CORONA UND DIE FOLGEN Marvin Fick über das Leben als Schausteller - VON ANDREAS SCHULTZ

Rückkehr des Kinderlachens

Nach zweijähriger Pandemie-Zwangspause lädt Marvin Fick wieder zum Mitfahren ein. Für ihn und sein Fahrgeschäft "Heroes" ist es zumindest in Rotenburg eine Premiere. Foto: Schultz
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Rotenburg – „Wenn die Kinder sich freuen und lauthals schreien, das ist unser Leben: Den Leuten Freude bringen“, sagt Marvin Fick. Das ist Schaustellern nun wieder möglich: Rund um den Lohmarkt bauen sie derzeit ihre Fahrgeschäfte auf, um nach zwei Jahren des Corona-Stillstands endlich wieder durchzustarten.

Der 28-Jährige stellt sein Karussell beim Rotenburger Frühjahrsmarkt zum ersten Mal in der Kreisstadt auf. Dennoch ist er mit der Wümmestadt fest verbunden, beispielsweise dadurch, dass er nur wenige Meter vom Standpunkt seines Fahrgeschäfts „Heroes“ in die Grundschule gegangen ist: Er ist hier groß geworden. Als wir den Selbstständigen treffen, trägt er Arbeitskluft und Handschuhe, Sonnenbrille, kaut Kaugummi. Er befreit gerade mithilfe der Hydraulik das Karussell von der Achse des Lastwagenanhängers, der das zusammengefaltete Gebilde aus Edelstahl und Kunststoff auf den Platz gehievt hat. „Dat löppt“, kommentiert er den Vorgang und kaut weiter.

Es läuft. Das gilt auch für seine Kollegen, die überall auf dem Lohmarkt hämmern, Teile tragen, schwitzen und einander Kommandos zurufen. In der Betriebsamkeit schwingt Erleichterung mit: Zwei Jahre lang war fast nichts von dem möglich, was den Schaustellern den Broterwerb sichert. Das frustriert: „Wir wollen ja auch nicht in der sozialen Hängematte liegen, keine Hilfen bekommen. Das sind wir einfach nicht“, sagt Marvin Fick. Mit Essenswagen an der Bremer Waterfront hielt sich die Familie über Wasser. So kam man über die Runden, „aber zufrieden waren wir nicht“, sagt Fick. „Wir wollen unterwegs sein.“ Die Fahrgeschäfte standen derweil trocken und warm in einer Oldenburger Lagerhalle, wo die Familie ihren Wohnsitz hat. Auch das Karussell „Heroes“: Statt 22 Umdrehungen pro Minute mit Rauch und Effekten für 36 Personen nur Stille und Staub.

Dem 28-Jährigen ist das Schaustellerdasein quasi in die Wiege gelegt worden. Schon der Opa war mit dem Süßwarenwagen auf Märkten unterwegs, der Vater nahm das Handwerk auf – und auch der Sohn wächst dort hinein. Schon mit elf Jahren hilft er mit, übernimmt kleinere Aufgaben, sammelt Chips für Fahrgeschäfte ein – „nicht etwa, weil ich musste, sondern weil ich wollte“, betont der Schausteller. Man wachse in den Beruf hinein, in das Reisen mit dem Wohnwagen, in die Kneipentreffen nach der Arbeit mit den Kollegen. Man kenne es nicht anders, man wolle es nicht anders und man vermisse auch nichts. „Man ist jede Woche woanders. Das ist unser Leben“, sagt Fick bestimmt.

Mit 18 macht er den Lkw-Führerschein und ist mit dem Vater unterwegs und schon mit 22 Jahren macht er sich selbstständig. Seit 2016 ist Marvin Fick mit seinem Highspeed-Karussell „Heroes“ unterwegs, „auf Tournee“, wie er sagt. In den neun Monaten Saison von März bis November könne man 30 bis 35 Plätze schaffen, an denen man auch mal zwei bis drei Wochen steht. Bis hin zum Bodensee geht es in diesem Jahr. „Das ist ein Vertrag, den ich abgeschlossen habe, als man noch keine Krise am Horizont sehen konnte“, sagt er. Immerhin sind das 600 Kilometer hin, 600 auch zurück. Und das kostet.

Ja, die Schausteller können wieder loslegen – also die, die noch übrig sind. Marvin Fick berichtet von Kollegen, die sich in der Pandemie („Das war schon hardcore“) eine Alternative gesucht haben, viele Mitarbeiter sind auch nach der Perspektive auf mehr Normalität nicht zurückgekommen. Und jetzt: Die Geschäfte laufen gut an, sagt Marvin Fick. Kein Wunder, denn zwei Jahre Zurückhaltung zeigen nun ihre Auswirkungen: „Die Leute sind richtig ausgehungert“, meint der 28-Jährige. Experimente mit sogenannten Pop-Up-Parks, die seine Kollegen zwischenzeitlich gewagt hatten, brachten nur mäßig Erfolg. Aber bei großem Abstand, ständiger Prüfung des 3G-Status und Hinterlassen der Daten sei die Nachfrage gering.

Der „Hunger“ für das echte Jahrmarktgefühl ist jedoch da. Dennoch gibt es Grund zum Klagen. Die Kraftstoffpreise schlagen hart zu Buche – und auch die Preisentwicklung bei den Lebensmitteln hat Auswirkungen auf ihre Arbeit. Zwischen drei und fünf Euro rufen Lebensmittel-Discounter zwischenzeitlich pro Liter Speiseöl ab. Aber die Bude mit den gebratenen Champignons braucht ihre Fette. „Wenn sich unsere Ausgaben zum Teil verdoppeln, können wir nicht im gleichen Maß die Preise anziehen. Wer kommt denn noch, wenn die Karussellfahrt acht statt vier Euro kostet?“, fragt Marvin Fick. Eine Lösung hat er aber auch nicht parat. Es müsse halt irgendwie weitergehen.

„Die Preise dürfen halt jetzt nicht noch weiter anziehen, dann weiß ich auch nicht mehr.“ Seine Devise: durchhalten. Auf das Ende des Ukraine-Kriegs und normale Preise hoffen – und darauf, dass die Pandemie verschwindet, dass die Infektionsschutzmaßnahmen nicht wieder zurückkommen. Marvin Fick ist sicher: „Dann geht das los!“

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