Wildblumenwiese – Eine Spezialität für geduldige Liebhaber - Von Christiane Looks

Spröde Schönheit

Wildblumenwiesen bergen Überraschungen. Foto: Joachim Looks
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Eversen. Rudi war ein Phänomen: Ich durfte in meiner Referendariats-Ausbildung zwei Jahre von ihm als Fachleiter begleitet werden. Den theoretischen Teil der Kunstlehrerausbildung verlagerte er gerne in seine Wohnung. Sie lag in Bremens Ostertorviertel im Erdgeschoss eines Altbremer Hauses und beeindruckte, weil die ineinander fließenden Wohnräume durch deckenhohe, gut gefüllte Bücherregale plus Regalleitern mit sogenanntem Kopffahrwerk gegliedert wurden.

Die Leitern erinnerten an jene in Turnhallen bei Sprossenwänden, nur dass sie durch das Kopffahrwerk verschiebbar waren – welch ein Luxus für Bücherfans!

Die Ferien verbrachte Rudi am liebsten in Texas – nicht wegen des texanischen „american way of life“, sondern wegen der Farben. Nun verbindet kaum jemand mit dem Süden der USA bunte Farben, sondern trockene, endlose Ebenen, Wüsten, Prärie, Kiefernwälder, Rio Grande und Farmland. Auch die Gemälde berühmter Impressionisten im „Museum of Fine Arts“ in Houston waren es nicht, die ihn anzogen, er kam wegen der nach ausreichendem Regen in Herbst und Winter üppigst blühenden Annuellenwiesen.

Anuellenpflanzen sind einjährig. Sie verholzen nicht und treiben innerhalb einer Vegetationsperiode aus, blühen und bilden Samen, der überwintert, aber auch Trockenheit überstehen kann. Die Überlebensstrategie dieser Pflanzen besteht also darin, mit Hilfe von Samen Kälte oder Dürren zu trotzen.

Texanische Einjährige überwältigen mit einer Blühfülle, die nicht nur meinen Kunst-Fachleiter geradezu magisch anzog, sondern mittelweile überkontinentale Beachtung findet. So wundert es nicht, dass texanischen Varianten der aus Amerika stammenden einjährigen Kokardenblume, Mädchenauge, Sonnenbraut oder Phlox und texanische Originale wie Texasstern oder Präriesonnenhut mittlerweile hier erhältlich sind und mitteleuropäische Bedingungen mit Hilfe allgemein beobachtbarer, klimatischer Veränderungen akzeptieren.

Blütenreiche Grünlandflächen sind der Traum vieler Menschen, weil der bunte Anblick fröhlich stimmt. Ich erinnere Radtouren auf schmalsten Wegen im Hinterland der mecklenburgischen Ostseeküste zwischen Rerik und Kühlungsborn entlang von Wegeseitenrändern, die zur passenden Jahreszeit übersät waren von Hahnenfuß, Kamille, Klatschmohn und Kornblume. So bestückte Wegeränder sind aber keine Blumenwiesen, die durch herkömmliche Bewirtschaftung entstanden.

Besonders artenreich sind beispielsweise Blumenwiesen auf trockenen, mageren Böden, die wenig gemäht, öfter aber beweidet werden, was allein von diesen Grundvoraussetzungen her den Traum von einer häuslichen Blumenwiese begrenzt. In den 1970er-Jahren gab es eine Reihe von Liebhaberbüchern, in denen dem Wunsch nach Selbstversorgung unter Berücksichtigung von Tierhaltung nachgegangen wurde. Unter einem Ein-Morgen-Land-Anwesen ging bei der Haltung einer Kuh gar nichts, und es musste Futter hinzugekauft werden. Eine Blumenwiese war auf dem einen Morgen außerdem nicht vorgesehen, weil die Nutzung des Bodens ständig wechselte, alle vier Jahre auch die des Grünlands.

Dies heißt aber nicht, dass der Wunsch nach der eigenen, blumenreichen Fläche aufgegeben werden muss. Nicht möglich ist es sicher, eine der durch traditionelle Nutzung mit Pflanzenarten der Wiese entstandene Grünfläche zu bekommen.

Allerdings kann versucht werden, mit einjährigen Pflanzen eine zeitlich befristete Annuellen-Blumenwiese anzulegen. Es gibt mittlerweile eine ganze Serie von entsprechendem Saatgut, in denen Sommerblumen die Hauptrolle spielen. Das ergibt für ein Jahr ein buntes, fröhliches Bild mit Borretsch, Kapuzinerkressen, Cosmeen, Malven, Mohn, Ringelblumen, Wicken und vielem mehr.

Wer es trotzdem mit einer Blumenwiese versuchen möchte, in der heimische Pflanzen die zentrale Rolle spielen, braucht Geduld. Damit kein Frust entsteht sollte klar sein: Geduld allein führt nicht immer gleich zu dem Erfolg, der gewünscht wird.

Die wichtigste Voraussetzung für eine blütenreiche Grünlandfläche ist karger, ungedüngter Boden. Der ist zunächst herzustellen, außer ein Grundstück wurde gerade bebaut und der Garten noch nicht angelegt.

Ansonsten ist es notwendig, die vorhandene Humusschicht komplett abzutragen und den so entstandene Rohboden durch Untermischen von Sand noch weiter abzumagern, ehe er zur Aussaat vorbereitet und geglättet wird. Mittlerweile gibt es Saatgut, das regionale Bedingungen berücksichtigt. Es enthält oft geeignete Arten von Glocken- und Kornblume, Lichtnelken, wilde Möhre, Schafgarbe und anderes. Zur Vorsicht ist bei solchen Mischungen zu raten, in denen Gräser eine dominante Rolle spielen. Sie drohen einer gewünscht blütenreichen Blumenwiese schnell „über den Kopf zu wachsen“.

Anders als bei anderen Aussaaten wird der feine Wildblumensamen nach der Aussaat nur leicht mit Sand abgestreut, weil viele Wildblumen sogenannte Lichtkeimer sind und unter einer Erdabdeckung nicht aufgehen. Selbstverständlich ist in der Keimzeit die ausgesäte Fläche und auch noch einige Zeit nach der Keimung leicht feucht zu halten.

Im ersten Jahr darf nur einmal zum Herbst gemäht werden, wenn früh gesät wurde und die Pflanzen sich gut entwickelten. Ab dem zweiten Jahr wird dann zu Folgeschnitten einmal im Sommer übergegangen. Wenn Gräser und eingewanderte, wiesenfremde Hochstauden wie Brennnessel oder Ackerdiestel überhand nehmen, ist ein zweiter Schnitt im Herbst unbedingt nötig. Niemals verbleibt das Schnittgut auf der Fläche. Traditionelle Blumenwiesen wurden landwirtschaftlich genutzt! Im Garten ersetzt angepasste Pflege wirtschaftliche Nutzung.

Es kann bei der Neuanlage einer Wildblumenwiese nie davon ausgegangen werden, dass alle ausgebrachten Blumen sofort im ersten Jahr erscheinen, geschweige denn, dass sich alle gleichmäßig entwickeln oder ewig bleiben. Künstlich angelegte Blumenwiesen sind spröde Schönheiten, die Interessierten einiges abverlangen. Eine Kuh muss deshalb aber nicht angeschafft werden.

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