Die Nelke: eine Pflanze mit bedeutungsvollem Namen - Von Christiane Looks

Göttlich schön

Blüten der Heide-Nelke am Originalstandort. Foto: Joachim Looks
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Eversen. Im Steingarten meiner Großmutter an der Südseite ihres Hauses gab es eine Ecke mit den purpurfarbigen Blüten der Heide-Nelke (Dianthus deltoides). Im Garten meines Elternhauses fassten rosafarbene, gefüllt blühende Garten-Nelken das Staudenbeet vor der Schmuckfassade des Lehrerwohnbereichs der Dorfschule ein, in der ich aufwuchs. Irgendwie konnte ich mich aber nie so recht für diese Nelke begeistern, wirkte sie doch künstlich gegenüber der bescheiden mit fünf Blütenblättern ausgestatteten Heide-Nelke aus dem großmütterlichen Garten.

Viele Jahre später zeigte mir eine Gartenbekannte voller Stolz ihr Beet mit einer Zuchtform der Heide-Nelke, Dianthus deltoides „Artic sun“: schneeweiße Blüten mit purpurroten Augen, die sich zur Mitte hin aufhellten. Ohne Frage fiel diese gezüchtete Heide-Nelke auf. Sie bestärkte jedoch den Eindruck des Künstlichen, der mich schon bei den Garten-Nelken im elterlichen Garten befremdete.

Nelken (Dianthus) gibt es vom Balkan bis Zentralasien in hunderten unterschiedlichen Arten, die in ihren Naturformen fast ausschließlich in gemäßigten Gebieten auf der Nordhalbkugel unserer Erde wachsen, hier vor allem im Mittelmeerbereich. Der botanische Name der Nelke, Dianthus, setzt sich aus den griechischen Wörtern „dios“ für Gott und „athos“ für Blüte zusammen, ein Hinweis auf die „göttliche“ Schönheit der Nelkenblüten. Der Artname „deltoides“ soll auf den magenta-rot gefärbten, inneren Kreis der Blüte zurückgehen, der dazu beiträgt, dass auf jedem Blütenblatt im Inneren der Blüte eine Art Dreieck gesehen werden könnte, welches an den dreieckigen Skelettmuskel über dem Schultergelenk, dem „Musculus deltoideus“, erinnert.

Seit dem Mittelalter wurden rote Nelken häufig in Madonnenbildern verwendet, weil Farbe und Form (Stengel mit rotem Blütenteller = Nagel mit rotem Kopf) als Hinweis auf den Tod des Marienkindes am Kreuz gedeutet wurde. Auf dem Gemälde „Madonna mit der Nelke“ von Leonardo da Vinci stützt Maria beispielsweise ihr auf einer Balustrade sitzendes Kind und betrachtet nachdenklich eine rote Nelke. Sie scheint das Ende zu ahnen. Dreißig Jahre später greift Raffael mit seiner zwischen 1506 und 1508 entstandenen „Madonna mit den Nelken“ ebenfalls das Motiv auf. Hier reicht Maria ihrem Kind rote Nelken.

Die Heide-Nelke wächst in ganz Europa und West-Sibirien bis ins Zentralasiatische auf mageren, kalkarmen Böden. Diese werden aber immer seltener, und damit schrumpfen auch ehemals üppige Bestände, sodass Dianthus deltoides zunehmend unter Druck gerät und nur durch entsprechenden Schutz vor gravierenden Rückgängen bis hin zum Total-Verlust bewahrt werden kann. Im Landkreis Rotenburg war sie bis zu den 1980er Jahren weit verbreitet. Danach sank die Zahl der Bestände auf etwas mehr als zehn Vorkommen. Das ist mehr als bedauerlich, ist die Pflanze doch nicht nur ein hübscher Blickfang, sondern lockt zahlreiche Schmetterlinge an, weshalb sie auch als Falterblume gilt.

Von Juni bis September blüht die leicht duftende Heide-Nelke. Ich habe sie aber auch noch an einem Advent am Rande der ungefähr 100 Hektar großen Magerrasenfläche Camp Reinsehlens bei Schneverdingen blühen gesehen – zarte Schönheiten im norddeutschen Winter. Die Pflanze bleibt mit zehn bis 40 Zentimeter klein. Das macht sie interessant für Gärten, und eine züchterische Bearbeitung blieb nicht aus. Als unerlässlich für Farbspiele im Blumenbeet kristallisierten sich die weiße Sorte „Alba“ und ihr pinkfarbener Gegenspieler „Roseus“ heraus. Wer Gefallen am farbigen Wechselspiel zwischen leuchtend roter Blüte und dunklem Laub findet, kommt an Dianthus deltoides „Leuchtfunk“ nicht vorbei. Mit feurig-roten Blüten verführen die Sorten „Brilliant“ und „Vampir“ jeden Gartenfan. Da die Blüten der Heide-Nelke essbar sind, können Genussmenschen nach dem Verzehr von Blüten der Sorte „Vampir“ guten Gewissens behaupten, sie hätten Vampire verspeist, ohne gleich als blutrünstige Monster zu gelten.

Die weiter oben erwähnte Gartenbekannte, deren besonderer Stolz die Zuchtform der Heide-Nelke „Artic sun“, war, vergesellschaftete diese auffallende Züchtung kühn mit rotem Straußgras (Agrostis capillaris), Sonnenröschen (Helianthum), Polsterphlox (Phlox subulatum) und flachwachsenden Fetthennen (Sedum). Mir hat die Kombination von Heide-Nelken der Sorte „Brillant“ in dem Schaubeet einer Spezialgärtnerei mit Polster-Glockenblumen (Campanula poscharskyana), Blau-Schwingel (Festuca glauca), gewöhnlichem Flügelginster (Genista sagittalis), Oregano (Origanum vulgare) und Sand-Thymian (Thymian serpyllum) gefallen, da diese Zusammenstellung in gärtnerisch idealisierter Weise Magerrasen imitiert. Meine Großmutter pflanzte in ihrem Steingarten Kostbarkeiten stets mit gehörigem Abstand zur Konkurrenz und legte die Zwischenräume mit Steinen aus. Sie beanspruchte nicht, Lebensräume nachzustellen. Enzian, Heide-Nelken und andere Raritäten sollten als Pflanze für sich wirken. „Artic Sun“ benötigte sie nicht. Sie erfreute sich an dem schlichten, aber „göttlichen“ Charme der Heide-Nelken-Wildform.

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