Der Finteler Rüdiger Bruns wandert auf dem Lutherweg von Worms nach Eisenach - Von Klaus-Dieter Plage

„Ein prägendes Erlebnis“

Rüdiger Bruns erinnert sich gerne an seine Reise auf dem Lutherweg zurück.
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Fintel. Über 400 Kilometer zieht sich der Lutherweg von Worms durch Frankfurt, den Vogelsberg, den Thüringer Wald bis nach Eisenach zur Wartburg. Bei Oppenheim überqueren Reisende den Rhein mit einer Fähre – in der Tradition Martin Luthers, der an dieser Stelle im Jahr 1521 den Fluss kreuzte. Auf dessen Spuren hat sich der Finteler Rüdiger Bruns begeben.

Anlass für ihn war das Reformationsjubiläum, denn im Oktober 2017 jährte sich zum 500. Mal die Veröffentlichung der 95 Thesen, die Luther – der Überlieferung nach – an die Tür der Schlosskirche in Wittenberg schlug. Aber auch die Wander- und Pilgerlust des Fintelers spielte eine Rolle, so ist Bruns bereits auf dem Jakobsweg von Fintel nach Santiago de Compostela in mehreren Etappen gepilgert. Die letzte Etappe war rund 1.500 Kilometer lang und führte ihn von Südfrankreich bis ans Ziel.

Ganz so lang ist der Lutherweg zwar nicht, aber immerhin führt dieser über rund 400 Kilometer – eine Strecke, für die Bruns drei Wochen benötigte. Viele Eindrücke und Erkenntnisse hat er auf dieser Reise gewonnen. Für jeden Pilger wichtig: „Der Weg ist ganz hervorragend gekennzeichnet“, berichtet Bruns. Nach eigenen Worten sei er gespannt auf alles Interessante gewesen, dass ihm auf dieser Reise begegnet.

So erfuhr Bruns unterwegs vieles, was in den Geschichtsbüchern nicht ganz stimmig ist: „Den berühmten Satz von Luther ,Hier steh‘ ich, ich kann nicht anders‘, hat er nie gesagt“, erläutert Bruns. Das Protokoll der Verhandlung belege etwas anderes und ebenso Aufzeichnungen von Leuten, die dabei gewesen waren. Heute noch erhalten ist die Rede, die Luther aufgeschrieben hatte. Mitarbeiter von Luther haben diese im Nachhinein ein wenig korrigiert, denn „selbstverständlich gab es schon damals ,Fake-News‘“, kommentiert Bruns.

Während seiner Wanderung war der Finteler die meiste Zeit alleine. Nur fünf andere Pilger sind ihm in dieser Zeit begegnet. Ganz anders war der Fall bei Martin Luther: Zu seiner Zeit war er schon sehr bekannt in Deutschland und hatte viele Anhänger. Viele Fürsten und andere Menschen waren zutiefst unzufrieden mit der katholischen Kirche. Sie wussten, dass Luther gefährdet war und deshalb begleiteten ihn bewaffnete Anhänger auf seiner Reise. In Aufzeichnungen ist belegt, dass Luther, als er Worms erreichte, von 50 bewaffneten Reitern begleitet worden war. So ist der Beleg aus einer Gaststätte erhalten, aus dem hervorgeht, dass dort ein Dr. Luther übernachtet hatte und 93 Reiter verköstigt worden waren. „Vor diesem ganzen Hintergrund kann man sich gar nicht vorstellen, wie eine Entführung abgelaufen sein könnte. Die Entführung hat es zwar wirklich gegeben – aber in die war Luther eingeweiht“, sagt Bruns.

Unterwegs habe er viel Zeit zum Nachdenken und Sinnieren über das Leben des Reformators gehabt. Der Reformator hatte in seinem Leben vieles unternommen, um den Konflikt mit der katholischen Kirche auf die Spitze zu treiben. „Er war Priester und Professor für Theologie und Jura – und dieser Mann heiratet eine entlaufene Nonne. Mit den Vorstellungen der damaligen katholischen Kirche war damit eine Versöhnung nicht mehr möglich“, sagt Bruns.

Außerdem werde Luther als kleiner Mönch dargestellt, der in den Reichstag zu Worms zitiert worden ist. Das war er aber nicht: „Er war Professor an der Universität in Wittenberg und ein Medienprofi, der sich inszenieren konnte“, erklärt Bruns. Kurz bevor der Theologe nach Worms kam, hatte er sich eine Tonsur verpassen lassen, damit er wie ein kleiner Mönch auftreten konnte.

Schriftlich ist heute noch vieles erhalten, das Luther verfasst hat. Daher wisse man, dass mehr als die Hälfte des ganzen Schriftgutes der damaligen Zeit in Deutschland von Luther stammt. „Auf der Wartburg hat Luther nicht die Bibel ins Deutsche übertragen, sondern lediglich einen großen Teil des Neuen Testaments“, sagt Bruns. Mit anderen Gelehrten zusammen hatte Luther später weitere Teile der Bibel übersetzt. Auch Tischgespräche aus Luthers Haus sind überliefert. Dort beherbergte der Kirchenpolitiker viele Studenten, denn in Wittenberg gab es bereits damals eine große Universität.

Was Bruns von seiner Reise ebenfalls besonders im Gedächtnis geblieben ist, ist die unbeschreibliche Freundlichkeit, die dem Finteler auf seiner Wanderung entgegengebracht worden ist. Auf dem ersten Stück des Pilgerweges von Worms zum Rhein stieß Bruns auf eine Gruppe, die eine Ausgrabung der Römerzeit besichtigte. Sie lud ihn spontan ein, ein Glas Wein mit ihnen zu trinken. Eine weitere ungeahnte Gastfreundschaft erlebte Bruns bei einem Zwischenstopp: „Auf dem Pilgerweg bieten Privatleute Übernachtungen an. Dieses Angebot hatte ich auch einmal genutzt, und die Frau bot mir an, meine Sachen zu waschen. Das habe ich gerne angenommen“, erinnert sich der Reisende.

Hilfsbereitschaft begegnete ihm immer wieder, so auch als er eines Morgens sein Hörgerät in einer Unterkunft liegen gelassen hatte. „In einer anderen Gaststätte, die rund sieben Kilometer entfernt war, stellte ich dann fest, dass ich mein Hörgerät liegen gelassen hatte“, erinnert sich der Abenteuerlustige. Er bat den dortigen Wirt daraufhin, ihm ein Taxi zu rufen, das ihn zum Gasthof zurückbringen sollte. Nach einer Weile kam der Mann wieder auf ihn zu und meinte: „Es kann jetzt losgehen.“ Auf die Frage, ob das Taxi schon da sei, antwortete der Wirt freundlich: „Nein, ich fahre Sie.“ „Das war eine Freundlichkeit, die man nicht immer erlebt“, sagt Bruns, der sein Hörgerät dann auch wieder gefunden hat.

Auf der Wanderung lernte er auch den kleinen Unterschied zwischen der evangelisch-lutherischen und der evangelisch-reformierten Kirche kennen: „In Neu-Isenburg kam ich an einer evangelisch-reformierten Kirche vorbei. Dort stand die Reformation ebenfalls im Mittelpunkt. Mit keinem Wort wurde aber Luther genannt, sondern Johannes Calvin. Das war für mich vollkommend verblüffend“, erinnert sich Bruns. Calvin war Schweizer und neben Luther einer der bedeutendsten Reformatoren seiner Zeit. In einem anderen Ort stand eine große geschnitzte Holzstatue von Luther neben der Kirche, etwa fünf bis sechs Meter hoch – am Aufgang stand eine zweite Holzstatue von Calvin, die genauso groß war.

An drei Sonntagen hat Bruns am Gottesdienst in verschiedenen Kirchen teilgenommen. „Erschreckend war für mich der sehr geringe Kirchenbesuch in Ostdeutschland. Demgegenüber ist hier in Norddeutschland die Kirche sehr gut besucht“, so Bruns. In einer Kirche saß er nur mit sieben Frauen zusammen. Nicht viel anders sei es in einer Kleinstadt mit 15.000 Einwohnern gewesen: Dort besuchten gerade mal rund 20 Leute den Gottesdienst.

Auf seiner Wanderung hat Bruns Tagebuch geführt und im Internet nach der Pilgertour viel recherchiert, um mehr über die einzelnen Dinge zu erfahren, die ihm unterwegs begegneten. „Die Wanderung auf dem Lutherweg war ein prägendes Erlebnis.“

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