Die Linde ist ein Baum mit vielen Gesichtern - Von Christiane Looks

Mehr als Honig-Lieferant

Natürlicher Schatz im Ortsmittelpunkt: Die Winterlinde vor der Scheeßeler St.-Lucas-Kirche ist eine der ältesten Gerichtslinden in Deutschland. Foto: Joachim Looks
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Scheeßel. Musikunterricht in der kleinen Dorfschule, die ich in den ersten Schuljahren besuchte. Unser Lehrer hatte einen Liedtext an die Tafel geschrieben, holte seine Geige aus dem Schrank, stimmte sie, und dann versuchte sich die Klasse, unterstützt durch Musikinstrument und sonore Lehrerstimme, im mehr oder weniger angenehm zu hörenden Singen von „Am Brunnen vor dem Tore, da steht ein Lindenbaum“.

Linden sind in gemäßigten Klimazonen Europas, Asiens und Nordamerika weit verbreitet. Da sie, bis auf den Stock abgeschnitten, gut wieder ausschlagen, wurden seit der Antike Linden gerne entsprechend bewirtschaftet. Aber auch Einzelbäume, die durch ihren stattlichen Wuchs beeindruckten, standen hoch im Kurs. Vor ungefähr 100 Jahren entschloss man sich in Dänemark, einen beim Torfstechen gefundenen Bootsrest auszugraben, der, wie spätere Untersuchungen ergaben, rund 300 Jahre vor unserer Zeitrechnung aus Lindenholz gebaut worden war. Ein in den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgter Nachbau hatte mit der Schwierigkeit zu kämpfen, dass es für die Schiffsplanken von ungefähr 15 Metern Länge und knapp 70 Zentimetern Breite zunächst nicht möglich war, geeignetes Lindenholz zu finden, weil keine Linde mit einer entsprechenden Länge zur Verfügung stand. So mussten die Planken entgegen dem Original aus zwei Stücken angefertigt werden.

Lindenwälder sind selten, auch in Laubmischwäldern machen sich Linden rar. Dies liegt daran, dass Holz dieser Baumart zwar ein hervorragendes Schnitzholz ist und so zum Beispiel für den aus dem nahe Göttingens gelegenen Eichsfeld stammenden Tilman Riemenschneider das bevorzugte Material für seine berühmten Altäre in der Zeit im 1500 wurde, aber unter ungünstigen Bedingungen als nicht so festes Holz leicht angegriffen wird und konstruktiv wegen seiner geringeren Stabilität gegenüber anderen Holzarten ebenfalls nicht überzeugt. Gerne wurden und werden Linden dagegen wegen ihres dekorativen Aussehens in Alleen und Parks gepflanzt. Kommt der Sommer, duftet, brummt und summt es dort, weil Lindenblüten viel Nektar absondern und von Hummeln, Bienen und anderen Insekten bestäubt werden. Leider zieht diese Nahrungsquelle auch unerwünschte Gäste an und so mancher Autofahrer meidet nach entsprechender Erfahrung tunlichst diese Bäume, um nicht voller Entsetzen Honigtau auf seinem Fahrzeug vorzufinden: klebrige Ausscheidungen gefräßiger Blattläuse, die sich am Pflanzensaft der Bäume bedienen.

Diese Probleme hatten unsere Vorfahren nicht. Linden standen bei ihnen hoch im Kurs und wurden gerne an zentralem Ort gepflanzt, beispielsweise am Dorf-Brunnen oder im Ortsmittelpunkt. Lieder heben den Stellenwert des Treffpunkts hervor: „ ... wo wir uns finden, wohl unter Linden zur Abendzeit“. Man schwätzte miteinander, diskutierte den Tag, wälzte Probleme, löste sie oder löste sie halt auch nicht. Dahinter verbarg sich eine lange Tradition, waren Linden doch häufig auch Gerichtsstätten. Das Mittelalter sprach Recht im Freien, oft unter einem Baum. Beliebtester Gerichtsbaum war in Deutschland die Linde, noch vor der Eiche, der zwar wie der Nummer Eins unter den Gerichtsbäumen magische Wirkung zugesprochen wurde, aber nicht die des Stars unter diesen Bäumen. Erinnert sei an: „Vor den Eichen sollst du weichen, ... Linden sollst du finden“, was aber besser nicht beherzigt wird, weil Gewitter Sprüche ignorieren.

In Deutschland gibt es zwei heimische Linden: Sommerlinde (Tilia platyphyllos) und Winterlinde (Tilia cordata). Sie sind sich ähnlich und unterscheiden sich für Laien vor allem dadurch, dass die Sommerlinde vor der Winterlinde blüht. Zumeist wurden Sommerlinden als Ortsmittelpunkt gepflanzt. Aber man machte auch früher nicht unbedingt das, was andere taten. In Scheeßel steht zum Beispiel eine Winterlinde vor der St.-Lucas-Kirche im Ortskern. Es ist eine der ältesten Gerichtslinden Deutschlands und seit dem 3. Januar 1938 als Naturdenkmal unter Schutz gestellt. Der Volksmund behauptet, eine Linde komme 300 Jahre, stehe 300 Jahre und vergehe 300 Jahre. Oftmals erneuern sich aber Linden von innen heraus, grünen weiter und begründen den Ruf eines tausendjährigen Baumes. Wie das geht? In Scheeßel beispielsweise faulte der Stamm vor langer Zeit. Aber der Baum trieb aus einigen Metern Höhe Innenwurzeln, mit denen sich der Baum neu verankerte, um weiterhin an notwendige Nährstoffe zu gelangen. Er verjüngte sich gewissermaßen. Trotzdem wird das Alter dieses ehrwürdigen Baumriesens erst auf gut 600 Jahre geschätzt.

Lust auf den „for ever young“ gebliebenen Methusalem bekommen? Er kann bei der St.-Lucas-Kirche in Scheeßel, Zevener Straße 4, bewundert werden.

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