Erdbeben im Landkreis Verden: Abgeordnete verlangen Ende der Gasförderungen - Von Björn Blaak

„Stopp!“

Die Bürger fordern schon lange ein Stopp von Gasbohrungen in ihrer Region. Foto: Tobias Woelki
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Landkreis Verden. Die jüngsten Erdbeben rund um Völkersen bringen nicht nur die ortsansässigen Bürger auf die Palme, sondern auch hiesige Politiker. Darunter der Bundestagsabgeordnete Andreas Mattfeldt (CDU). „Erneut hatten wir erhebliche Schäden zu beklagen. Die Menschen haben berechtigterweise Angst. Ich kann und will diese unsinnige Belastung der Menschen nicht länger miterleben müssen. Ich fordere den sofortigen Stopp der Erdgasförderung in verdichteten Siedlungsräumen“, so Mattfeldt in einer Pressemeldung. Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth fordert Konsequenzen. Genauso wie Amira Mohamed Ali von den Linken.

Mattfeldt habe sich direkt nach dem Beben mit dem niedersächsischen Wirtschaftsminister Bernd Althusmann in Verbindung gesetzt und erneut einen sofortigen Förderstopp gefordert. Die Antwort fiel jedoch ernüchternd aus. „Auf meine Anfrage wurde mir von Herrn Althusmann mitgeteilt, ein sofortiger Stopp der Erdgasförderung in Niedersachsen sei aufgrund der großen hier liegenden Erdgasreserven und wirtschaftlichen Verpflichtungen nicht umsetzbar. Das zeigt für mich in aller Deutlichkeit, dass die niedersächsische CDU hier in der Regierung genau wie auch die SPD und Grünen zuvor einzig und allein hinter der Industrie und nicht hinter den Menschen stehen. Ich empfinde das als eine unerträgliche Ignoranz und Arroganz der Politik von SPD und CDU aus der Landeshauptstadt Hannover gegenüber unserem ländlichen Raum. Das heißt für mich, dass ich mich in dieser Sache entschieden von der CDU distanziere“, wettert der Abgeordnete.

Auch in Berlin käme Mattfeldt bisher nicht weiter. Trotz diverser Schreiben, mit denen der Abgeordnete Althusmann und dessen SPD-Vorgänger Olaf Lies sowie den grünen Umweltminister der Vorgängerregierung, Stefan Wenzel, bereits aufgefordert haben will, die Erdgasförderung in verdichteten Siedlungsräumen umgehend einzustellen, sei die derzeitige niedersächsische Landesregierung bisher tatenlos geblieben. Aus Mattfeldts Sicht völlig inakzeptabel. „Statt umgehend eine Einstellung der Erdgasförderung in Betracht zu ziehen und hierzu auch im Bundesrat aktiv zu werden, vertröstet die Landesregierung fortwährend die betroffene Bevölkerung mit Gesprächsangeboten, die stets ohne Ergebnis bleiben“, echauffiert sich Mattfeldt. Er ergänzt: „Meine Forderung nach einem sofortigen Stopp kommt nicht einfach so. Denn der Nutzen steht in keinerlei Verhältnis mehr zu den Schäden. Das Argument, ein sofortiger Stopp gefährde Arbeitsplätze, hält keiner Prüfung stand. Die Arbeitsplätze vor Ort sind jedenfalls marginal. Die Schäden an Menschen aber auch der Wirtschaft, vor allem auch mit Blick auf unsere heimische Getränke- und Lebensmittelindustrie, sind dafür immens, werden aber seit Jahren zugunsten der Erdgasindustrie einfach ignoriert.“ „Blanker Hohn“ Das Messsystem der BVEG und das Geoforschungszentrum Potsdam hatten am Mittwoch in Verden und Langwedel zwei Erdbeben der Magnitude 3.1 und 3.2 mit Schwinggeschwindigkeiten von über einem Millimeter pro Sekunde registriert. Für Kirchlinteln und Teile Verdens wurde ein Stärkegrad IV bestätigt. Damit handelte es sich um die stärksten Beben in Verden seit mehreren Jahren. „Dagegen mutet die Pressemeldung der Dea, in der mitgeteilt wird, ‘man bedauere die entstandenen Unannehmlichkeiten‘, für mich an, wie der blanke Hohn“, so Mattfeldt. Liebetruth fordert Konsequenzen Auch die SPD-Landtagsabgeordnete Dörte Liebetruth fordert Konklusionen: „Es reicht. Es müssen endlich Konsequenzen aus diesen Vorfällen gezogen werden. Über Parteigrenzen hinweg müssen wir deswegen auf Landes- und Bundesebene noch mehr Druck machen, damit, wie einstimmig von uns im Verdener Kreistag beschlossen, die Erdgasförderung in unserer dicht besiedelten Region um Bremen bald der Vergangenheit angehört.“ Um die genauen Ursachen der Erdbeben noch besser erforschen lassen zu können, ruft sie dazu auf, die Auswirkungen möglichst genau zu dokumentieren. Das sei möglich auf der Internetseite des Landesamtes für Bergbau, Energie und Geologie unter https://nibis.lbeg.de/makroseismik. Geschädigte sollten sich aber zuerst an das Erdgasförderunternehmen Wintershall Dea in Schülingen wenden, rat Liebetruth. Dea Wintershall-Pressesprecher Heinz Oberlach räumt ein: „Bei seismischen Ereignissen dieser Größenordnung können Schäden wie Putzrisse an Gebäuden auftreten.“ Auch er empfiehlt, sich diesbezüglich bei Dea unter Telefon 04232/933200 zu melden. „Sollte das Unternehmen den Schaden nicht zur Zufriedenheit der Betroffenen regulieren und die Betroffenen nicht gleich den Klageweg beschreiten wollen, steht die von der Landesregierung eingerichtete Schlichtungsstelle Bergschaden des Landes Niedersachsen als Ansprechpartner zur Verfügung“, informiert Liebetruth. Die Geschäftsstelle der Schlichtungsstelle ist im Rotenburger Kreishaus angesiedelt und unter Telefon 04261/9832853 sowie der E-Mail-Adresse matthias.cordes@lk-row.de erreichbar. Linke: „Anwohner entschädigen“ Amira Mohamed Ali, Mitglied des Deutschen Bundestages und Fraktionsvorsitzende der Linken, hat die Bundesregierung zu einer Stellungnahme zu jenen Erdbeben aufgefordert: „Die Regierung muss sofort alle Kenntnisse über einen möglichen Zusammenhang zur Erdgasförderung offenlegen und entsprechende Maßnahmen ergreifen, damit sich das nicht wiederholt. Es darf nicht sein, dass die Energiekonzerne große Gewinne einfahren und gleichzeitig die Gesundheit und das Eigentum der Bürger gefährdet werden. Die Förderung muss gestoppt und die Anwohner entschädigt werden“, sagt Mohamed Ali. Das Landesamt für Bergbau, Energie und Geologie, kurz LBEG, bestätigt inzwischen: „Die aktuellen Erdbeben stehen sehr wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Erdgasförderung.“ Die Fachbehörde erklärt auch, wie es zu den Erdstößen kommt: „Die Förderung von Erdgas führt zu Spannungen im tiefen Untergrund. Wenn diese an Schwächezonen im Untergrund impulsartig abgebaut werden, kann es zu Erschütterungen an der Oberfläche kommen. Die Ursache wird in detaillierten Untersuchungen zurzeit analysiert“, teilt das LBEG in einer Pressemeldung mit.

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Björn Blaak Björn Blaak
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