großzügige Bürgerhäuser und schöne Gärten. Den Kindern wurde viel Freiraum gelassen. Der kleine Heinrich hatte viele Freunde und früh zeigte sich ein enormer Wissensdurst im Schulunterricht für Geografie, Naturwissenschaft und Geschichte, aber auch ein ausgeprägter Übermut.

Neugierig wie er war, bemerkte er die Einflüsse politischer Strömungen und es trieb ihn hinaus in die Natur. Mit seinem Freund Karl Müller erwanderte er sich das Moor und gelangte nach Worpswede, wo er sich bei einem kalten Regen eine gefährliche Lungenentzündung zuzog. Die Eltern bangten um ihren Sohn und nach seiner Genesung erklärten sie sich bereit, ihn die Düsseldorfer Akademie für ein Kunststudium besuchen zu lassen. Aber wie viele Studierende seiner Zeit verließ er die Schule und das Reglement der Professoren.

Es zog ihn hinaus, er wollte, dem künstlerischen Zeitgeist entsprechend, reisen und vor der Natur malen. Holland, Frankreich, Italien – im Buch spiegeln sich alle Eindrücke wieder, die der junge Heinrich in sich aufsog. Und er traf Freunde, die ähnliche Ideale hatten wie er: Fritz Overbeck, später kam Fritz Mackensen hinzu. Wieder in Worpswede fand er eine Bauernkate, die er mit viel Enthusiasmus zum Künstlerdomizil, dem Barkenhoff, umbaute. Heinrich lernte Martha Schröder kennen, damals noch sehr jung und die sich willig nach seinen Vorstellungen formen ließ. Sie heiraten in der Heeslinger Kirche in kleinem Rahmen.

Diese Jahre des „Werdens“ lesen sich überaus spannend, beschreiben sie doch die Entwicklung Vogelers aus einer nachvollziehenden Perspektive, die ihn als Mensch sehr lebendig werden lässt. Der Leser erfährt viel über die Verhältnisse der Bremer Gesellschaft, den Familien der gehobenen Kaufmannschaft, der Wirtschaft sowie den baulichen Gegebenheiten der Hansestadt. Bekannte Namen tauchen auf: Knief, von Kapp, Ludwig Roselius und Bäumer kommen vor und auch die Verbindung zur Hamburgischen Kaufmannschaft. Roselius, damals begüterter Kunstmäzen, Sammler und Förderer junger Künstler, kaufte Vogeler viele Bilder ab, was nicht zuletzt zu seinem Bekanntheitsgrad beitrug. Er trug Vogeler an, sich auf die Malerei zu konzentrieren, weil er davon überzeugt war, dass das seine größte Passion war. Aber Vogeler beschränkte sich nicht darauf, er schrieb, betätigte sich erfolgreich als Architekt und Designer. Er entwarf ganze Hauseinrichtungen; darunter auch die Güldenkammer des Bremer Rathauses, die heute noch als Vorzeigeobjekt der Hansestadt gilt. In all seinen Talenten bewies er große Kreativität. Viele seiner architektonischen Arbeiten haben diese Region und andere darüber hinaus geprägt. Spaziert man heute durch Worpswede ist seine Handschrift unverkennbar. Ein Vorzeigeobjekt ist der Bahnhof Worpswede. In ihm gibt es heute ein viel frequentiertes Restaurant und der Moorexpress hält auf seiner Strecke von Osterholz-Scharmbeck nach Stade, um Touristen aufzunehmen. Aber man findet Spuren von Vogelers Wirken auch in Randgebieten wie an kleinen Bahnhöfen und sogar an einem Bauernhaus in Tarmstedt. Vogeler beschritt eine ziemlich einzigartige Karriere als Maler, Architekt, Allroundkünstler und ist Mittelpunkt der Worpsweder Gesellschaft bis er sich auf die Suche nach einem tieferen Sinn des Lebens begab.

Warum seine Ehe mit Martha scheiterte, bleibt in seiner Biografie unausgesprochen. Immer wieder gibt es Hinweise auf neue Partner, obwohl eine gewisse Zusammengehörigkeit zu bemerken ist. Er bleibt seiner Worpsweder Heimat immer sehr verbunden, aber es erfolgt dennoch die Scheidung von Martha, mit der er drei Töchter hatte. Auch Martha verlässt den Barkenhoff, baut ein neues Haus im Schluh und wendet sich einem anderen Mann zu.

Heinrich bleibt in Russland, wo er zunächst sehr erfolgreich ein malerisches Schaffen betreibt, dann aber in die Fänge des Bolschewismus gerät und völlig desillusioniert die neu entstandene Sowjetunion erlebt. Er erfährt die Härte des Regimes mit voller Wucht, kommt ins Gefängnis und stirbt schließlich 1942 verarmt und elend ohne jegliche Mittel. Stellt der Leser sich diese erbärmlichen Umstände bildlich vor, macht sich Mitleid, aber auch Unverständnis über die Lebenshaltung dieses genialen Künstlers breit. Vogeler fand in Russland nicht die ideale Form der sozialen Existenz. Im Gegenteil: Gesellschaftliche Anerkennung gab es für ihn nicht, künstlerischen Austausch auch nicht. Alles das, was er sich vom Kommunismus erhofft hatte, kehrte sich ins Gegenteil.

Der Nachspann des Buches ist mit Fotografien und den wichtigsten Bildern aus dem Leben und Schaffen des Malers illustriert. Erhältlich ist dies im Handel für 32 Euro.

Am Donnerstag, 21. Februar, lesen Barbara von Monkiewitsch und Lorentz Meyboden Auszüge aus „Werden“. Los geht es in der Galerie und Dorfbuchhandlung in Fischerhude um 19.30 Uhr.

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