Fischerhuder Fibelfreunde jubeln: Ottersberger Gemeinderat stimmt für die Unverbindlichkeit - Von Björn Blaak

Das Ringen um Worte

Der Ottersberger Gemeinderat hat den Gestaltungssatzungsfreunden und -gegnern in Fischerhude einen Kompromiss angeboten. Das muss nicht bedeuten, dass sich die Einwohner nun einig über den zukünftigen Weg sind. Foto: Björn Blaak
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Fischerhude. „Ich bitte von Beifall und Unmutsäußerungen abzusehen. Sonst müsste ich die Sitzung unterbrechen oder sogar abbrechen“, gab Ratsvorsitzende Erika Janzon den Anwesenden bei der jüngsten Ratssitzung als Verhaltenskodex mit in den Abend. Ernstgenommen hat das niemand. Zu aufgebracht waren die rund 200 Besucher, die an dem Abend nicht mit ihren Emotionen hinter dem Berg hielten. Alle waren sie in Bellmanns Gasthaus gekommen, um ein Stück Geschichtsschreibung für den Ort live mitzuerleben. Kommt die Gestaltungssatzung für den Ortskern Fischerhudes oder nicht? Sie kommt nicht.

Doch bis zu dieser Erkenntnis gingen drei Stunden hitzige Debatte ins Land. Diese brachte schlussendlich keine neuen Erkenntnisse, auch keine neuen Argumente wurden ausgetauscht, lediglich die unterschiedlichen Standpunkte wurden noch einmal in die Diskussion eingebracht. Die FGBO hatte noch kurz vor Toreschluss einen Änderungsantrag eingereicht, der sich aber nicht mir Pro oder Contra beschäftigte, sondern mit Formulierungen.

Bevor aber die Ratsmitglieder das Wort ergreifen konnten, kamen die Bürger zu Wort. Eigentlich sollen die Bürger an Verwaltung oder Ratsmitglieder Fragen stellen, aber auch das wurde nicht wirklich beherzigt. Munter wurden Statements abgegeben, als wäre es nicht eine Ratssitzung, sondern Speakers Corner. So eröffnete ein Bürger, der seit 37 Jahren in Fischerhude lebt, seinen Beitrag mit den Worten „Völker der Welt, schaut auf dieses Dorf“, ganz ähnlich, wie es 1948 der damalige Berliner Bürgermeister Ernst Reuter vor dem Berliner Reichstag getan hatte. Weniger geschichtsträchtig, sondern eher im Hier und Jetzt verankert, fragte Großbäcker Volker Sammann, wie mit den Unternehmern umgegangen würde, wenn die Satzung käme, und bezog es darauf, ob sie ein Wörtchen mitzureden hätten. Fischerhudes Ortsbürgermeister Wilfried Mittendorf bejahte das, verbarg aber auch nicht seine Zweifel, ob das Dorf eine Großbäckerei verkraften könnte. Hintergrund: Sammann wartet auf eine Baugenehmigung für die Erweiterung seiner Produktionsstätte. Ein weiterer Bürger wollte von der Verwaltung wissen, welche Versäumnisse sie sich hinsichtlich der Bürgerbeteiligung vorzuwerfen hätten. Gemeindebürgermeister Horst Hofmann sagte: „Keine.“ Brüning-Mitarbeiterin Ute Witgen stellte die rhetorische Frage an Mittendorf: „Bist du noch der richtige Bürgermeister?“ Mittendorf konterte, er sei schließlich mit der Forderung einer Satzung in den Wahlkampf gezogen, und hätte eine Mehrheit bekommen. Ein weiterer Satzungsbefürworter brachte die städtebauliche Entwicklung in Sagehorn und Sottrum als mahnende Beispiele an. Dann ergriff Hofmann das Wort. Er verlas den im Vorfeld bereits lancierten Kompromissvorschlag, den er für den goldenen Mittelweg hält. Gold deshalb, weil er beiden Seiten etwas abringen, aber keinen der Beteiligten das Gesicht verlieren lassen würde. Und so tummelte sich Hofmann verbal in einer Schnittmenge, die es in seinen Augen ermögliche, einen möglichst breiten Konsens zu erzielen. Weniger diplomatisch ging da Jochen Bertzbach zu Werke. Der ehemalige Fischerhuder Bürgermeister und vehemente Verfechter der unverbindlichen Gestaltungsfibel sagte, auch in Richtung Mittendorf: „Die Politik in Fischerhude hat versagt.“ Ludwig Schwarz von Bündnis 90/Die Grünen fragte in die Runde, ob man bei den Fibelfreunden denn keine Angst hätte, dass in Fischerhude ähnliche Neubauten entstehen könnten, wie in Ottersberg. Dort ist ein dreigeschossiger Holzneubau am Ortsausgang Richtung Campe derzeit der große Aufreger. Bertzbach antwortete: „Wir können nicht jeden Pups regeln.“ Mittendorf erwiderte, dass doch noch gar nicht feststünde, was in die Satzung kommt. Außerdem verwies auch er auf den Campe-Neubau und nannte die Dorfwiese als gutes Beispiel dafür, was es bedeutet, eine gewisse Weitsicht im Umgang mit dem Dorfinventar walten zu lassen. Die Wiese sollte schon vor mehr als 30 Jahren bebaut werden, hätte nicht eine Stiftung sie aufgekauft und an den Heimatverein übergeben. Nachdem sich die Wortführer im Publikum am Thema abgearbeitet hatten, schritten die Fraktionsvorsitzenden ans Mikrofon und gaben zur Kenntnis, wie sie und ihre Partei über die Satzung, die Fibel und den Dorffrieden denken. Klaus Rebentisch von der CDU sprach sich für die Kompromisslösung der Verwaltung aus, die sein Parteikollege und Bürgermeister Hofmann vorab zu Papier gebracht hatte. Gaby Könnecke (SPD) fand die Gestaltungsfibel gut. So gut sogar, dass jeder, der baut, sich danach richten sollte, aber eben nicht auf freiwilliger Basis. „Was passiert, wenn sich Bauherren einen Dreck darum kümmern, was in der Fibel steht?“, fragte sie in die Runde. Hofmann sah das Problem nicht: „Wir tun so, als würden die Buhmänner draußen stehen, die Stadtvillen bauen wollen.“ Angela Hennings sprach für die Grünen, als sie sagte: „Bis jetzt hatten wir Glück, dass bei den aktuellen Bauvorhaben in Fischerhude Liebhaber am Werk waren.“ Das aber müsse nicht so bleiben. Diese Bauherren, so Hennings weiter, seien Satzungsbefürworter gewesen. Tim Willi Weber (FGBO) fand, dass die Satzung noch einmal auf den Prüfstand müsse. Auf gar keinen Fall dürfe sie Angst schüren. Lohnunternehmer Dirk Gieschen (CDU) ließ sein Plädoyer mit den Worten enden, den Einwohnerantrag gegen die Satzung anzunehmen. „Lasst uns einstimmig abstimmen, damit wir gemeinsam weitergehen können.“ Damit waren alle Argumente ausgetauscht, und der Rat folgte der Eingebung Webers, dass sich die Fraktionsvorsitzenden noch einmal für eine kurze Beratung zurückziehen sollten und so verschwanden die Vorsitzenden im Separee. Wenig später wurden auch noch die restlichen Fraktionsmitglieder dazugerufen. Zwar brachte das Stelldichein außerhalb des Sitzungsraumes keine neuen Erkenntnisse mehr, aber an der ein oder anderen Formulierung des Vorlagentextes und somit des Einwohnerantrages zur Aufhebung der Gestaltungssatzung wurde geschraubt. Solange, bis am Ende der Abstimmung nur noch drei Ratsmitglieder gegen den Einwohnerantrag stimmten und ein Mitglied sich enthielt. Die Gestaltungsatzung wird demnach nun nicht mehr die „wesentlichen“, sondern nur noch „wichtige“ Regelungsinhalte enthalten. So haben sich die Fibelfans am Ende einer langen Diskussion durchgesetzt. Die Satzungsfreunde seien deshalb aber nicht mundtot: Sie könnten sich über einen noch zu gründenden Beirat einbringen. Nach diesem 31. Mai sind nun alle Fischerhuder verantwortlich für ihr Dorf – und die Zuschüttung des Grabens.

Autor

Björn Blaak Björn Blaak
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