Ein Sonnenkind erfeut mit goldgelben Blüten – und ist bedroht - Von Christiane Looks

Finster für den Ginster?

Heideginster (Genista pilosa) fühlt sich in Sandgruben wohl. Foto: Joachim Looks
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Eversen. Im Arbeitszimmer meines Vaters hing ein sparsam kolorierter Druck, der ein Motiv aus der Dübener Heide zeigte. Die Dübener Heide liegt in der Nähe von Dessau, wo die Familie wohnte, und wurde gerne für Wochenendausflüge genutzt. Was mich an dem Motiv von klein auf faszinierte, war eine Pflanze, die ich in meiner Umgebung noch nie gesehen hatte. Es war ein Heideginster (Genista pilosa), auch Sandginster genannt. Der Boden rund um das Dorf, in dem ich an der Kieler Förde aufwuchs, war viel zu gut für diese genügsame Pflanze, die sonnige, trockenwarme, kalkhaltige Heiden oder Magerwiesen bevorzugt, aber auch auf versauerten Böden an trockenen, sonnigen Ränder von Gehölzen und Wäldern zu finden ist.

Der kleine Strauch wird nur bis zu 30 Zentimeter hoch, und in den Monaten Mai bis Juni fallen seine goldgelben Blüten weithin auf. So entdeckte ich auch den ersten, wirklichen Genista pilosa. Begleitet von meinem Mann als Fotografen suchte ich seit Tagen auf ehemaligen Sandabbauflächen im Landkreis Rotenburg Silbergras (Corynephorus canescens) und Frühlings-Spark (Spergula morisonii), Pionierpflanzen, die sich dort zu wachsen trauen, wo anderes das (noch) nicht tut. Die Suche war etwas enttäuschend, weil die besuchten Kiesgruben, vor Jahrzehnten entdeckt als sogenannte Silbergrasfluren oder Silbergrasflur mit Frühlings-Spark, mittlerweile verbuschten und die gesuchten Pionierpflanzen folglich nicht mehr zu finden waren. Sie hatten ihren Dienst erfüllt und anderem Platz gemacht.

Genista pilosa ist ein Schmetterlingsblütler innerhalb der Familie der Hülsenfrüchte. Er ist sommergrün und hat niederliegende bis leicht aufsteigende Äste. In der ehemaligen Sandgrube, wo wir ihn entdeckten, stand er zwischen überalterter Heide (Calluna vulgaris). Er war bei einer offiziellen Erstbegehung vor fast drei Jahrzehnten nicht weiter aufgefallen. Wir suchten die Grube nicht wegen des Heideginsters auf, sondern weil es hier Silbergras geben sollte, und tatsächlich war es an einer Abbruchkante zu finden und zu meiner Freude gab es auch einige winzige Frühlings-Spark-Pflänzchen. Sie sind so klein und schmächtig, das schon sehr genau hingeschaut werden muss, um sie überhaupt wahrzunehmen. Neugierig und optimistisch geworden, überredete ich meinen Begleiter, nun die gesamte Grube nach Spergula morisonii abzusuchen, was enttäuschte, weil weder der Spark, noch das Gras an irgendeiner anderen Stelle gefunden wurde. Leicht missmutig stapfte ich durch das dringend pflegebedürftige Heidekraut und blieb abrupt stehen, denn aus den Augenwinkeln sah ich zwischen den wenig farbprächtigen Callunas etwas Goldgelbes. Ein genaueres Hinschauen ließ mein Herz höher schlagen. Ich hatte die Pflanze, deren leuchtende Farbe sofort auffiel, zwar noch nie in der Natur gesehen, wusste aber sofort: Das musste der Heideginster sein, der mich schon als Kind auf dem kolorierten Druck aus der Dübener Heide fasziniert hatte. Hilfreich für eine sichere Bestimmung war, dass Genista pilosa nicht nur mit ihrem deutschen Namen Heide- oder Sandginster, sondern zusätzlich auch als behaarter Ginster geführt wird, weil die Pflanze eine vielfältige, seidenfeine Behaarung bei jüngeren Zweigen, Laubblättern und Hülsenfrüchten hat. Heideginster gab es nach Henning Haeupler und Peter Schönfelders 1988 erschienenen Atlas der Farn-und Blütenpflanzen im Landkreis Rotenburg nicht so ganz selten. Rund zehn Jahre später ergaben entsprechende Untersuchungen nur noch einen landkreisweit nennenswerten Bestand in vier Gebieten, von dem heute lediglich einer im Frühjahr mit seinen leuchtenden Blüten erfreut. Die Pflanze ist mittlerweile nicht nur in Niedersachsen ernsthaft bedroht. Interessant geworden ist der Schmetterlingsblütler mittlerweile für Gärten. Er ist zwar wie alle Ginster giftig, aber sein kleiner Wuchs, seine geringen Bodenansprüche, die Trockenheitstoleranz und das leuchtende Gelb sind Vorteile, mit denen die Pflanze trotz ihrer Giftigkeit punktet. In Gärtnereien gezogen, wird Sandginster in Heide- oder Steingärten, als Bepflanzung von Steinmauern und Böschungen, als Wege- oder Beeteinfassung verwendet oder in Kübel gepflanzt. Bienen und Schmetterlinge fliegen im wahrsten Sinn auf die Farbkleckse, mit denen die Pflanze über einen Monat erfreut. Mittlerweile finden sich in gut sortierten Gartenfachgeschäften auch Zuchtformen von Genista pilosa wie der bekannte Genista pilosa „Vancouver Gold“ oder Genista pilosa „Lemon Spreader“. Leider sind sie nicht immer zufriedenstellend winterhart. Wie das Original entfalten auch sie ihre Blütenpracht aber nur an sonnigen Standorten so überschwänglich, wie es sich jeder wünscht, denn finster mag es kein Heideginster.

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