Die Gewöhnliche Schuppenwurz – eine ungewöhnliche Pflanze - Von Chrstiane Looks

Nicht wie alle anderen

Der Gewöhnliche Schuppenwurz ist eine ungewöhnliche Pflanze.
 ©Joachim Looks

Eversen. Wenn Informationen zu einem Thema gesammelt werden, über das geschrieben werden soll, bin ich oft erstaunt, was beim Suchen alles gefunden wird. Mich fasziniert jedes Jahr von Neuem die Gewöhnliche Schuppenwurz, deren Blüten für Hummeln nahezu unwiderstehlich sind. Da die Pflanze praktisch nicht gekauft werden kann, war ich etwas überrascht, in einem Internetforum den Beitrag eines Gartenfans zu finden, der begeistert darüber berichtete, wie er sich die Schuppenwurz in seinen Garten geholt habe.

Dabei war sich der Gartenbesitzer aber nicht so ganz sicher, ob die Umsiedelung gelang, weil die Lebensvoraussetzungen dieser ungewöhnlichen Pflanze sehr speziell sind. Lathraea squamaria, so der lateinische Name der Gewöhnlichen Schuppenwurz, ist gar nicht so gewöhnlich, wie der Name vermuten lässt. Wenn, dann ist diese Pflanze eher ungewöhnlich. Ihr Name bedeutet „heimlich“ und bezieht sich auf den im Jahresrhythmus nur kurz erkennbaren Standort von Lathraea-Pflanze, wenn sich der Blütenstand zeigt. Namen dieser ungewöhnlichen Familie verraten, dass ihre Mitglieder besonders sind, denn es gibt nicht nur die scheinbar gewöhnliche, sondern beispielsweise auch eine verborgene Schuppenwurz (Lathraea clandestina), die es vorzieht, sich in Mittelitalien, nördlichem Spanien, Frankreich und westlichem Belgien zu zeigen.

Lathraea squamaria wächst unterirdisch wie alle Schuppenwurze und zeigt nur ganz kurze Zeit im März und April orchideenähnliche, blass rosa-violette Blüten, wenn die Natur erwacht und Bäume mit dem Wassertransport beginnen. Weil die fast chlorophyllfreie Pflanze keine Blätter hat, kann sie nicht mithilfe von Sonnenlicht Kohlendioxid und Wasser in Glukose umwandeln. Da sie wegen der fehlenden Blätter über keinen Transpirationssog durch Verdunsten verfügt, mit dem Wasser und Nährstoffe aus dem Boden gesogen werden könnten, ist die Lathraea squamaria darauf angewiesen, wie die anderen Schuppenwurze zu schmarotzen. Mit feinen Saugorganen heftet sie sich an das nicht verholzte Wurzelgewebe verschiedener Wirtsbäume und zapft – ohne die Bäume zu schädigen – deren Leitbündel an, in denen Wasser- und Nährstofftransport stattfindet.

Unterirdisch bildet die gewöhnliche Schuppenwurz ein bis zu zwei Meter verzweigtes Rhizom, das durchaus fünf Kilogramm auf die Waage bringen kann und mit stärkereichen Schuppen besetzt ist, die Speicherfunktion haben.

Rund zehn Jahre dauert es, ehe Lathraea squamaria blüht. Im zeitigen Frühjahr erfolgt eine Bestäubung nicht nur durch Hummeln, sondern auch durch Bienen. Windbestäubung ist ebenfalls möglich, und die Pflanze vermag in ungünstigen Jahren Blüten sogar im Boden zu bilden, wo die Bestäubung erfolgt, ohne dass sich die Blüten öffnen. Die mohngroßen Samen werden gerne von Ameisen verschleppt oder durch Wind verbreitet. Sie benötigen aber eine Distanz von höchstens einem Zentimeter zu Wirtsbäumen, um zu keimen.

Die Pflanze ist an passende Wirtsbäume gebunden. Versuche, mit Samen zu experimentieren, scheitern in der Regel, da der Samen einen geeigneten Wirt in nächster Nähe benötigt. Prinzipiell könnte eine Vermehrung mit einem Rhizomstück versucht werden. Gewöhnliche Schuppenwurz ist aber giftig, und beim Hantieren mit dem Rhizom kann es zu entsprechenden Reaktionen kommen. Ein kommerzieller Anbau mit dem Ziel eines Verkaufes ist außerdem praktisch unmöglich, weil Lathraea squamaria an einen Wirt gebunden ist. Sie ließe sich also nur mit geeignetem Baum zum Verkauf topfen – keine gute Aussicht für eine gärtnerische Nutzung.

Mittlerweile ist die gewöhnliche Schuppenwurz überhaupt nicht mehr gewöhnlich, obwohl sie in fast ganz Europa sowie Westasien vorkommt und eigentlich auch nicht gefährdet ist. Aber ihre ungewöhnlichen Lebensanforderungen machen es der Pflanze nicht leicht, denn sie benötigt nicht nur passende Wirtsbäume, sondern genauso wichtig ist eine feuchte Umgebung – Lebensvoraussetzungen, die mittlerweile dabei sind so besonders zu werden, dass Lathraea squamaria bei uns immer seltener wird, obwohl sich in Deutschland regional durchaus auch noch größere Bestände halten. Schwerpunkte sind hier Oberbayern, Franken, Sachsen, Thüringen, Mecklenburg und das östliche Schleswig-Holstein. Der Landkreis Rotenburg steht nicht mit „leerem Spaten“ da. Er beteiligt sich mit drei Vorkommen.

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