Die Dreimastbark „Seute Deern“ wird zum 3D-Modell - Von Sünje Loës

Letzte Ehre für das süße Mädchen

Professor Dr. Georg Skalecki ist Landeskonservator.
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Bremerhaven. Das Wahrzeichen Bremerhavens, die „Seute Deern“ (niederdeutsch für süßes Mädchen), ist am Ende. Nach dem Brand im Februar 2019 und weiteren Unglücken, die schließlich zum Sinken des Schiffes führten, war schnell klar, dass die altehrwürdige Bark nicht gerettet werden kann. Um das Schiff als kulturhistorisches Denkmal dennoch so gut wie möglich zu retten, entschieden sich die Verantwortlichen des Schifffahrtsmuseums Bremerhaven zu einer aufwendigen Aktion. Mit einem 3D-Laserscanner soll das ganze Schiff erfasst und millimetergenau vermessen werden, um aus den Daten ein maßstabgetreues Modell zu fertigen. Das soll dann nicht nur der Forschung, sondern zukünftig auch Besuchern des Museums zur Verfügung stehen.

Schon bevor im Restaurant des Schiffes Feuer ausbrach, war die „Seute Deern“ schwer sanierungsbedürftig. Das Holz war an vielen Stellen durch die ständige Einwirkung des Wassers verwittert und stellenweise von Pilzen besiedelt.

Doch ehe die Fachleute zur Tat schreiten und das Schiff einer Verjüngungskur unterziehen konnten, geschah das Unglück und machte alle geplanten Bemühungen zunichte. Die Nachricht schockte zahlreiche Menschen der näheren und weiteren Umgebung zutiefst, war das Schiff doch ein beliebtes Ausflugsziel, es lag bereits seit 1966 im Alten Hafen in Bremerhaven und ist seit 1972 Teil des gestifteten Museumshafens.

Längst ein Wahrzeichen der Stadt verbanden zahlreiche Personen persönliche Gefühle mit dem Schiff, so feierten viele Menschen dort ihre Hochzeit sowie weitere Familienfeste.

Ausgerechnet im Jahr ihres 100-jährigen Bestehens sollte die „Seute Deern“ vom Unglück heimgesucht werden. Zuvor hatte sie bereits eine abenteuerliche Reise hinter sich. Obwohl eigentlich metallene Dampfschiffe der Stand der Technik waren, lief die „Seute Deern“, damals noch unter dem Namen „Elizabeth Bandi“, 1919 in Mississippi vom Stapel und transportierte Holz über die Weltmeere, damals noch als viermastiger Gaffelschoner.

1938 erhielt die „Deern“ in Hamburg ihre heutige Form und wurde zu einer Dreimastbark umgebaut, in diesem Zuge erhielt sie auch die charakteristische Galionsfigur. In der Zeit des Nationalsozialismus diente das Schiff als Ausbildungsschiff für Seemänner der Tankschiffflotte und war damit nach Kriegsende zunächst arbeitslos.

Da der Stand der Technik die Seute Deern inzwischen jedoch weit überholt hatte, entschlossen sich die Verantwortlichen, das Schiff künftig als Hotel- und Restaurantschiff zu nutzen. Zu diesem Zweck wurden die Kabinen ausgemauert, was eine weitere Nutzung als fahrbares Segelschiff unmöglich machte.

1954 wurde die „Seute Deern“ dann in die Niederlande geschleppt, um dort als Jugendherberge zu fungieren. Schon zum damaligen Zeitpunkt galt das Schiff als ungewöhnlich alt, weil die übliche Nutzungsdauer eines Schiffes bei maximal 30 Jahren liegt. Um so erstaunlicher ist es, dass die Deern zehn Jahre später wieder nach Deutschland zurückkehrte und in Emden in einer Werft ein weiteres Mal umgebaut wurde, allerdings erst, nachdem sie im dortigen Hafenbecken gesunken war.

Schließlich gelang es, ein reines Restaurantschiff aus ihr zu machen und sie zu ihrem letzten Ankerplatz, dem Alten Hafen in Bremerhaven zu schleppen, wo sie und die Hafenstädter auf Anhieb eine innige Beziehung aufbauten.

Nach all den Umbauten, der langen Nutzungsdauer und dem Sinken auf den Grund des Hafenbeckens bescheinigten Experten in einem Gutachten 1976 der „Seuten Deern“ einen bedrohlichen Zustand. Sanierungsmaßnahmen waren dringend erforderlich, aber nicht bezahlbar.

Doch die Bremerhavener wollten nicht aufgeben und so gab es im Jahr 2018 etwas zu feiern: Denn nach mühevollen Jahren des Sammelns und der Gründung eines Initiativkreises stellte der Bund das benötigte Geld in Aussicht, um die „Seute Deern“ zu retten. Im Mai 2019, kurz vor dem 100. Geburtstag des „süßen Mädchens“, wurde das Geld bewilligt und alles sah danach aus, als würde das Wahrzeichen Bremerhavens noch eine ganze Weile lang Bewohner und Besucher erfreuen.

Doch das Schicksal wollte es anders, ein Brand und ein erneutes Sinken ließen alle Hoffnungen sterben. Ein Verlust, der nicht nur das Museum schmerzt, sondern auch die Bremerhavener, wie zahlreiche Briefe mit Ideen zur Rettung beweisen, die das Museum nach der Katastrophe erreichten.

Damit die Geschichte der „Seuten Deern“ nicht einfach so verloren geht, wird nun das aufwendige Projekt im Trockendock in Bremerhaven realisiert, an dessen Ende ein möglichst komplettes Bild der „Seuten Deern“ stehen wird. Nicht nur ihre äußere Form, auch ihr innerer Aufbau, ihre Konstruktionsweise, soll so genau wie möglich dokumentiert werden.

Zu diesem Zwecke vermisst die Firma Denkmal 3D mittels modernster Lasertechnik die komplette Oberfläche des Schiffes. Gleich einer sehr hochauflösenden Digitalkamera nimmt das Gerät mithilfe eines Lasers mehrere Millionen Punkte pro Minute auf und erschafft so ein naturgetreues Bild der Oberfläche.

Die Vermessung der frei zugänglichen Flächen hat gerade einmal zwei Tage gebraucht, die Verarbeitung der großen Menge an Daten wird ungleich viel mehr Zeit in Anspruch nehmen. Gegenüber einer sonst üblichen und deutlich günstigeren Fotodokumentation, die selbstverständlich dennoch erfolgt sei, wie Professor Georg Skalecki, Landeskonservator im Landesamt für Denkmalpflege, versicherte, habe die Erfassung als 3D-Modell für die Forschung zahlreiche Vorteile. Worin diese liegen, erläuterte Dr. Lars Kröger, Verantwortlicher für den Museumshafen und Projektleiter: „Die Datenerfassung dort ist streng objektiv. Während ein Mensch, der Bilder macht, immer auswählt, was wichtig ist oder sein könnte, erfasst das Gerät einfach alle Details. Damit stehen auch der nächsten Forschergeneration noch alle Daten zur Verfügung, auch die, von denen wir heute noch gar nicht wissen, dass sie ein Mal wichtig sein werden.“

Ermöglicht wurde das Projekt durch die Finanzierung und die Unterstützung der Bundesbeauftragen für Kultur und Medien, Professorin Monika Grütters.

Zurzeit wird die „Seute Deern“ umgelagert und Schicht für Schicht abgebaut. Während dieses Prozesses werden erneute Messungen mit dem Laser vorgenommen, um bis dahin verborgene Konstruktionselemente zu erfassen und für die Nachwelt festzuhalten.

So soll am Ende ein umfassendes 3D-Modell entstehen, bei dem den Besuchern jeder Bereich des Schiffes zugänglich sein wird, auch jene Bereiche, die aus Sicherheitsgründen auf der ursprünglichen „Seuten Deern“ gesperrt waren, wie die Bilge, der untere Teil des Schiffs.

Das Zusammenfügen der Datenpakete ist, wie Volker Platen von Denkmal 3D erläuterte, ein ausgesprochen kompliziertes Unterfangen, da das Schiff sich im Zuge des Rückbaues verziehen wird, sodass die Messdaten schließlich und endlich nicht perfekt zusammen passen werden. Er zeigte sich dennoch optimistisch, dass es gelingen wird und gab im Rahmen einer Präsentation kürzlich einen Eindruck davon, wie ein Rundgang später eventuell aussehen könnte.

Und auch die Freunde handfester Ausstellungsstücke müssen nicht alle Hoffnung aufgeben. Neben Dingen wie beispielsweise dem Steuerrad und den Galionsfiguren sowie einigen Holzproben aus dem Rumpf, werden möglicherweise auch kleine Stücke der Seuten Deern im Museumsshop angeboten werden. Dort ist die Planung bisher noch nicht beendet und hängt auch von der Qualität des geborgenen Holzes ab. Mitte November 2019 wurden 46 Millionen Euro für einen Nachbau bewilligt. Und so geht die Geschichte der „Seuten Deern“ auf ungewöhnliche Weise weiter.

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