Ein Falter begrenzt die Ausbreitung einer gefährlichen Pflanze - Von Christiane Looks

Zwischen Freud und Leid

Jakobskrautbär-Raupen an Jakobskreuzkraut. Foto: Jürgen Cassier
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Eversen. Die wenigen Jahre im Ruhrgebiet mit der erschreckenden Einsicht, zu welchen verheerenden Schäden Bergbau und Stahlindustrie dort führten, wurde gemildert durch liebe Menschen, denen wir begegnen durften. Gerd und Uschi gehörten dazu. Ihre erste eigene Wohnung bezogen die beiden in Bottrop. Später wurde das Münsterland unser Treffpunkt, wohin André und Biggi aus unserer damaligen Clique gegangen waren. Auch sie lebten mittlerweile ländlich, da sich Biggi zur begeisterten Reiterin entwickelte. Das neue Zuhause war groß genug für gemeinsame Zusammenkünfte, und die Umgebung verführte zu Spaziergängen.

Auf einem davon rief Uschi einmal begeistert angesichts einer dicht mit Raupen besetzten Pflanze: „Jakobskrautbär-Raupen!“, während Biggi entsetzt reagierte: „Jakobskreuzkraut!“ Ich verstand gar nichts, kannte ich doch zu dem Zeitpunkt weder Jakobskreuzkraut, noch Jakobskrautbären.

Jakobskrautbären sind mittelgroße bis große Falter. Sie gehören zur Familie der Eulenfalter, oft auch nur Eulen genannt, da sie zumeist dämmerungs- oder nachtaktiv sind. Jakobskrautbären nutzen mit dem Jakobskreuzkraut eine giftige Pflanzen und sind dadurch selber giftig. Etwaige Feinde werden durch auffällige Tracht gewarnt. So erinnert die Zeichnung ihrer Raupen nahezu perfekt an Wespen.

Das Jakobskreuzkraut ist ein Greiskraut. Es wird deshalb auch Jakobs-Greiskraut oder Jakobskraut genannt. Der Artenname rührt daher, dass die Pflanze um den Jakobitag, dem 25. Juli, blüht. Greiskräuter sind giftig. Dies gilt auch für das Jakobskreuzkraut, ein natürlicher Teil unserer Kulturlandschaft und Allrounder, wie Uschi damals, wenige Jahre nach dem Beginn dieses Jahrhunderts im Münsterland auf der gemeinsamen Wanderung meinte, denn es stellt keine großen Ansprüche an den Boden, wächst auf Ackerbrachen – wie es sie hier und dort damals noch gab, an Feldrändern, in Grasflächen, Magerrasen sowie Staudenfluren und klettert in den Alpen fast bis auf 2.000 Meter Höhe. Biggi hielt dagegen, dass sich Jakobskreuzkraut in Nordrhein-Westfalen ungefähr seit 2004 problematisch ausbreite. Sie, als Pferdebesitzerin, mache sich ernsthaft Sorge, wie sie ihr Pferd vor einer oft tödlich ausgehenden Vergiftung durch die Pflanze bewahren könne.

In Deutschland gibt es 25 verschiedene Greiskräuter, von denen 14 Arten auch in Niedersachsen und zehn Arten im Landkreis Rotenburg vorkommen. Die Pflanzen werden häufig verwechselt mit dem zeitgleich gelb blühenden Johanniskraut und Rainfarn. Greiskräuter bilden zur Abwehr von Fressfeinden Substanzen, die sich, im Körper abgebaut, leberschädlich auswirken, so auch beim Jakobskreuzkraut. Wildtiere meiden solche Kräuter, weil ihre Blätter bitter schmecken. Anders ist es bei Haustieren, die mit Heu und Silage gefüttert werden, weil sich der Bittergeschmack der Greiskräuter durch die Konservierung verliert, die Wirksamkeit der giftigen Stoffe aber erhalten bleibt. Im Gegensatz zum Verhalten auf der Weide kann ein im Stall oder über eine draußen aufgestellte Raufe zusatzgefüttertes Haustier in Heu oder Silage nicht um im Futter verborgenes Jakobskreuzkraut herumfressen. Es frisst das konservierte Kraut mit und wird auf diese Weise einer schleichenden Vergiftung ausgesetzt, die vor allem für Pferde tödlich enden kann, aber auch Rinder trifft.

Wie kam es zu der von Biggi beklagten, massenhaften Ausbreitung des Jakobskreuzkrautes? Darauf wusste Uschi eine Antwort. Sie hatte sich als Biologielehrerin ausführlich damit beschäftigt, weil pferdebegeisterte Schülerinnen sich in einer Projektwoche zum Thema „Tier“ an ihre Lehrerin mit der Bitte gewandt hatten, ob sie nicht die von ihnen als Drama empfundene Problematik Pferd und Jakobskreuzkraut genauer untersuchen könnten. Uschi hätte lieber etwas zu Katzen gemacht, stimmte aber dem Wunsch der Mädchen zu. Als Ergebnis dieser Arbeit konnte sie nun berichten, dass in Nordrhein-Westfalen die Ausbreitung des Jakobkreuzkrautes im Zusammenhang gesehen wird mit Brachen, extensiv genutztem Grünland, wenig gepflegten Böschungen entlang von Bahntrassen und Wegerändern. Völlig überrascht seien ihre kleinen Reiterinnen gewesen, dass vor allem schlecht gepflegte Pferdeweiden von verantwortlichen Stellen kritisch im Hinblick auf die Ausbreitung des Jakobkreuzkrautes gesehen würden, weil gerade jene durch ihre geliebten Vierbeiner verursachten offenen Stellen ohne Grasnarbe Hot Spots der Kreuzkrautausbreitung seien, da sie optimale Keimbedingungen für das unerwünschte Kraut böten.

Auch Biggi war verblüfft. Sie hatte davon noch nicht gehört. Uschi empfahl als Ergebnis ihrer Projektarbeit mit den reitbegeisterten Mädels, Grünflächen sich nicht selbst zu überlassen, sondern genau hinzuschauen, gegebenenfalls passend einzugreifen und, wo sich das anböte, Jakobskrautbären eine Chance zu geben, denn das Jakobskreuzkraut dient den Raupen dieses stark gefährdeten Schmetterlings als wichtige Nahrungsquelle. Die natürlichen Schädlingsbekämpfer bedienen sich zwar auch an Huflattich oder der Pestwurz, einer Pflanze, die im Mittelalter gegen die Pest eingesetzt wurde, aber am liebsten fressen sie das Jakobskreuzkraut her.

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