Fritz Libbe aus Hemslingen will mit seinem Buch Erinnungen an Kriegsgräuel wachhalten - Von Nina Baucke und Lara Wachtmann

Gegen das Vergessen

Fritz Libbe mahnt mit seinem Buch gegen das Vergessen. Foto: Nina Baucke
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Hemslingen. Als Fritz Libbe im April 1945 in Pillau im ehemaligen Ostpreußen sowjetischen Soldaten gegenübersteht, ist er 21 Jahre alt und weiß nur, dass er in diesem Augenblick drei Möglichkeiten hat: „Ich hätte mir eine Kugel in Kopf schießen können, in der Ostsee ertrinken können oder hätte das hier gemacht“, sagt er fast 75 Jahre später in seiner Wohnung in Hemslingen und hebt im Sprechen beide Hände neben den Kopf. Der junge Bremer entscheidet sich damals für das Weiterleben in Gefangenschaft, ohne Aussicht, wie lange sie dauern würde.

Am Ende sind es vier Jahre, bis er seine Familie in Bremen wiedersieht. Danach vergräbt er seine Erinnerungen. „Von uns Gefangenen hat keiner gesprochen, wir waren einfach nur froh, lebend aus dieser Hölle gekommen zu sein“, sagt der Hemslinger. Er selbst äußert sich nur selten zu diesen vier Jahren. Etwa, als er mit seinem Sohn im Kreiswehrersatzamt war, als dieser seinen Wehrdienst verweigern wollte und sich dafür dumme Sprüche anhören musste. „Sie wissen gar nicht, was wir damals durchgemacht haben“, verteidigt er seinen Sohn. An Weihnachten 2012 fordert ihn sein Enkel auf, von früher zu erzählen. Fritz Libbe spricht nicht, stattdessen setzt er sich mehrere Monate an seine Schreibmaschine und füllt Seite um Seite. „Aus dem Stegreif“, versichert der heute 96-Jährige. „Mich daran zu erinnern fiel mir nicht schwer.“

Seine Tochter bringt daraufhin die Vorlage in Form, fügt Bilder, Fotografien und Dokumente hinzu, bis am Ende ein Buch entsteht, das die Geschichten von Fritz Libbe und seiner Frau Lore erzählt. Bei Erinnerungen an seine Kindheit in Bremen, seinen Umzug in den 50er-Jahren nach Hemslingen, die Hochzeit, die Geburten seiner Kinder – Dreh- und Angelpunkt sind für ihn dennoch die Jahre zwischen seiner Einberufung im März 1942 und der Entlassung aus der Kriegsgefangenschaft 1949.

Bis zum dritten Kriegsjahr entgeht Fritz Libbe dem Dienst in der Wehrmacht, erst nach dem Ende seiner Lehrzeit als Großhandelskaufmann kommt der Befehl, sich auf der Bremer Bürgerweide einzufinden. Nach der Ausbildung in Dänemark bleibt ihm jedoch der Fronteinsatz erspart: Eine Mandelentzündung in der Kindheit bereitet ihm immer wieder Probleme, und so kommt er im Juni 1943 ins Lazarett nach Belgrad, später zur Operation, bei der er beinahe verblutet, nach Wien. Es folgt die Genesungszeit in Johannisburg, danach landet er in einer Schreibstube – und bleibt dort. „Ich habe als Soldat nicht einen Schuss abgefeuert“, erinnert sich Fritz Libbe. Gemeinsam mit anderen Soldaten hilft er den Flüchtlingen, die während des Vorrückens der sowjetischen Armee Ostpreußen verlassen, „obwohl wir nicht helfen durften“. Die Erlebnisse auf dem Frischen Haff – „das war kein Kirschenessen“, drückt er es vorsichtig aus.

Als sein Vater ihn einmal nach einem Heimaturlaub zum Bremer Bahnhof bringt, verabschiedet Fritz Libbe sich mit den Worten „Ich komme wieder, aber es wird lange dauern.“ – als ob er bereits eine Ahnung davon hat, dass ihm noch einiges bevorstehen wird.

Schon seinen 22. Geburtstag erlebt er in Gefangenschaft in Tapiau, nachdem er wie die übrigen Gefangenen von Pillau aus 40 Kilometer nach Königsberg laufen musste – nur auf Socken und ohne Schuhe. Die erste Nacht in Königsberg lagert er auf einem Kasernenhof, am nächsten Tag mussten sich die Gefangenen nackt ausziehen und sämtliche Haare abschneiden. „Wir sahen aus wie Schwerverbrecher, ohne Würde, ohne Ehre“, erinnert Fritz Libbe sich. Aber sie bekommen die Gelegenheit, sich zu waschen und entlauste Kleidung. Nach der Ankunft in Tapiau kommt der Tag seines Geburtstags. „Ich bekam an dem Tag zweimal die Schüssel voll – Runkelrübensuppe mit Pferdefleisch und dazu einen Löffel Zucker. Ein Hochgenuss und ein echtes Geschenk“, blickt der Hemslinger zurück. Von Tapiau führten die Sowjets ihn weiter nach Insterburg, dort fuhr der Zug nach Kursk in der Sowjetunion ab. „Wir reisten in Viehwaggons nach Russland, ein Land, dass ich bis dahin nur von der Landkarte kannte“, erinnert sich Fritz Libbe. Als Mitglied einer Arbeitsbrigade teilte ihn die Sowjetarmee ein, Häuser zu bauen, Eisenbahnschienen zu verlegen, Betriebe wieder aufzubauen, die die Armee zuvor in Deutschland abgebaut hatte. Die aus seiner Sicht „größten Menschenschinder, die man sich denken kann“, sind allerdings weniger die Sowjets, als die deutsche Lagerverwaltung: „Zwei haben sich da besonders hervorgetan. Beide, ein Düsseldorfer und ein Nürnberger, wurden später zu je viereinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt“, sagt Fritz Libbe. „Sie hatten dann Zeit, nachzudenken.“

Als 1945 der Winter naht, ist er einer von 1.400 Gefangenen in dem Lager. Gegen die Kälte von Minus 15 Grad gibt es Wattejacken und Hosen. Und die Ersten sterben im November. Im Januar sind es innerhalb von 24 Stunden 21 Tote, bis es über einen Zeitraum von sechs Monaten 600 Verstorbene sind, bis sich im April die Lage bessert. Ein Glücksmoment ist die Karte von seinen Eltern, die ihn über das Rote Kreuz erreicht: „Krieg überstanden, sind gesund“, liest er. Er schläft auf doppelstöckigen Pritschen für vier Personen, die sich gleichzeitig umdrehen müssen, die Klosettanlage ist ein großes Loch im Erdboden. „Ich habe unter anderem deswegen überlebt, weil ich nicht geraucht habe, sondern meine Zigarettenrationen gegen Essen eingetauscht habe“, ist er überzeugt. Als 1947 ein Zahnarzt ins Lager kommt, repariert dieser angegriffene Zähne mit Plomben aus Aluminiumkochgeschirr, Fritz Libbe selbst erkrankt an einer Blutvergiftung. Während eines Einsatzes zum Holzverladen in einem Dorf muss er betteln gehen – und erfährt auch Freundlichkeit, als ihm ein Ehepaar Brot schenkt. Im Herbst 1947 lösen die Sowjets das Lager in Kursk auf, zusammen mit den anderen Gefangenen kommt der Hemslinger ans Schwarze Meer, wo er in einem Stahlwerk arbeitet – bis er im Mai 1949 die Marschpapiere für die Heimfahrt bekommt. Mit dem Zug geht es nach Frankfurt/Oder, wo die Heimkehrer sich in Westdeutsche und DDR-Bürger aufteilen. Von Heiligenstadt aus geht es an die Grenze, dort übergeben die Sowjets die Gefangenen den Engländern. Fritz Libbe ist nervös, bis es dann soweit ist: „Gegen 10 Uhr am 25. Juni 1949 warem wir freie Bürger. Da ist eine schwere Last von uns allen abgefallen.“ Nächster Halt ist Friedland, dann reist er ins heimatliche Bremen.

Er bekommt noch das letzte Gehalt aus der Zeit vor dem Wehrdienst und findet schnell eine Stelle als kaufmännischer Angestellter eines Lebensmittelgroßhandels am Osterdeich. Doch die Erinnerung an die Gefangenschaft? „Ich habe danach im Kopf einen Schlüssel herum gedreht“, sagt Fritz Libbe. Bis ihn sein Enkel auf die Idee bringt, zu schreiben und aus seinen Erinnerungen Bücher werden.

„Acht davon habe ich verschenkt, drei liegen noch bei mir“, verrät er. Fritz Libbe will nicht, dass vor allem die Geschichte über die Gräuel des Krieges und seiner Gefangenschaft vergessen werden. Deswegen ist es ihm wichtig, seine Erinnerungen öffentlich zugänglich zu machen. Eines der Exemplare liegt daher im Archiv der Kirchengemeinde Brockel: „Jeder kann dort hingehen, jeder kann es dort lesen.“

Nähere Informationen zu Öffnungszeiten erteilt das Kirchenbüro Brockel mittwochs von 14.30 bis 17.30 Uhr und donnerstag von 8 bis 12 Uhr.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
 04261 / 72 -433
 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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