Fischerhude: Romanlesung über Anna Brümmers Weg zum Scharfrichter

Ende im Gelände

Foto oben: Die Richtstätte bei Riensförde wurde rekonstruiert und soll demnächst mit einer Info-Tafel ausgestattet werden. Foto unten: Richtschwert nebst Stuhl des Scharfrichters Schwarz wurden bei der Hinrichtung von Anna Brümmer benutzt. Beide Exponate befinden sich im Museum Lamspringe. Foto: Elke Keppler-Rosenau
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Fischerhude (kr). Wenn in der Presse von einem Kindsmord berichtet wird, ist die Aufregung groß. Umso mehr, wenn die Mutter die Mörderin ist und noch mehr, wenn es die Region betrifft, in der man selbst lebt. Das ist heute so, und früher war es auch nicht anders. Nur das Strafmaß hat sich in den Jahren verändert. Für Kindsmörderinnen endete das Leben vor 150 Jahren nicht selten auf dem Schafott. Der Stader Historiker, Autor und Heimatforscher Dietrich Alsdorf nahm jene historischen Ereignisse zur Grundlage für einen spannenden Roman, der jetzt im Buchhandel (ISBN 978-3-88132-330-7) erhältlich ist. Alsdorf, der bereits mehrfach in Fischerhude aus seinen Werken gelesen hatte, präsentierte auch sein neuestes Werk im Wümmeort.

1856 würde auf dem Richthügel der Riensförder Heide bei Stade, dem Ort der Gerichtsbarkeit für Kapitalverbrechen Anna Brümmer hingerichtet. Sie starb durch das Schwert des Bremervörder Scharfrichters Christian Schwarz in Anwesenheit von Richtern, Geistlichen und einem großen Menschenauflauf. Man hatte sie für die Tötung ihres zweiten ledigen Kindes zum Tode verurteilt. Der Stader Pastor Julius August Christoph Lunecke, der vom Gericht seinerzeit beauftragt war, Brümmer, die aus Balje am Elbdeich stammte, als Seelsorger zu begleiten und auf den Tod vorzubereiten, legte damals im Stader Sonntagsblatt Zeugnis über die Geschehnisse ab, die er sorgfältig zu Papier gebracht hatte.

Alsdorf zeichnet auf 260 Seiten das kurze und meistens freudlose Leben der jungen Magd nach, die aus ärmlichen Verhältnissen stammte. Vater und Mutter waren früh gestorben, wie ihre Schwestern musste sie früh bei Bauern in Dienst gehen, wie es hieß. Die Lebensumstände waren erbärmlicher, als man es sich heute vorstellen kann. Gesinde wurde von den Bauern ausgenutzt und nicht selten drangsaliert. Kirchgänge und Märkte in der näheren Umgebung waren die einzigen Vergnügungen.

Der Markt in Belum, einem Ort nahe der Stelle, an der die Oste in die Elbe fließt, wurde Anna Brümmer zum Verhängnis. Sie traf dort Claus Bartels, einen jungen Knecht, in den sie sich Hals über Kopf verliebte, in den sie ihre ganze Hoffnung auf eine Zukunft setzte, den sie aber nach einer kurzen und heftigen Liebesnacht nicht wieder sah.

Es kam, wie es kommen musste. Anna wurde schwanger und hatte keinen Vater für ihr Kind. Der Bauer jagte sie vom Hof, mittellos wie sie war, musste sie bei ihrer Familie um Aufnahme bitten. Die Leute zerrissen sich das Maul ob dieser Schande.

Das Kind, ein kleiner Junge, wurde zu Pflegeeltern gegeben, die sich damit ein Zubrot verdienten und Anna musste den Unterhalt erarbeiten. Durch Zufall begegnete sie Bartels wieder. Er arbeitete als Knecht auf dem Hof, auf dem sie nach der Geburt neu in Stellung gegangen war. Das Schicksal nahm seinen Lauf, als sie erneut von ihm schwanger wurde, er aber keineswegs daran dachte, sie zu heiraten, obwohl Anna alles daran setzte, ihn an sich zu binden, denn ledige Mütter waren von der Gesellschaft geächtet. Je mehr sie vor den Traualtar drängte, desto mehr bremste er sie aus und auch das zweite Kind wurde Anna weggenommen und zur Pflege gegeben. Die Zeiten waren damals so, dass die Frauen keinerlei Hilfe zu erhoffen hatten. Das Buch erzählt einen beispiellosen Leidensweg und die Handlung bindet zahlreiche interessante Nebenschauplätze ein, die den Leser auf eine Reise in das 19. Jahrhundert mitnehmen, als Frauen noch quasi rechtlos waren.

Am Freitag, 9. Mai 1856, wurde Anna Brümmer in Stade zur Richtstätte gefahren. Verurteilt wegen des Giftmordes an ihrem Kind. „Ein für Stade ungewohnt hartes Urteil, war doch erst ein dreiviertel Jahr zuvor eine andere Kehdingerin, ebenfalls wegen Kindsmord, lediglich zu acht Jahren Gefängnis verurteilt worden“, erklärt Autor Alsdorf, der in seinem Roman deshalb auch der Frage nachgeht, warum dieses harte Urteil gefällt wurde? Auch spürt er nach, ob Brümmer überhaupt die Mörderin ihres Kindes gewesen ist.

„Lange hatte ich gehadert, überhaupt einen Roman über eine Kindsmörderin zu schreiben. Doch dann stieß ich bei der Recherche über diesen Fall auf manche Ungereimheiten und in den Kirchenbüchern auf familiäre Zusammenhänge, die mein Interesse weckten und motivierten, das Projekt zu beginnen“, so Alsdorf.

• Fazit: Dietrich Alsdorf vermittelt in seinem Roman viel Hintergrundwissen auch über den damaligen Zeitgeist und beweist sich einmal mehr als Meister seines Fachs. Er hat das Buch anschaulich mit historischen Fotos, Flurkarten und Dokumenten, aber auch skurrilen und grausamen Details aus jener Zeit illustriert, sodass der Leser sich an die Original-Schauplätze zurückversetzt sieht.

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