Ehrenamtliche legen in der Gedenkstätte Lager Sandbostel die ältesten Gebäude frei - Von Nina Baucke

Weg durch Ruinen

Andreas Ehresmann in einer der alten Barracken: "Ohne Ehrenamtliche würde hier gar nichts gehen." Fotos: NIna Baucke
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Sandbostel. Staub liegt auf den hellen Fliesen, ansonsten ist der Raum leer. Während eines der Sprossenfenster noch intakt ist, ist von einem anderen nur noch der weiße Holzrahmen übrig. Von ihm blättert die Farbe an vielen Stellen ab. Wo einmal das Dach war, ist jetzt nichts mehr, der Blick geht geradewegs in Richtung bewölkter Himmel. Die ehemalige Barracke des Lagers Sandbostel ist jetzt eine Ruine – und seit wenigen Wochen ein Teil der Gedenkstätte im ehemaligen Kriegsgefangenenlager.

Der Historiker Andreas Ehresmann, Leiter der Gedenkstätte und Geschäftsführer der dazugehörigen Stiftung, steht in dem langen Gang, der die Barracke durchzieht. Der vordere Bereich ist sauber gefegt, in der hinteren Hälfte liegen noch Berge von Dachpappe und Holzbalken. „Als wir Anfang des Jahres alle Formalitäten erledigt hatten, haben wir sofort angefangen, aufzuräumen“, sagt Ehresmann.

Nach dem Krieg ein britisches Internierungslager, danach Gefängnis, Lager für DDR-Flüchtlinge, Bundeswehrdepot und am Ende Gewerbegebiet – bis 2007 eine Stiftung aus einem Teil des Geländes eine Gedenkstätte machte. Dort hinein ragte allerdings ein Grundstück mit weiteren Barracken, der Besitzer ist ein Militaria-Händler, der die Gebäude teilweise als Lagerräume nutzte. Auf dem Gelände steht auch die in Nachkriegszeiten entstandene katholische Kirche sowie das dort angeschlossene Haus Altenburg. Letzteres hatte die Stiftung bereits angemietet. „Die 4.800 Euro Miete fallen jetzt ja weg“, bemerkt der Leiter der Gedenkstätte. Denn für 60.000 Euro plus Bauerwerbskosten hatte der Landkreis am Jahresanfang das Gelände dem Vorbesitzer abgekauft und der Stiftung übertragen „Die Forderung lag sogar mal bei 135.000 Euro. Von daher ist es ein gutes Ergebnis“, bemerkt Ehresmann.

Jetzt umfasst das Gelände insgesamt 4,7 Hektar – 1,5 mehr als vorher – und damit ein Drittel des ursprünglichen Geländes, vornehmlich den Bereich, auf dem in Kriegszeiten sowjetische Gefangene untergebracht waren. „Meiner Meinung nach ist das ein repräsentativer Ausschnitt des ehemaligen Lagers, mehr würde auch nicht gehen“, sagt Ehresmann.

Für ihn kam der Kauf des Geländes um fünf vor zwölf. „Wir können jetzt nur noch den Verfall stoppen und die Substanz retten – nichts mehr rückgängig machen.“ Er und die ehrenamtlich Engagierten der Gedenkstätte machen aus der Not eine Tugend: Die vier Barracken sollen begehbare Ruinen bleiben. „Die Besucher können so auf diesem Weg die historische Bausubstanz wahrnehmen.“

Denn die Barracken auf dem hinzugekauften Grundstück stammen aus der Aufbauzeit des Lagers 1939 und sind somit die ältesten Gebäude auf dem Gelände. „Für uns sind das sehr wichtige Exponate“, bekräftigt Ehresmann. Zugleich sind sie gefährdet, denn auf dem Areal haben sich zahlreiche Bäume und Sträucher ausgebreitet, auch nachdem schon einiges gefällt und beseitigt ist, ragen Wurzeln und Zweige in die Gebäude hinein, in einigen Fällen wachsen sogar schon Bäume aus ihnen hinaus. Auch die Nutzung des Vorbesitzers ist noch sichtbar: An einigen Stellen liegen noch Überreste des Militariahandels – vor einer Barracke ist es ein großer Berg verrotteter französischer Armeemäntel, in manchen Räumen schauen zwischen Dachpapperesten und morschen Holzbalken verdreckte Schirmmützen hervor. Ein perfider, befremdlicher Anblick, hier an diesem Ort, wo tausende der Willkür Uniformierter ausgeliefert waren.

Aber auch Zeugen der ältesten Lagergeschichte tauchen auf. Vier kyrillische Schriftzeichen in einem Dachbalken, das Wort „Krasnodar“ sowie ein Name in einem Ziegelstein der Außenmauer. Und ein Wandgemälde von französischen Kriegsgefangenen, mit weißer Farbe übermalt, das erst noch freigelegt werden muss.

Es sind Ehrenamtliche, die zwei bis drei Tage pro Monat auf dem Gelände arbeiten, entrümpeln, saubermachen. Erst später kommen professionelle Firmen mit ins Boot, um die Ruinen abzusichern. „Ohne die Ehrenamtlichen würde hier gar nichts gehen“, so der Gedenkstättenleiter. „Jedes Mal, wenn ich einen Fortschritt sehe, bin ich begeistert, was die Helfer hier alles leisten.“

Das gilt auch für Menschen wie Selina Krischak (19), Josefine Keilack (19), Joris Zedorn (18) und Rasmus Neuhaus (19). Die vier Jugendlichen absolvieren derzeit ein Freiwilliges Soziales Jahr bei der Jugendbauhütte im Landkreis Stade, einer Einrichtung der Deutschen Stiftung Denkmalschutz und packen derzeit für zwei Wochen auf dem Lagergelände in Sandbostel mit an. Zu Beginn ihrer Arbeit haben sie eine Einführung in die Geschichte des Lagers bekommen. „Schließlich wollen wir nicht einfach gedankenlos hier herumräumen“, bemerkt Keilack. Die Jugendlichen fischen so einiges aus den Überresten der Gebäude. „Etwas aus den Zeiten des Kriegsgefangenenlagers hier zu finden, ist sehr interessant“, so die 19-Jährige. Im Juli kommt die Gruppe erneut nach Sandbostel, ebenfalls im Sommer bergen Jugendliche unter anderem aus Polen, der Ukraine und Frankreich die Spuren des Lagerbetriebs im Rahmen des Workcamps – in diesem Jahr die Bodenplatte eines weiteren Gebäudes auf dem zugekauften Gelände. „Für uns ist die Arbeit mit Jugendlichen hier immens wichtig“, betont Ehresmann. „Besonders bei den Jugendworkcamps, während denen junge Menschen aus verschiedenen Ländern hier gemeinsam etwas bewegen.“

Wie die bisherige Gedenkstätte soll auch das zugekaufte Areal schlicht gestaltet sein, „einfach nur Rasen“, sagt Ehresmann. „Wir wollen alles dem Ort angemessen aufarbeiten.“ Dazu sollen auch die Nachkriegsgebäude gehören. Für die Umsetzung der ganzen Arbeiten stehen der Stiftung 100.000 Euro zur Verfügung, zum einen von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz, zum anderen von der Hermann-Reemtsma-Stiftung. „Es sieht gut aus, dass wir mit dem Geld auch auskommen“, ist sich Ehresmann sicher.

Über den ganzen Verlauf der Arbeiten auf dem Gelände hinweg besteht enger Kontakt zu den verschiedenen Behörden. „Schließlich soll hier alles fachgerecht laufen. Und wir gehen dabei nicht an die Substanz, sondern legen sie lediglich frei.“

Die Debatte im Kreistag, die die Entscheidung über den Kauf im vergangenen Jahr begleitet hatte, sieht er noch im Nachinein als unnötig an. „Besucher haben uns jahrelang gefragt, wie wir das Grundstück so verkommen lassen konnten. Und dabei konnten wir nichts tun, da es uns nicht gehörte. Aber es liegt nunmal im Eingangsbereich und ist so etwas wie unsere Visitenkarte.“ Die Entscheidung für den Kauf sei daher genau richtig. „Aber ohne die Unterstützung durch den Landkreis wäre das gar nicht machbar gewesen.“

Ehemalige Inhaftierte und ihre Angehörigen freut es. „Sie sind sehr dankbar dafür, dass dieser Teil jetzt dazu gehört. Das ist uns fast unangenehm, da es ja eigentlich selbstverständlich ist“, gesteht Ehresmann. Am 29. April 2017, dem Jahrestag der Befreiung, soll alles fertig sein – und er ist sich sicher, dass das auch klappt. „Viele Menschen können viel bewirken. Und viele reden seit Jahren, dass sie endlich auf dem Gelände etwas bewegen wollen. Jetzt ist das endlich möglich.“

Etwa 12.000 Besucher sehen sich pro Jahr die Gedenkstätte an, davon kommen 500 bis 600 aus dem Ausland – aus Frankreich, USA, Italien, Norwegen, den Niederlanden und China. In vielen Fällen ist darunter bereits die dritte und vierte Generation von Angehörigen ehemaliger Gefangener. Etwa ein Drittel der jährlichen Besucher sind zudem Jugendliche. „Das Interesse hat in den vergangenen Jahren zugenommen und stabilisiert sich jetzt auf hohem Niveau“, freut sich Andreas Ehresmann. Zu den Führungen über das Gelände kommen über das ganze Jahr verteilt Veranstaltungen mit Vorträgen, Diskussionen und Filmvorführungen. Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.stiftung-lager-sandbostel.de

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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