Der Blick auf die Hügelgräber im Landkreis gibt Einsichten in das Leben unserer Vorfahren - Von Sünje Loës

Fataler Goldrausch

Verstecktes Kleinod: Fast unsichtbar ist dieser Grabhügel im Wald bei Unterstedt u2013 erschlossen über einen Kulturpfad. Mangels einer Informationstafel benötigen Interessierte dort detektivischen Spürrsinn. Fotos: Sünje Lou00ebs
 ©

Unterstedt. Mal stehen sie dicht an dicht, mal alleine auf weiter Flur, mal liegen sie versteckt in Wäldern und mal offen auf Weideflächen und werden doch oft übersehen: Hügelgräber gehören zu den faszinierensten Komplexen, die unsere Vorfahren uns hinterlassen haben, und sie verraten uns bis heute viel über frühere Lebenswelten. Auch im Landkreis Rotenburg gibt es sie, die stummen Zeugen vergangenen Lebens und Sterbens.

Nahezu jeder von uns ist schon ein Mal achtlos an einem größeren oder kleineren Vertreter vorbei gelaufen. Den prominentesten Platz der zahlreichen Hügelgräber des Landkreises dürfte dabei wohl das Hügelgrab auf dem Rotenburger Waldfriedhof haben. Direkt neben der Friedhofskapelle gelegen gibt es Zeugnis von den religiösen Vorstellungen der urgeschichtlicher Bewohner der Region und stellt über die Jahrtausende eine Verbindung her.

Doch was genau sind Hügelgräber eigentlich? Diese Frage, so simpel sie auch klingen mag, ist gar nicht so einfach zu beantworten. Das liegt vor allem daran, dass die Menschen Hügelgräber über einen sehr langen Zeitraum hinweg angelegt haben, und das in weiten Teilen der Welt. Von der Steinzeit bis zur vorrömischen Eisenzeit bestatteten die Menschen ihre Toten immer wieder in Gräbern, die mit einem großen Hügel überwölbt und somit weithin sichtbar sind. Schon die Gestaltung des Äußeren zeigt die große Vielfalt: Runde Hügel, ovale Hügel, Grabhügel, die zusätzlich mit Stein- oder Holzmarkierungen auf ihrer Kuppe versehen waren, Steinringe am Fuß der Hügel – dem Gestaltungswillen waren kaum Grenzen gesetzt.

Im Inneren der Anlagen erhöht sich die Vielfalt noch einmal. So können diese Hügel aus ganz unterschiedlichen Materialien bestehen. Es gibt Grabhügel aus Erde, solche mit Holz-Erde-Konstruktionen, ebenso wie Stein-Erde Bauwerke oder Anlagen die vor allem aus Grassoden bestehen. Welche Materialien und Bautechniken in Frage kamen, hing dabei ganz wesentlich davon ab, wie die Gestaltung des eigentlichen Grabes aussehen sollte. Es gibt Grabhügel mit einer Grabkammer und solche die neben einer Hauptkammer Nebenkammern aufweisen. Einige waren durch Gänge immer wieder zugänglich, andere enthielten ein zentrales Grab mit Steinkammer, Bootgrab oder einem Baumholzsarg.

Doch egal, wie vielfältig die Hügelgräber auch sein mögen, es eint sie doch die Tatsache, dass sie oberirdisch sichtbare Zeugnisse einer menschlichen Kultur waren und sind. Die größeren Vertreter dürften zu ihrer Entstehungszeit weithin sichtbar gewesen sein, ganz besonders, wenn Steinstelen oder andere Aufbauten sie krönten. Neuere Forschung legt nahe, dass die meisten dieser Bauwerke an historischen Wegen lagen, mancherorts scheinen sie sich, wie an einer Perlenschnur aufgereiht, durch die Landschaft gewunden zu haben. Sie sind wohl die am weitesten verbreiteten Beweise dafür, wie sehr bereits der frühe Mensch seit seiner Seßhaftwerdung in die Landschaft und ihre Gestaltung eingegriffen hat.

Spannenderweise zeigten sich die Menschen nahezu aller Zeiten auf die eine oder andere Weise fasziniert von der eigenen Kulturleistung. Zum einen wurden über Jahrhunderte immer wieder Menschen in den Grabhügeln bestattet, als sogenannte Nachbestattungen. Diese Praxis sollte wohl eine Verbindung zu einem als Vorfahren begriffenen Menschen herstellen. Zum Anderen ranken sich zahlreiche Sagen und Mythen um die größten der Gräber, selbst oder auch gerade nachdem sie ihrer Hügel beraubt wurden und nur noch die großen Steinkammern, die einstmals das Innere bildeten, übrig blieben. Geschichten von Riesen, die an Ort und Stelle begraben lägen, werden bis heute weiter erzählt.

Auf der anderen Seite dienten viele der Grabhügel als Rohstofflieferanten. Menschen späterer Epochen trugen die großen Steine ab und verwendeten sie zum Bau moderner Gebäude.

Bei einer solchen Aktion machte ein Landwirt Anfang des 20. jahrhunderts auf seinem Ackerland den wohl bekanntesten Fund des Landkreises Rotenburg: der Stein von Anderlingen, der Schlußstein einer Grabkammer, auf dem drei Gestalten eingemeißelt ist und der eine jahrzehntelange Debatte auslöste. Als der Landwirt den Grabhügel abtrug, kam eine große, steinerne Grabkammer zum Vorschein, in der er auch einige Funde machte.

Diese kaufte der Heimatforscher Hans Müller-Brauel auf. Erst beim Abbau der Steinkammer entdeckte er, dass auf dem Schlussstein ein Bild zu sehen ist. Eine wissenschaftliche Sensation, denn Bildsteine aus der frühen Bronzezeit sind selten, und dieser bietet einen einmaligen Einblick in die religiösen Vorstellungswelten der damaligen Welt. Ein Vertreter des Museums in Hannover kaufte zu einem horrenden Preis nicht nur die Grabkammer, sondern auch alle weiteren Funde, die auf dem Land der Familie des Bauers möglicherweise noch entdeckt werden könnten. Es entbrannte ein intensiver Streit über die Echtheit des Steines, der heute als authentisch gilt und weit über die Region hinaus bekannt wurde. Zur Zeit steht im Museum in Bremervörde nur eine Replik des bekannten Steines von Anderlingen. Das Original ist nach wie vor, zusammen mit der restlichen Grabkammer, im Besitz des Landesmuseums in Hannover, ein Nachbau des Grabes ist seit einiger Zeit im Rahmen der „Stein-Erlebnisroute“ an seinem ursprünglichen Ort zu bewundern.

Der Preis, den der Stein erzielte, löste in der Region, einem Bericht Hans Müller-Brauels zu Folge, eine Art Goldrausch aus. Jeder der Land hatte, auf dem sich möglicherweise „Alterthümer“ befanden, riss aus dem Boden, was ging. Die Scherben der Urnen bedeckten den Boden und unzählige Komplexe wurden unwiderbringlich zerstört.

Auch dies ist ein historisches Phänomen, welches bis in heutige Zeit weiter lebt. Schon früh plünderten Menschen die Gräber, oft bereits zu historischen Zeiten, so vermutlich auch das Grab von Anderlingen. Die Spuren dieser historischen Plünderungen können Archäologen manchmal bis heute sehen. Nicht nur, dass Gräber so gut wie leer sind, obwohl sie es eigentlich nicht sein sollten, bei sorgfältiger Grabungstechnik lassen sich überdies die Spuren der Löcher die gegraben wurden finden, so wie einige andere Beweise, die für eine historische Beraubung sprechen. Viel häufiger allerdings sind heute die Spuren moderner Raubzüge Anlass für Ärger. Illegal machen sich Sondengänger auf den Weg und versuchen auf diese Weise Schätze zu heben, verkennen dabei aber, dass der eigentliche Wert der Funde nicht in ihrem Materialwert liegt, sondern in dem Fundkomplex in dem sie zu finden sind. Ohne seinen Zusammenhang hätte der Stein von Anderlingen Forschern so gut wie nichts verraten. Es wäre nicht möglich gewesen, zu sagen wie alt die Steinritzungen sind, ob sie aus einem Grab stammen oder von einem Kultplatz oder womöglich nur rein dekorative Zwecke hatten. Hätte ein Raubgräber oder Schatzsucher aus Neugierde oder Profitgier den Stein aus seinem Bett gerissen und seines Zusammenhanges beraubt, wäre die Geschichte die er zu erzählen hatte für immer verloren, seine Stimme für immer verstummt.

Wer sich für die Geschichte, die Bauwerke und das was sie erzählen können interessiert, der hat diverse Möglichkeiten abseits des Buddelns. So zeigt das Bachmann Museum in Bremervörde einiges zu dem Thema, und auf der Radwanderroute „Hügelgräber“ rund um Rotenburg lassen sich auf etwas mehr als 38 Kilometer zahlreiche der uralten Bauwerke bewundern. Empfehlenswert ist auch der archäologische Führer „Geschichtsspuren zwischen Wümme und Oste“, den der Landkreis gemeinsam mit der Archäologischen Gesellschaft im Landkreis Rotenburg herausgibt. Dieser stellt, neben vielen anderen Zielen, zahlreiche Hügelgräber überall im Landkreis vor, die einen Besuch lohnen.

17.09.2020

Sponsorenlauf Ahausen

26.08.2020

Kinder machen Theater

13.07.2020

In Krieg und Frieden

03.07.2020

Kettensäge und Kreativität