Kreismusikverband sorgt sich wegen Coronakrise um Vereine - Von Dennis Bartz

„Mit dem Rücken zur Wand“

Bernhard Speer vom Kreismusikverband Rotenburg sagt: "Musikvereine leisten einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft." Foto: Dennis Bartz
 ©

Landkreis Rotenburg. Es ist still geworden im Landkreis Rotenburg: Wegen der Corona-Pandemie fallen seit März sämtliche Feste und Konzerte aus. Nicht nur für die Veranstalter ist das ein existenzielles Problem. Auch Musikvereine und -gruppen leiden unter der aktuellen Situation, berichtet Bernhard Speer vom Kreismusikverband Rotenburg im Gespräch mit der Rundschau.

„Beantragte Fördermittel des Kreismusikverbands sind aufgrund der Covid-19-Pandemie von Stiftungen zurückgestellt worden. Denn sie leiden derzeit unter derselben finanziellen Misere wie Unternehmer. Aufgrund der seit Jahren niedrigen Zinspolitik konnten sie ohnehin nur sehr begrenzte Förderprojekte bezuschussen – jetzt ist das Geld noch knapper“, so Speer. Die Musikvereine seien jedoch dringend auf die Unterstützung angewiesen, um ihre Kosten zu decken. Denn sie nutzen das Winterhalbjahr beispielsweise dafür, ihr Repertoire zu erweitern. Dazu gehören neben dem Kauf neuer Noten auch das Einüben der Stücke. „Dies ist jedoch häufig wegen der knappen Zeit und der stetig wachsenden Anforderungen im Orchester nur noch mit Hilfe externer Musikdozenten zu leisten. Da kostet ein Übungswochenende für die Register schnell einige tausend Euro“, rechnet Speer vor.

Diese und weitere Kosten haben die Vereine demnach bereits vorgestreckt, um die Stücke in der neuen Saison zu präsentieren – doch daraus wird wegen der Corona-Pandemie nichts. Fest eingeplante Einnahmen gehen verloren. „So mancher Verein steht deshalb seit März mit dem Rücken zur Wand“, bedauert Speer.

Erschwerend komme hinzu, dass die Vereine die Weihnachts- und Osterferien häufig dazu nutzen, um Instrumente zur Pflege und Reparatur in Fachwerkstätten zu geben. „Da sind Ausgaben für ein etwa 40 Personen starkes Orchester schnell bei 5.000 bis 10.000 Euro“, erläutert er.

Meist seien Neuanschaffung notwendig, die die Vereine zusätzlich belasten. Ein kleines Tenorhorn koste oft bis zu 4.000 Euro, eine Tuba bis zu 10.000 Euro. „Selbst für eine kleine Piccoloflöte sind 1.500 Euro nicht ungewöhnlich“, erklärt er.

Doch den Vereinen und ihren Mitgliedern fehle in diesen Wochen auch die Gesellschaft und der Zusammenhalt untereinander, weil gemeinsame Übungsstunden meist wegfallen. „Es geht Musikern nicht nur um die Freude an Auftritten, jede gemeinsame Übungsstunde und Probe macht ihnen Spaß“, gibt Speer einen Einblick in das Seelenleben der Musiker. Die Gruppen leisten außerdem einen wichtigen Beitrag für die Gesellschaft, betont er: „Angefangen bei der Jugendarbeit. Die Nachwuchsmusiker werden von vielen ausgebildeten Jugendleitern betreut. Durch die mehrtätige Ausbildung in Zusammenarbeit mit dem Jugendamt des Landkreises Rotenburg sind sie oft der erste Ansprechpartner bei Problem in der Musik, mit den Ausbildern, aber auch in ihren Familien“, so Speer. Die regelmäßigen Schulungen befassten sich mit Themen wie Alkohol, Drogen, häuslicher Gewalt und mehr.

Um die Zukunft der Vereine zu sichern, investieren die Vorstände laut Speer viel Zeit und Geld in die Ausbildung von Nachwuchsmusiker. „Heutzutage beginnen die Kinder- und Jugendlichen oft eine musikalische Früherziehung mit einer Blockflöte. Bis sie ein Instrument im Orchester spielen, vergehen in der Regel etwa drei bis vier Jahre. Diese werden durch den Kreismusikverband und den Niedersächsischer Musikverband durch qualifizierte Lehrgänge mit einer theoretischen und praktischen Prüfung begleitet. Aber in diesem Jahr wird es keinen Nachwuchs geben“, bedauert der 59-Jährige, der vor den langfristigen Folgen warnt.

Denn Schützen- und Erntefeste, Volksfeste und andere Höhepunkte des Jahreskalenders werden nach Speers Einschätzung an Wertigkeit verlieren, wenn es weniger Musikvereine gibt. „Meine größte Sorge betrifft die kleineren Vereine. Finden diese nach einem halben oder sogar Dreivierteljahr Zwangspause wieder zusammen? Sind ältere Musiker in der persönlichen Stimmung, noch einmal Anlauf zu nehmen? Werden sie es schaffen, sich musikalisch wieder nach vorne zu arbeiten? Es bedarf einer Menge Kondition, Reaktion und Muskulatur, um ein Instrument annähernd sauber zu spielen“, erklärt Speer.

Der Kreismusikverbands übernehme die Aufgabe, die Mitgliedsvereine zu fördern und zu unterstützen. Gerade in Dörfern und kleinen Ortschaften sei das wichtig, weil das Vereinsleben mitunter das einzige Angebot dort sei. „Was bleibt noch, wenn es dort keine Musikgruppe mehr gibt? Unser Hauptaufgabe ist die musikalische Förderung. Das müssen wir unbedingt erhalten. Wir möchten mit allen uns zur Verfügung stehenden Mitteln das Musikwesen in der Fläche, im Landkreis Rotenburg, unterstützen. Aber das ist sehr schwierig geworden“, so Speer. Zum Leidwesen vieler Orte hätten sich in den vergangenen Jahren bereits einige Spielmannszüge aufgelöst. Speer hofft darauf, dass viele Menschen die Vereine in der schwierigen Zeit unterstützen: „Wer etwas spenden oder Mitglied werden möchte, findet die Kontaktdaten auf unserer Internetseite www.kreismusikverband-row.de. Fast alle unsere Vereine sind gemeinnützig und zum Ausstellen von Spendenbescheinigungen berechtigt.“

• Der Kreismusikverband Rotenburg besteht seit 1999. Dem Verband gehören 13 Mitgliedsvereine mit insgesamt derzeit etwa 600 aktiven Musikern sowie 400 passiven Mitgliedern an. Darüber hinaus ist der Verband Mitglied im Niedersächsischen Musikverband e.V. (NMV) und in der Bundesvereinigung Deutscher Musikverbände e.V. (BDMV).

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

24.04.2020

Frühlingsbilder

08.03.2020

Sportabzeichen Übergabe Sottrum

24.02.2020

Bassen Helau

21.02.2020

BIT in Oyten