Nicht immer lief alles glatt bei den Scheeßeler Festivals - vor 25 Jahren brannte der Eichenring

Das Ende des Rock: der heißeste Sommer

Wir sind hier tolerant." - Im Hintergrund plätschert Wasser, vorn sitzt auf der Rathaustreppe Scheeßels Bürgermeister Walter Spiering (*1907, gest. 1990). Die Hände auf den Knien gefaltet hört er einem Festivalbesucher zu, der sich mit seiner rechten Hand durch die langen Haare fährt. An Spierings Seite sitzen fünf Hippies auf den Stufen, die sich gerade ihre Füße im Brunnen gewaschen haben. Der Bürgermeister hatte sich am Wochenende 8. und 9. September 1973 weltoffen gezeigt und war mit der Treppen-Szene in der Einleitung eines sechsseitigen Stern-Berichts erschienen.

Zuvor hatten zehn Ratsmitglieder der CDU und sieben der SPD mit ihrer Entscheidung für ein Open Air im Speed-Way-Stadion Eichenring den Beginn einer Rock-Festival-Geschichte in Scheeßel geebnet. Wie die Beekegemeinde zum "Bayreuth für Beatniks" wurde, hat der Stern im selben Artikel analysiert: "Seit im Jahre 1969 das Festival von Woodstock zum Symbol einer friedlichen Gegenkultur geworden war, hatte es viele Enttäuschungen gegeben. Der Mord von Altamond, wo Ordner vor den Augen der Rolling Stones einen Farbigen erstachen, und das deutsche Rocker-Spektakel von Fehmarn im Jahre 1970, wo wütende Ordner Feuer legten, weil der Veranstalter mit der Kasse durchgebrannt war." Der Trend, dass immer mehr Plattenfirmen Festivals nutzten, um ihre Produkte zu bewerben, kam hinzu. Zudem hatte in Deutschland schon lange kein großes Festival mehr stattgefunden, eine Marktlücke war entstanden und wurde in der Beekegemeinde geschlossen. "Scheeßel war überfällig, die Kalkulation ging auf", schreibt der Stern. Als lieb und friedlich werden sie beschrieben: die ersten 52.000 Fans, die auf den Eichenring strömten. Und das Programm des ersten "Rock-Festivals Scheeßel" fiel bemerkenswert aus: Chicago, Lou Reed, Jerry Lee Lewis, Chuck Berry und Wishbone Ash waren die bekanntesten Interpreten der Festival-Premiere. Für eine entsprechende Beschallung im Stadion wurden zwei Verstärker mit je 15.000 Watt und küchenschrankgroße Lautsprecher aufgebaut. Die Zeitschrift "Pop" aus Zürich berichtet in ihrer Ausgabe 23 aus 1973 (Jagger zieht einen Flunsch auf dem Titel) eher negativ über den ersten Open-Air-Sommer in Scheeßel und zieht noch dazu ein vernichtendes Fazit: "Der große Frust blieb zurück. Festivals - wohin? Nicht in Richtung Scheeßel jedenfalls." Pop hat bei den Auftritten genauer hingesehen und Eindrücke für die Nachwelt festgehalten. Der Velvet-Underground-Sänger Lou Reed hatte in Scheeßel seinen, so recherchierte Pop, allerersten Auftritt auf dem Kontinent. "Er war gemissermaßen die negative Sensation des Festivals. Von der ersten Nummer an wurde er ausgepfiffen. Bleich geschminkt mit fahlroten Lippen, schlängelte er nervös in seiner Ledermontur über die Bühne und bot einmal mehr seine pervers-gelangweilte Stimme feil. Es scheint, dass die alten Velvet-Underground-Zeiten nimmer zurückkehren. Das Publikum war feindselig." Wie Reed am zweiten Festivaltag an der Reihe waren anderthalb Stunden nach Mitternacht die Rock’n’Roller Jerry Lee Lewis und Chuck Berry. "Während Jerry Lee eine überzeugende Show lieferte, vollgespickt mit seinen guten alten Nummern, geriet Chuck Berrys Erscheinen zu einer Farce. Als Lewis den Berry-Klassiker "Johnny B. Goode" anspielte, gesellte sich Chuck grinsend hinzu und klimperte ein bisschen auf dem Flügel. Nach ein paar Minuten gemeinsamen Jammens - Chuck ließ dabei nur mittelmäßige Gitarrenphrasen hören - verschwand Berry sang- und klanglos in Richtung Airport. Zurück blieben die geprellten Fans", berichtet Pop. Mit "Heiße Musik, wilde Tänze und über 200 Verletzte" titelte die Bild-Hamburg zum Festival-Auftakt in Scheeßel. "Mit der Bahn und auf Motorrädern, in klapprigen buntbemalten Autobussen und als Tramps waren die Rockfans in modischen Jeans und wallenden Hippie-Kostümen aus ganz Europa zum größten norddeutschen Pop-Festival ins Motorradstadion gepilgert." Auch auf dem Gelände hat die Bild so ihre Beobachtungen gemacht: "Der Schauplatz des Rock-Spektakels war abgeriegelt wie eine Burg. Im Innern des Stacheldraht-Verhaus lagerten Massen der jungen Leute auf violettem Heidekraut, in bunten Zelten oder auf Luftmatratzen. Süßlicher Haschischduft lag über der Menge." Veranstalter Werner Kuhl aus Hannover ("Wenn ich hier mit 50.000 Mark rausgehe, heirate ich") hatte beim Open Air neben dem Nichterscheinen sechs angekündigter Hauptbands einige organisatorische Probleme. So wollte der Betrieb sechs altersschwacher Plumpsklos nicht so recht ausreichen. "Geduldig standen die tapferen Tramps in 80 Meter langen Reihen vor den bestialisch stinkenden Bretterbuden", schreibt der Stern. Als das Ärzteteam auf dem Gelände am zweiten Tag den Hygiene-Notstand ausgerufen hatte, wurden in Scheeßel bereitstehende "WC-Container mit 37 Sitzplätzen" (Stern) herbeigeschafft. Eine richterliche Verfügung habe den Klo-Vermieter gezwungen, seine kostbaren Fahrzeuge herauszurücken, die Wasserspülung allerdings funktionierte nicht. Beinahe ein Monopol beim Verkauf von Getränken und Speisen hatte sich Porsche-Fahrer Fritz Schäfer aus Reutlingen sichern können. Der Gastronom brachte 160 Zentner Würstchen sowie eine Millionen Bier- und Cola-Dosen auf den Platz. Zigaretten kosteten an seinen Ständen 1,50 Mark mehr als anderswo. Rauchen sei Luxus, argumentierte Schäfer. "Ein zweites Rock-Festival in Scheeßel wird es nicht mehr geben", ließ das Musik-Magazin Sounds im Oktober desselben Jahres verlauten und hatte allerdings Unrecht. Eine Neuauflage sollte das First-Rider-Open-Air am Samstag und Sonntag 3. und 4. September 1977 bringen. Rider präsentiert "das heißeste Wochenende des Jahres", lautete die Vorankündigung, die später eine ganz andere Bedeutung bekommen sollte. Angekündigt wurden Rory Gallagher, Golden Earring, Quicksilver, The Sensational Alex Harvay Band und Barclay James Harvest sowie Nite City (featuring Ray Manzanarek, ehemals The Doors). Als Special Event auf dem Eichenring wurde zudem "Laser Media”, die größte Laser-Light-Show der Welt angekündigt. Doch alles verlief anders, als in Scheeßel erhofft. Heinz Harmsen, Pressebetreuer vom MSC Eichenring, erinnert sich, dass "die Bands schon auf der Anreise im Radio von Gerüchten hörten, der Veranstalter könne nicht zahlen. Die sind dann zum Teil gar nicht hingefahren zum Stadion, was wiederum die Fans registrierten". Dass "das Ding kippt", hatte Harmsen schon eine ganze Weile im Gespür. Sonntagmorgen um vier klingelte dann sein Telefon, bestätigte die Annahme und hielt noch schlimmere Nachrichten bereit. Hans-Günther Meyer vom MSC berichtete aufgeregt, dass die Bühne brenne und jetzt der Sprecherturm des Vereins geschützt werden müsse. Harmsen machte sich auf den Weg und setzte sich mit Vereinskollegen vor den Turm. Und in der Tat stand die Bühne in Flammen, Harmsen sah, "wie ganze Bierladungen gekapert wurden". Er stellte fest, dass die Konzertbesucher zumindest die MSC-Vertreter und ihren Turm in Ruhe ließen. "Die waren wütend auf den Veranstalter." Was Harmsen noch in Erinnerung hat, als wär’s gestern gewesen: "Zwei Frauen aus Scheeßel hatten einen Verkaufsstand auf dem Gelände. Die haben mitten im Getobe weiter Obst verkauft." Das Programm soll am Samstag um 14 Uhr beginnen. Nach einer Dreiviertelstunde Wartezeit schallt das erste Pfeifkonzert der 20.000 Fans im Stadion. Veranstalter Jürgen Wigginghaus weilt zu diesem Zeitpunkt nach Information des Musikmagazins Joker noch im Scheeßeler Hotel Köster und gibt telefonisch die Absage der Bands Byrds, Nektar, Quicksilver, Nite City, Eddie and the Hot Rods, Fairport Convention, Iron Butterfly und The Damned durch. Vom Veranstalter-Team habe sich jedoch niemand bereiterklärt, all das dem Publikum mitzuteilen. The Long Tall Ernie eröffnen das Festival und die Verwirrung des Publikums über die weitere Programm-Abfolge bleibt ungeklärt. Während später am Nachmittag Peter Hammill und Co. spielen, erhält das Festival, so Joker, den entscheidenden Todesstoß: Webendörfer, der Leiter eines Hamburger Ordnungsdienstes, taucht in Begleitung eines Polizeibeamten und eines Gerichtvollziehers auf, der einen dringlichen Arrestbefehl in Höhe von 115.000 Mark präsentiert. Der bleiche und immer undeutlicher sprechende Wigginghaus muss passen. Überdies verlangt der Manager der Gruppe Collosseum innerhalb der nächsten zehn Minuten die zweite Hälfte der Gage in Höhe von 5.000 Mark. Andernfalls werde die Band wieder abreisen. Gläubiger Webendörfer bleibt hart und dem Arm des Gesetzes nichts anderes übrig als unter wachsendem Polizeischutzes voll in die Tageskasse zu langen. Das Geld ist daraufhin "alle". Inzwischen werden, so berichtet das Musikmagazin weiter, auch die als Ordner engagierten Rocker aus Essen und Hamburg ungemütlich: "He Alter, jetzt die Kohle her! Oder wir binden euch an der Bühne fest und lassen alles hochgehen." Was folgt, sind Bier- und Limokästen, die gegen Wohnwagen krachen. Wigginghaus und seine Freundin werden in einem Caravan gefangen gehalten. Das Rote Kreuz holt die in Tränen aufgelöste Frau heraus, Wigginghaus fährt unbehelligt als Betreuer mit und wird nicht mehr gesehen. Schließlich treten nur noch Bands auf, die ihre volle Gage schon erhalten haben. Golden Earring soll sogar noch ein hervorragender Auftritt gelungen sein, bevor sich die Band gegen ein Uhr nachts eilig von der Bühne verabschiedet. Als sich kein weiterer Musiker mehr blicken lässt, wird gegen zwei Uhr das Lichtmischpult weggeschleppt. Daraufhin stürmen Unbekannte die Bühne und kippen die Boxen herunter. Aus den Trümmern müssen dann die ersten Flammen geschlagen sein. Nachdem die Fans die Absperrungen beseitigt haben, klettern sie selbst auf die Bühne. Was nicht niet- und nagelfest ist, verschwindet, der Rest wird zertrümmert. Schließlich erklimmen wagemutige das Dach und zünden auch dies an. Verstärker- und Lichtanlagen sowie Musikinstrumente im Gesamtwert von mindestens 900.000 Mark verkohlen im lodernden Feuer. Die 166 Mann starke Schutzpolizei sieht angesichts der Übermacht tatenlos zu. Als die Freiwillige Feuerwehr Scheeßel anrückt, wird sie mit einem Steinhagel empfangen. Die wütende Menge zerschneidet Schläuche, die Scheiben eines Löschfahrzeugs gehen zu Bruch. Vor der Bühne kommt es zu Schlägereien. Etwa 20 Verletzte will Gemeindebrandmeister Peters gezählt haben. Sieben Wohnwagen werden ins Feuer geschoben und brennen lichterloh. 13 Verkaufswagen werden geplündert, die Türen eingetreten, Lampen aus ihren Fassungen gerissen. Eine Pommesbude geht in Flammen auf. Polizei und Kripo nehmen 18 Randalierer wegen Körperverletzung, Widerstand gegen die Staatsgewalt und Diebstahl fest. Gegen vier wird Haftbefehl erlassen, zwei werden der US-Militärpolizei in Bremerhaven übergeben. "Der nächste Morgen bot ein Bild der Verwüstung", schreibt das "Fachblatt". Helmut Hellwig stellt hinterher fest: "Solange ich Gemeindedirektor bin, wird’s kein Festival mehr in Scheeßel geben." Veranstalter Wigginghaus gibt den großen Konzertagenturen die Schuld: "Die haben mich kaputtgemacht." Bevor nach dem "heißesten Wochenende des Sommers" im Juni 1997 mit dem Hurricane-Festival eine Neuauflage ins Leben gerufen wurde, die Jahr für Jahr Musikfans (zuletzt 50.000) anlockt, und deren Verlauf von der Polizei wieder und wieder als insgesamt friedlich eingeschätzt wird, musste 1992 noch einmal ein Open Air auf dem Eichenring abgesagt werden. Angekündigt war das "erste Internationale Biker- und Rockfestival 92". Mit dabei sein sollten am ersten August-Wochenende unter anderem Huey Lewis, Motörhead, Meat Loaf und Doro. Jedoch kamen bei den Einsatzvorbereitungen, so Polizeirat Klaus-Dieter Tietz, Zweifel an der Seriösität der Veranstalter auf. Intensive bundesweite Ermittlungen brachten dann die enttäuschende Gewissheit: "Alles war nur Lug und Betrug." Wäre der Schwindel nicht aufgefallen, so hätte ein Schaden entstehen können, der in die Hunderttausende gegangen wäre, meint Tietz. Letzter Satz der Meldung von damals: "Die Polizei bittet alle Fans ausdrücklich, nicht nach Scheeßel zu kommen. Es gibt wirklich kein Konzert." Dass Scheeßel mit dem abgebrannten Festival aus dem frühen Herbst 1977 auch auf Vinyl in die Musik-Geschichte einging, dafür hat die Gruppe Franz K. gesorgt. Auf ihrer Platte "Geh zum Teufel" findet sich ein Lied zu dem gescheiterten Open Air. Wie der Titel lautet? "Rock in Scheeßel...

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