Die Arbeit danach: Was vom Sturm übrig blieb - Von Henning Leeske

Bei Gewitter fallen Bäume anders

Der Schulsteeg in Hemdbünde wurde auch vom Gewittersturm beschädigt und muss nun kostenintensiv repariert werden.
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Hastedt. Eine Spur der Verwüstung hatte der Gewittersturm in der Samtgemeinde Bothel im August hinterlassen. Die umfangreichen Aufräumarbeiten sind im vollen Gange und zeigen das große Ausmaß der Schäden im Detail. Zahlen, die beeindrucken. Innerhalb weniger Minuten richteten Fallwinde mit bis zu 250 Stundenkilometern ein Chaos auf 25 Hektar Privatwald und auf einer ebenso großen Fläche im Landesforst an. Das bedeutet, rund 500.000 Quadratmeter Wald sind in der Region nachhaltig zerstört und etliche Einzelbäume in den Ortschaften Hassel, Hastedt, Worth, Bothel und Hemsbünde liegen nun am Boden. Gerade mächtige Eichen oder andere Laubbäume mit deutlich mehr als 100 Jahresringen waren prägend für das Ortsbild oder die Landschaft.

So auch in Hemsbünde an dem sehr malerischen Schulsteeg, der eine ideale Abkürzung für Wanderer und Radfahrer ist. Eine riesige Eiche kippte um und der Wurzelteller hat die Betonplatten aus ihrem Schotterbett gehebelt. Der Weg: nicht mehr passierbar. Diesen Schaden kann nur eine Tiefbaufirma beheben, die von der Gemeinde Hemsbünde auch in naher Zukunft beauftragt werden soll. Kostenpunkt hierfür sind grob geschätzt 20.000 Euro, weil gleich das ganze Teilstück von der Ortschaft Hemsbünde bis zur Holzbrücke über die Wiedau erneuert werden muss.

An weiteren Wegen der betroffenen Ortschaften sind ebenfalls Reparaturen und Räumungen nötig. An der Bundesstraße 440 sind jetzt schon große Berge an Hackschnitzeln der schnellsten Aufräumer sichtbar und die großen Eichenstämme zeugen noch von der Dimension der Beeinträchtigungen auf der wichtigen Straße im Landkreis Rotenburg.

Zwischen Bothel und der Gemarkung Worth ist ein Gemeindeweg komplett blockiert mit Nadelholz, auch er muss geräumt werden. Schäden am Weg können wegen der Unzugänglichkeit mitten im Wald noch gar nicht beurteilt werden.

Innerhalb der geradezu niedergewalzten Waldstücke sind immer noch die Kräfte sichtbar, die an dem heißen Sommertag gewütet haben. Auch hier sind die Zahlen bemerkenswert. Förster Christian Muke von der Landwirtschaftskammer rechnet alleine für den Privatwald mit rund 10.000 Festmetern Sturmholz, das größtenteils nur noch der thermischen Verwertung oder als Industrieholz beispielsweise für OSB-Platten verarbeitet werden könne. Diese Holzqualität sorge dafür, dass die Waldbesitzer gerade mal die Kostendeckung für die Aufräumarbeiten der forstlichen Lohnunternehmer im Kiefernwald erreichen würden. „Die Mischung von höherwertigen Sägeholzsegmenten und Industrieholz bringt gerade mal eine schwarze Null nach den Kosten für die Lohnunternehmer“, sagt der Vorsitzende der Rotenburger Waldmärkerschaft Hans-Jürgen Bostelmann. Einzelne Stammabschnitte seien noch als Bretter oder Palettenholz nutzbar. Im betroffenen Landesforst ist das Schadensbild vergleichbar, weil hier auch das Nadelholz vorherrscht.

Besonders im Kiefernwald sei das Räumen der Flächen mit einem Harvester schwierig, weil die Baumstämme wie bei einem Mikadohaufen ineinander verzahnt seien. „Die Kiefernstämme sind teilweise ordentlich unter Spannung und da muss ich aufpassen, das die Bäume nicht in Richtung Maschine drehen“, erzählt Thomas Hassler aus Soltau, der mit der finnischen Maschine zum Bäumefällen im Sekundentakt im Wald vom Hastedter Thomas Heinecke arbeitet. Zusätzlich gelte es, ständig die Qualität der Stämme zu beurteilen, um die besten Stücke noch herauszufischen. „Hier ist eine regelmäßige, visuelle Kontrolle der Holzqualität mit viel Zeitaufwand notwendig“, so Muke. Denn durch die brachialen Kräfte hätten die meisten Stämme lange Risse, weil die Kiefern einfach mitten im Baumstamm abgebrochen wurden. Der Rest, der wie ein Streichholz noch steht, sei ebenfalls nicht mehr zu gebrauchen, außer zum Heizen. Ein Rückefahrzeug des forstwirtschaftlichen Lohnunternehmers aus dem Heidekreis lädt unterdessen die sortierten Stämme auf und bringt das Holz aus dem Wald oder was davon übrig ist.

Wesentlich komplexer gestaltet sich das Bild auf einem historischen Bauernhof in Hastedt. Dort entfesselte das Gewitter Naturkräfte, die rund 50 alte Eichen samt Wurzelballen umkippten. Eine Scheune wurde dort dem Erdboden gleichgemacht, aber das alte Hüsselhaus blieb verschont. So nannte man früher das Wohngebäude für Magd und Knecht auf einem großen Bauernhof. Dort drehte der Sturm auch 140 Jahre alte, kräftige Fichten einfach ab und warf sie mit den Eichen durcheinander. Schon die Zufahrt auf den Hof war nicht mehr möglich. Nur schweres Gerät konnte Abhilfe schaffen. Ein Bagger, der sonst große Löcher buddelt, kam deswegen zum Einsatz. Der lange Kranarm und der umgerüstete Greifer bieten einfach eine bessere Handhabe bei den verschachtelten Eichenstämmen mit mehreren Tonnen Eigengewicht, sagt Förster Muke:. „Im Sinne des Arbeitsschutzes ist der Bagger hier eine gute Lösung“.

Wie das Zusammenspiel mit anderen Geräten funktioniert, erklärt Forstarbeiter Christoph Sonnenwald: „Während ich mit der Motorsäge die unteren Stämme bearbeitet habe, hält der Bagger die oberen Stämme fest. So kann mir nichts passieren.“ Die Reichweite und Kraft eines Baggers sei bei derartig filigranen Arbeiten viel besser als bei einem Harvester. Mit einem umgebauten MB Truck zog man schon die ersten Eichenstämme vom Hof und legte sie am Wegesrand ab, wo sie später für das örtliche Sägewerk abgeholt werden. Der lokale Hartholzexperte in Hemsbünde ist insofern ein Glücksfall im Unglück, weil das Sägewerk dieses feuchte Eichenholz im Ausnahmefall trotzdem verarbeiten könne. Damit würden im Vergleich mit dem Nadelholz trotzdem noch reelle Erlöse erzielt.

Ursache für derartig starke Sturmschäden sei laut Muke vor allem die selektive Wirkung des Gewittersturms, weil die riesigen Unwetterwolken im Innern große Temperaturunterschiede hätten. Zusätzlich setze verdampfender Hagel so viel Energie frei, dass diese schnellen Fallwinde entstehen können. Erst am Boden treffe die starke Luftströmung auf Hindernisse, die im ungünstigen Fall Bäume oder Gebäude sind. Der Förster erkundigte sich in diesem speziellen Fall beim Wetterdienst, ob eventuell eine Windhose der Auslöser war. Das Schadensbild passe nach Mukes Aussage aber auch zum mitgeteilten Wetterszenario, weil die Bäume je nach Standort und Entfernung zum Zentrum der Gewitterzelle in eine andere Richtung gefallen sind. Eine direkte Tornadoschneise konnte eben auch nicht ausgemacht werden.

Für die Waldbesitzer ist natürlich ärgerlich, dass zum Beispiel die Kiefern nach 75 Jahren Wachstum und Pflege nun kaum Ertrag bringen. Immerhin kostet Wald für den Besitzer auch jedes Jahr Geld durch die Grundsteuer und Beiträge bei der Berufsgenossenschaft. Noch mehr zu Buche schlägt die Wiederaufforstung. „Natürlich wollen wir den folgenden Generationen wieder einen ordentlichen Wald hinterlassen“, sagt Besitzer des Kiefernwalds Thomas Heinecke.

Eine kostengünstige Lösung auch mit der Kiefer sei möglich, weil die Wirtschaftlichkeit dennoch verfolgt werden müsse. Eine Durchmischung mit anderen Baumarten, die besser mit dem Klimawandel zurechtkommen würden, war daher die Empfehlung des Försters Muke. „Eine Umwandlung in Ackerland kommt daher nicht in Frage. So schnell wandelt es sich auch nicht“, sagt Heinecke zu anderen Optionen, alleine schon wegen der Qualität des Bodens am unteren Ende der Skala. Daher können die Einwohner und Gäste damit rechnen, dass auf den verwüsteten Flächen in ein paar Jahren wieder Wald wächst.

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