Ein langer Bohlensteg verbindet Scheeßel mit Bartelsdorf - Von Christiane Looks

Alles im Fluss

Der Bartelsdorfer Kirchsteg ist ein Kleinod der Gemeinde Scheeßel.
 ©Joachim Looks

Bartelsdorf. Herrliches Radfahrwetter – Gelegenheit, mal über den Rotenburger Tellerrand zu schauen und Marschluft zu schnuppern. Auf dem Weserradweg geht es von Brake nach Elsfleth an der Weser entlang und möglichst immer auf dem Deich mit weitem Blick über Fluss und Hinterland. In Reihe stehen Häuser dicht beieinander am Deichfuß, um sich im städtischen Bereich hinauf zu wagen mit einem phantastischen Blick über den Strom.

Die Lage hat ihren Preis, denn dem kritischen Auge fällt auf, dass die mittlerweile notwendig gewordenen Deicherhöhungen nur durch Schutzwände, abriegelnde Sperrsysteme vor Grundstückszufahrten und Untergeschossfenstern erreicht werden: Potentielle Überschwemmungsbereiche von Flüssen zu überbauen ist kostspielig.

Niedersachsen ist ein wasserreiches Bundesland mit 30.000 Kilometern Fließgewässern. Ein so kleiner, nur 18 Kilometer langer Fluss wie die Fintau hat immerhin ein Einzugsgebiet von gut 105 Quadratkilometern. Lächerlich? Zum Vergleich: Die Wümme, der die Fintau in Lauenbrück ihr Wasser zuträgt, ist fast sechseinhalb mal so lang wie die Fintau, hat aber ein rund fünfzehnmal so großes Einzugsgebiet. Was das bei unwetterartigen, lang anhaltenden Regenfällen bedeutet, konnten Lauenbrücker 2002 und 2008 erleben, als der Ort ertragen musste, dass die Hochwasser gefüllte Wümme zusätzlich die Wassermengen der Fintau aufnehmen sollte: Weite Ortsbereiche erinnerten an eine Wasserlandschaft.

Flüsse haben sich in Jahrtausenden ihren Lauf erkämpft. Sie wichen Hindernissen aus oder arbeiteten sich durch diese hindurch, rissen hier etwas mit oder lagerten dort etwas ab, strömten bei Gelegenheit in die Breite und zogen sich brav wieder in ein schmaleres Bett zurück, wenn sie weniger Wasser mit sich führten. Das ist oft gut zu erkennen. Wer sich sensibel fortbewegt wird häufig noch sehen, welche breiten Flusstäler schmale Bäche einst benötigten. So entwässert der Everser Bach das mittlerweile trocken gelegte Holtumer Moor an der Kreisgrenze Rotenburg/Verden. Am Ende der vorletzten Eiszeit sackte dort ein Salzstock durch schmelzende Gletscherwasser ein und Schmelzwasser schufen eine breite Abflussrinne, die bis heute selbst Autofahrer auf der B215 bemerken, wenn sie von Unter-stedt aus kommend hinter der Ansiedlung Bünte in das Bachtal von Ahausen und Everser Bach fahren, um anschließend der Bundesstraße wieder bergauf Richtung Verden zu folgen.

Außer an wichtigen Verkehrswegen wurden Fluss- und Bachtäler selten bebaut. Man fürchtete Überschwemmungen. Zudem wurden die Täler als Grünland dringend benötigt. Siedlungen entstanden besser außerhalb von Überschwemmungsgebieten dort, wo es sicher trocken blieb.

Selbst kleine Flüsse und Bäche überraschen mit erstaunlich breitem Platzbedarf bei Hochwasser. Das wird häufig unterschätzt. Ein anschauliches Beispiel hierfür bietet der Bartelsdorfer Kirchsteg. Er verbindet seit dem frühen 14. Jahrhundert das kleine Bartelsdorf mit Scheeßel und quert die Veerse mit ihrem Überschwemmungsgebiet durch einen 109 Meter langen Bohlensteg – imponierend. Der sehenswerte, liebevoll gepflegte Steg ist für Radfahrer Teil der Ährenroute, wobei der Kirchweg in diesem Abschnitt wegen seiner nur Zwei-Bohlen-Breite lieber schiebend genutzt werden sollte. Wanderer freuen sich bei Hochwasser auf dem Nordpfad Kirchsteg-Moore-Bäche den Fluss queren zu können und nicht barfuß durchs Wasser waten zu müssen, was schon Kirchgänger vor über 600 Jahren zu schätzen wussten. Fahrrad fuhren sie damals bestimmt noch nicht.

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