Jawid, Imran und Milad und ihr neues Zuhause im Landkreis Rotenburg - Von Nina Baucke und Andreas schultz

In einer anderen Welt

Der 16-jährige Milad fühlt sich bei Kerstin und Thomas Meyer richtig wohl.
 ©Andreas Schultz

Sottrum/Scheeßel. Tausende Kilometer entfernt von zu Hause: Nicht nur Erwachsene und ganze Familien suchen derzeit in Europa Schutz, sondern auch zahlreiche Minderjährige, die ohne Begleitung auf ihrem gefährlichen Weg auf sich gestellt sind. Drei von ihnen sind Imran, Jawid und Milad aus Afghanistan, die im Landkreis Rotenburg eine Zuflucht gefunden haben.

Imran und Jawid sind 15 Jahre alt, sie gehen zur Schule, hören Musik, trainieren im Fitnessstudio und spielen Fußball wie so viele andere Teenager auch. Mit dem Unterschied: Die beiden Jungen haben einen Weg von mehreren tausend Kilometern hinter sich, der sie über Umwege von Afghanistan nach Scheeßel geführt hat – ohne ihre Familien. Sie leben als unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) im Beeke-Haus, Imran nennt es „Zuhause“.

Anfangs ist alles neu für die beiden 15-Jährigen. Die jungen Afghanen sind sich in Frankreich begegnet und hatten beschlossen, gemeinsam nach Deutschland zu gehen, dort landen sie vor einem Jahr im Landkreis Rotenburg. Über ihren Weg nach Europa wollen sie nicht sprechen, dafür aber über ihr Leben in Scheeßel. „Es war erst ein wenig anstrengend, aber jetzt ist alles okay“, sagt Jawid. Ein gutes halbes Jahr lang kämpfen sie mit der Sprache, lernen Deutsch an der Schule, zweimal die Woche nachmittags bei einem Lehrer und dazu in einem Volkshochschulkurs, für den sie immer nach Rotenburg radeln. Jetzt kommen die Jungen schon recht gut mit der Sprache zurecht. „Und wir haben schon Freunde gefunden“, erzählt Imran.

Mit ihnen sind es neun Jungen im Beeke-Haus, einer Einrichtung für Kinder und Jugendliche, ein deutscher Jugendlicher, alle anderen sind UMA aus Afghanistan. Die beiden 15-Jährigen sind die ersten der minderjährigen Flüchtlinge, die dort unterkommen. „Beide waren in der Inobhutnahmestelle in Gyhum, als der Landkreis mich anrief und fragte, ob ich zwei Plätze frei hätte“, erinnert sich Einrichtungsleiter Heinz Precht. „Und die beiden haben uns vor völlig neue Herausforderungen gestellt.“ Seine Frau besorgt sich Kochbücher, Precht tut eine Fleischerei in Bremen auf, die halal schlachtet. Und als er erfährt, dass Imran und Jawid das Cricketspielen vermissen, sieht er sich in Bremen nach einem Verein um. Die Verständigung läuft da noch mit Händen und Füßen, doch ein offizieller Dolmetscher in Hamburg übersetzt die Hausordnung und hilft bei den ersten Gesprächsversuchen. „Danach ging‘s in ein afghanisches Restaurant“, sagt Precht mit einem Augenzwinkern.

All das, wie auch das komplette Einkleiden – „das war eine ganz bewegte Zeit“, so der Sozialpädagoge. Er will die Jugendliche fit für das Leben machen, wie er sagt. Wenn sie 18 sind, sollen sie auf eigenen Beinen stehen können, inklusive kochen und Wäsche waschen. Und zum Selbstständigwerden gehört auch Bildung, vom ersten Tag an besuchen Imran und Jawid die siebte Klasse der Beeke-Schule. Jetzt, in der achten Klasse, haben sie in zwei Fächern erstmals Noten bekommen, in Werken und Sport. „Beide jeweils zwei Zweien“, bemerkt Dieter Wiens vom Jugendamt des Landkreises. Ihre Lieblingsfächer sind allerdings andere: „Mathe und Englisch“, sagt Imran spontan. Beide träumen davon, einmal zu studieren, irgendetwas Technisches.

„Wir haben von Anfang an viel Zuspruch und Unterstützung erfahren“, sagt Precht. Die jungen Afghanen möchten in Deutschland bleiben, derzeit gelten sie als geduldet, bis dahin ist das Jugendamt der offizielle Vormund. „Sie lernen mit sehr viel Eifer“, sagt Amtsmitarbeiter Dieter Wiens.

„Deutschland ist ganz anders, so haben wir es uns nie vorstellen können“, berichtet Jawid. „Es ist sehr ruhig.“ Und ungewohnt: „In Afghanistan sind nicht so viele Mädchen auf der Straße unterwegs“, sagt Imran. „Hier sind die Regeln für alle gleich. Sie vermissen ihre Freunde und vor allem ihre Familien – doch Kontakt zu ihnen haben sie nicht: „Das ist schwer“, sagt Imrad. Aber dennoch sind sie froh, in Scheeßel zu sein. „Wir fühlen uns hier besser als in Afghanistan“, erklärt Jawid. Und sein Freund ergänzt: „Wir haben hier eine Zukunft.“

Milad hat einiges hinter sich. Von Afghanistan kam der 16-Jährige nach Deutschland: Zu Fuß, ein wenig mit dem Auto, kurze Strecken mit dem Zug. Rund 7.000 Kilometer lang ist die direkte Strecke aus der Region Kapisa in die Samtgemeinde Sottrum, wo der unbegleitete Flüchtling seit Dezember bei Familie Meyer lebt. Diese Idealstrecke hat er nicht genommen, deshalb dauerte die Reise einen Monat. Die Zwischenstationen: unter anderem Iran, Türkei, Griechenland, Nürnberg und schließlich die Unterkunft in Visselhövede. Über die Schrecken der Reise verliert der Jugendliche kein Wort. Er blickt lieber in die Zukunft, will die schwere deutsche Sprache lernen und später journalistisch arbeiten, am liebsten als Musikredakteur.

„Es ist, als käme man in eine vollkommen andere Welt“, sagt der 16-Jährige auf Englisch. Er schätzt die Sicherheit in Deutschland und die Freiheit der Bewohner, jederzeit einfach raus und überall hingehen zu können. In seiner alten Heimat Afghanistan sei das unmöglich – zu gefährlich. An dem, was er von Deutschland kennt, wundert ihn auch das, was andere als die „typisch deutsche“ Regelungswut bezeichnen würden. Nahezu für alles gebe es irgendein Gesetz.

Davon kann Tina Kochinke vom Pflegekinderdienst ein Lied singen, denn auch die Vermittlung unbegleiteter Flüchtlinge an Pflegefamilien, wie Kerstin und Thomas Meyer eine sind, ist geregelt. Sobald sich jemand bereiterklärt, einen Flüchtling aufzunehmen, geht der Pflegekinderdienst nach Muster vor: Telefoninterview, Austausch von Unterlagen und Eckdaten, vierwöchige Prüfungsphase im Amt. „Wenn es Jugendliche gibt, die Interesse an einer Pflegefamilie zeigen, kommt das Kennenlernen. Dann schauen wir, ob die Chemie stimmt“, so Kochinke.

Bei Milad und Familie Meyer stimmt sie. Die beiden Erwachsenen legen sich ins Zeug, damit es dem Teenager gut geht. Ihre Motivation: „Wäre in Deutschland Krieg und unsere Kinder müssten flüchten, würde ich mir auch wünschen, dass sich jemand um sie kümmert“, sagt Kerstin Meyer. Der 16-Jährige weiß das zu schätzen. „Und auch Milads Mutter, mit der er alle paar Wochen telefoniert, zeigt sich sehr dankbar“, sagt Thomas Meyer. Sie spornt den Teenager auch an, etwas aus sich zu machen. „Denke nicht an uns hier“, prägt sie ihm ein.

Und Milad gehorcht seiner Mutter. Er geht gern zur Schule – in eine Klasse für unbegleitete Flüchtlinge, lernt Deutsch an der Fachhochschule und geht im Verein seinem Hobby Fußball nach. Seine Lieblingsposition: Verteidigung. „Auch im Weserstadion war er schon, wir bringen ihm bei, was guter Fußball ist“, sagt Thomas Meyer und lacht. So ganz zu fruchten scheint „die richtige Erziehung“ jedoch nicht: Milads Herz schlägt in der Bundesliga für Dortmund, international gesehen ist er Chelsea-Fan.

Und auch wenn sie in Sachen Ballsport nicht so ganz einer Meinung sind – ansonsten scheint das Leben auf dem Dorf mit dem Neuankömmling gut zu funktionieren. Besondere Herausforderungen? Fehlanzeige. „Er spricht zwar noch eine andere Sprache, ansonsten haben wir es aber mit einem typischen Teenager zu tun: Manchmal ist es zum Beispiel schwer ihn zum Aufstehen zu bewegen“, sagt Kerstin Meyer und lächelt. Im Vergleich zu den erwachsenen Nachkommen des Paars sei aber keine große Umstellung notwendig. „Klar, er ist Moslem. Er isst kein Schweinefleisch. Aber ansonsten hat sich nichts geändert“, so Kerstin Meyer. Milad lege aber auch großen Wert darauf, dass beide ihr Leben nicht wegen seiner Anwesenheit ändern. „Wir hätten uns das alles schwerer vorgestellt“, sind sich Thomas und Kerstin Meyer einig. „Er ist Ruckzuck zu einem richtigen Familienmitglied geworden.“ Das zeigt sich unter anderem wenn Sohn und Student Florian zu Besuch ist und mit Milad die Playstation anwirft. „Florian ist wie ein großer Bruder für mich“, meint der Flüchtling.

Dass diese Idylle so funktionieren kann, dafür ist in Teilen Uta König mitverantwortlich. Auch wenn Milad bei Familie Meyer lebt, auf dem Blatt Papier ist König der gesetzliche Vormund. Sie trifft die wichtigen Entscheidungen, die sonst Eltern fällen würden, beispielsweise wenn eine schwere OP oder ein Schulwechsel ansteht, wenn die Versetzung in die nächste Klasse gefährdet ist oder behördliche Angelegenheiten zu erledigen sind. „Dafür ist der persönliche Kontakt sehr wichtig und man muss viel Empathie entwickeln“, erklärt König. Nichts passiere ohne die Rücksprache mit den Meyers und Milad. Im Zentrum stehe das Wohl des Jugendlichen – bis er 18 wird. Dann endet nicht nur die Zuständigkeit Königs, sondern auch der Schutzstatus für Minderjährige, den der offiziell geduldete Jugendliche genießt.

Seine Zukunft: offen. Doch der 16-Jährige schmiedet bereits eifrig Pläne. Am liebsten will er in Deutschland bleiben. Dazu gehört auch sein „großer Traum“, wie er sich ausdrückt: Seine Mutter und seinen Bruder aus Afghanistan nach Deutschland holen. „Mir ist wichtig, dass sie irgendwann in Sicherheit sind.“

Individuelle Entscheidung

Derzeit leben 113 Unbegleitete minderjährige Ausländer (UMA) im Alter von 7 bis 17 Jahre im Landkreis – damit erfüllt die Kommune die vorgegebene Quote, „aber auch die ändert sich tagesaktuell“, erklärt Dieter Wiens. „Die meisten sind im Alter von 16 bis 17 Jahren“, erklärt Christine Huchzermeier von der Kreisverwaltung. Unter den ausländischen Jugendlichen im Landkreis Rotenburg sind 106 Jungen und sieben Mädchen. Zumeist (67) aus Afghanistan, weitere 18 kommen aus Syrien, die übrigen 28 verteilen sich auf den Irak, Somalia, Gambia, Mazedonien, Nigeria, Iran sowie Guinea, Albanien und Algerien. 35 von ihnen haben derzeit in Zeven-Aspe eine Unterkunft gefunden, sechs in der Erstaufnahmeeinrichtung in Visselhövede, 32 in Einrichtungen der Jugendhilfe, neun in Pflegefamilien und 31 in Einrichtungen der Gemeinden. „Wie wir die Jugendlichen unterbringen, entscheiden wir nach den individuellen Bedürfnissen“, erklärt Wiens. 46 Familien haben sich auf den Aufruf des Landkreises gemeldet, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufzunehmen, nur 17 haben sich auf das Antwortschreiben samt Fragebogen zurückgemeldet. Neun Fälle hat der Landkreis bereits an Familien vermittelt, zwei sind noch in Bearbeitung.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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