Fischerhude: Stiftung Heimathaus Irmintraut zeigt besondere Ausstellung über Aale - Von Elke Keppler-Rosenau

Von Wahren, Leggen und Watermeiern

Glasaale gelten in Frankreich als Delikatesse. Foto: Elke Keppler-Rosenau
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Fischerhude. Im Wümmeraum des Buthmannschen Hofes in Fischerhude ist bis zum 17. Oktober 2021 eine Ausstellung der besonderen Art zu sehen: denn dann dreht sich dort alles um den Aal, jene Fischdelikatesse, die maßgeblich für den Wohlstand der Fischerhuder im vergangenen Jahrhundert und davor gesorgt hatte.

Kurator Jochen Bertzbach erläuterte zu Beginn der Ausstellung die Bedeutung des Aalfangs für Fischerhude. Immerhin bildete die Wümme um 1850 ein enges und vielgestaltiges Geflecht von Wasserläufen, die einen hervorragenden Lebensraum für Aale bildeten. Das Flussdelta, geprägt von regelmäßigen Überschwemmungen, schuf ideale Bedingungen für hohe Fischbestände, und Fischerhude war für seinen reichen Aalbestand berühmt.

Bertzbach ging in seinen Ausführungen an die Anfänge der Aalfischerei zurück, die bereits im Mittelalter unter besonderem hoheitlichen Schutz stand. Das Fischereirecht wurde sogenannten Watermeiern übertragen, den ersten bäuerlichen Siedlern, die von ihren Fängen allerdings Abgaben zu leisten hatten. Die Fänge waren jedoch so üppig, dass diese Siedler durch den Verkauf, vornehmlich nach Bremen, und dem zusätzlichen Vertrieb von Heu einen beachtlichen Wohlstand aufbauen konnten. Die Besucher erfuhren, dass zum Fischfang Aalwehre gebaut wurden, die den Fluss und die Nebenarme, früher Leggen genannt, künstlich verengten. Dort wurden mithilfe von langen Fangkammern die Aale in einem Netz gefangen. Um 1800 gab es in Fischerhude 102 solcher Aalwehre.

Auch Aalstecher, Harken und Reusen kamen zum Einsatz, von denen in der Ausstellung eine ganze Sammlung zu sehen ist. Manche dieser handgeschmiedeten Aalstecher sehen furchterregend aus, aber Tierschutz war in den damaligen Zeiten kein Thema. Die Aalfänger stießen damit ins Wasser oder harkten die Aale einfach heraus. Fündig wurden sie bei dem hohen Fischaufkommen immer. Fangmethoden, die heute verboten sind.

Wie es weiter hieß, ging der Aalreichtum im 18. und 19. Jahrhundert zu Neige. Die Moore wurden trockengelegt, nährstoffarmes Wasser war die Folge, die Wümme versandete, viele Nebenarme wuchsen zu und verlandeten. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts entstanden überall an der Wümme Stauwehre und auch deshalb sank dass Fischaufkommen. Die Wege für Aale, aber auch andere Fischarten waren versperrt. Auch Meerforellen, die in die Wümmearme zum Laichen aufstiegen, kamen nicht mehr durch.

Ab den 1920er-Jahren erfolgte der kontinuierliche Ausbau der Wümme und von den seinerzeit 85 Flussarmen blieben nur drei Hauptarme übrig. So konnten Überschwemmungen stark eingegrenzt werden und die Bauern ihren Heuertrag steigern, den sie an die Wehrmacht und an Gestbauern verkauften. Von 1966 bis 1979 änderte sich die Situation der Aale bei Fischerhude weiter: Durch eine massive Regulierung mit fünf Stauwehren mutierte die Wümme zu einem kanalähnlichen Gewässer, an dem auch kaum Uferbewuchs geduldet wurde. Die früher millionenfach von der Sargassosee nördlich der Bermudas, dem Geburtsort der Aale, über die Nordsee einwandernden kleinen Glasaale konnten nicht mehr aufsteigen. Die Wehre ließen sich nicht überwinden, um das Flussdelta zu besiedeln. Das Ende des Aalreichtums war besiegelt.

Wie Bertzbach weiter erzählte, setzte Anfang der 1990er-Jahre ein Umdenken ein. Natur- und Umweltschützer hatten sich vehement dafür eingesetzt und so entstanden Fischtreppen und Sohlgleiten, die es den Wanderfischen ermöglichen, wieder in die Wümme aufzusteigen. Durchwandern und Laichen ist also wieder möglich.

Allerdings würde es längere Zeit dauern, bis sich die verschwundenen Bestände auch nur annähernd erholt hätten. Der ortsansässige Fischereiverein und Gewässerwarte scheuen keine Mühe, um sich für die Rückkehr verschiedener Fischarten einzusetzen. Der Verein Fischerhude-Quelkhorn, der sich auch am landesweiten Aalbesatzprogramm des Anglerverbandes Niedersachsen beteiligt, hat es sich zur Aufgabe gemacht, den Aalbestand zu erhöhen. Mehr als 35.000 kleine Aale, die später zu Raubfischen werden sollen, werden jährlich in die Wümme eingebracht. Als Glasaale werden sie von Fischern auf ihrer ersten Wanderung im Ärmelkanal angefangen und an die Fischereiverbände und Vereine verkauft, die den Ankauf durch Mitgliedsbeiträge finanzieren.

Nicht alle kleinen Aale schaffen es, in die Flüsse aufzusteigen, um dort zu leben. Im Gegenteil, im Wasser, wie in der übrigen Natur auch, heißt es fressen und gefressen werden. Darüber hinaus gelten Glasaale in Frankreich als Spezialität. Spricht man jedoch einen Angler an seinem Angelplatz auf seinen Fang bezüglich Aal an, erntet man in der Regel nur Schulterzucken: „Aal aus der Wümme habe ich schon länger nicht mehr gehabt. Der ist hier richtig selten geworden. Das dauert Jahre, bis der Bestand wiederaufgebaut wird. Und so ein Aal muss auch erst mal fünf sechs Jahre wachsen, bis er mäßig wird. Kein Angler nimmt einen mit, wenn er das richtige Maß noch nicht hat. Er beißt gerne auf Tauwürmer, wird aber wieder zurückgesetzt, wenn er noch zu klein ist“, hieß es neulich im Gespräch mit einem passionierten Angler am Mittelarm.

Die Ausstellung, die die Eckstever Künstlerin Susanne Stuwe-Thiel in Zusammenarbeit mit Ralf Gerken vom Anglerverband Niedersachsen konzipiert hatte, hat viel zu bieten: Besucher erfahren viel über Verhaltensweisen der Aale, die man in Breitkopf- und Spitzkopfaal unterscheidet. Der Erstere ernährt sich vorrangig von Fischen, der andere frisst vor allem Kleintiere wie Schnecken, Larven, kleine Krebstiere und Würmer. Je nach Nahrungsangebot entwickeln sich die Aale zu einem Vertreter ihrer Art. Darüber hinaus lässt sich erfahren, dass der Aal eines der größten biologischen Wunder unserer heimischen Tierwelt darstellt. Im Laufe seines Lebens legt er viele Tausend Kilometer zurück und wandelt mehrfach die Körperform. Dabei legt er unfassbar viele Eier, besitzt unglaubliche sensorische Fähigkeiten und entzieht sich bis heute hartnäckig der wissenschaftlichen Erforschung seiner biologischen Geheimnisse.

Geboren werden sie vor der amerikanischen Küste und nur dort. Züchten, wie andere Fischarten, lässt sich der Aal nicht. Die Eltern legen ihre Eier in mehreren Hundert Metern Tiefe ab. Sie werden etwa 15 Jahre alt und sterben nach der Eiablage. Trotz intensiver Forschung ist wenig über die Fortpflanzung bekannt. Noch nie wurden Aale beim Laichen beobachtet.

Die Ausstellung zeigt aber auch viel über den Fischerhuder Aalfang mit den unterschiedlichsten Methoden. Man konnte mit Würmern, die auf eine Schnur gefädelt wurden „porken“, man konnte „Aalpedden“, also mit den Füßen im Wasser stampfen und den Fisch auf seinem Versteck aufscheuchen oder „pümpeln,“ das heißt, mit einer langen Stange ins Wasser schlagen und dann mit Netzen arbeiten, oder aber mit Reusen arbeiten. Diese Reusen waren aus Weidenruten gebunden, die auch in der Ausstellung zu sehen sind.

Und dann waren dort noch die „Watermeier“, jene Gewässerpächter, die ihre Strecks und Nebenarme gewissenhaft pflegten, um ein Verkrauten zu verhindern, was die Fließgeschwindigkeit des Flussarmes verringert hätte. Zweimal im Jahr musste das Krautz im Flussbett per Hand geschnitten werden, denn nur wo möglichst viel Wasser in hoher Geschwindigkeit floss, zog auch der Aal und sorgte somit für lukrative Fänge.

Begleitet wird die Ausstellung durch ein attraktives Beiprogramm, das in der Presse bekannt gegeben wird, mit Aalräuchern wie damals und Verköstigung. Klönabend mit Zeitzeugen, Fischern und Historikern, Aalbesatzaktion mit dem Fischereiverein Fischerhude-Quelkhorn. Weitere Informationen gibt es dazu unter Telefon 04293/7490.

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