Die Brockelerin Danielle Krüger arbeitet als Freiwillige in einem Mädchenheim in Indien - Von Nina Baucke

Armut mit jeder Menge Glitzer

Danielle Krüger in einem Teefeld bei Munnar: Ein halbe Jahr lang arbeitet sie in einem Mädchenheim in Indien..
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Brockel. Als Danielle Krüger vor wenigen Tagen in Frankfurt aus dem Flugzeug steigt, ist sie froh, dass ihre Eltern Mütze und Mantel mitgebracht haben. Denn den Flieger betreten hat die Brockelerin bei Abendtemperaturen um die 29 Grad. Eigentlich liegt ihr Kälte mehr als Hitze, aber die Minusgrade in Frankfurt sind dann doch eine Herausforderung. Die letzte innerhalb eines halben Jahres, das die 19-Jährige im Rahmen eines Freiwilligendienstes in einem Mädchenheim im indischen Mayiladuthurai verbracht hat.

Für sie stand immer fest, dass sie zwischen Schule und Studium irgendetwas anderes machen will – „und da ich als Jugendliche nie groß ins Ausland gekommen bin, war das die Gelegenheit“, erklärt Krüger. Dass diese Gelegenheit den Namen Indien trägt, war allerdings nicht der Plan. Zumindest am Anfang. Krüger interessiert sich für den entwicklungspolitischen Freiwilligendienst „Weltwärts“ des Bundesentwicklungsministeriums, stößt auf Stellenanzeigen des Evangelisch-Lutherischen Missionswerks (ELM) in Hermannsburg, bewirbt sich auf halbjährige Stellen in Asien. Zwischendurch gerät auch ein Jahr als Aupair in den USA ins Visier, aber sie ist sich sicher: „Ich will was mit Kindern machen – aber dabei noch mehr aus meiner Komfortzone heraus.“

Die Stellenangebote des ELM liegen jenseits der Komfortzone, daher macht die zu dem Zeitpunkt 18-Jährige Nägel mit Köpfen und nimmt im Dezember 2016 an einem Bewerbungswochenende teil. Dort stellt das Missionswerk seine Projekte vor – und fühlt zugleich den Freiwilligen auf den Zahn: Wie sehen deren Vorstellungen aus, wie belastbar sind sie? Und da tritt dann auch Indien auf den Plan. „Eine Impulsentscheidung: Ich habe die Stellen dort gesehen und dachte, das passt richtig gut“, sagt die Brockelerin. Das Land interessiert sie: „In Indien, wie in vielen asiatischen Ländern, ist die Kultur so anders als die in Deutschland – viel expressiver und nicht so westlich“, ist sie überzeugt. „Die Menschen dort leben ihre Kultur mehr aus, definieren sich weniger als Individuum, sondern mehr als Teil einer Familie, einer religiösen oder einer sozialen Gruppe.“ Angesichts der Schlagzeilen aus Indien über Vergewaltigungen und der daran geknüpfte schwierige Stand von Frauen und Mädchen in der Gesellschaft gehen bei Krügers Mutter die Warnleuchten an, und auch ihre Freunde fragen sie: „Warum Indien?“ Doch Danielle Krüger ist fest entschlossen: Sie fühlt sich bei der Organisation, die den Freiwilligendienst vermittelt hat, gut aufgehoben – ebenso, wie an dem Ort, an den es sie im September 2017 schließlich verschlägt. Mayiladuthurai, fast 200 Kilometer südlich von Chennai im Bundesstaat Tamil Nadu gelegen, ist mit seinen 86.000 Einwohnern für indische Verhältnisse eine Kleinstadt. Dort liegt ein Mädchenheim der Tamil Evangelical Lutheran Church (TELC). Auf dem Campus leben etwa 140 Mädchen, die Schulen in der näheren Umgebung sowie eine Grundschule auf dem Gelände direkt besuchen, zudem gehört zu der Einrichtung ein Kindergarten, den auch Jungen besuchen. Vor allem Familien vom Land schicken ihre Töchter dorthin, um ihnen eine Schulbildung in der Stadt zu ermöglichen. „Ich wollte explizit Mädchen helfen.“ Oft investieren Eltern, was Bildung angeht, zunächst in ihre Söhne, während die Mädchen eher darauf vorbereitet werden, einen Haushalt zu führen. Und auch wenn Danielle Krüger aufgrund ihrer Herkunft als Europäerin einige Privilegien genießt, spürt auch sie in kleinen Situationen die Ungleichheit: Wenn sie an der Eisdiele ansteht und an der Reihe ist – bis ein Mann kommt und ohne Weiteres vor ihr bestellt. „Da macht das kleine Feministenherz einmal ganz laut ,Grrr‘“, sagt sie. „Auch der Kassiererin war das unangenehm. In Situationen wie dieser merke ich dann doch: ich bin einfach kein Mann.“ Das TELC Home for Girls ist zwar eine christliche Einrichtung, aber Christsein keine Voraussetzung, um dort zu wohnen. Viele der Mädchen dort sind Hindus, ein paar Muslima. „Die Religionszugehörigkeit hat aber keine große Rolle gespielt – schon gar nicht untereinander. Nur an den Gottesdiensten mussten alle teilnehmen“, sagt Krüger. Die Pädagogen dort sind streng mit den Mädchen, pochen auf Disziplin, Fleiß und Leistung. Heimweh ist an der Tagesordnung, und trotzdem: „Die Einrichtung ist schon eine Art Rettungsinsel für die Mädchen, sie haben eine Chance auf Schulbildung. Das ist nicht selbstverständlich“, ist die 19-Jährige überzeugt. „Und dann ist da ihre Liebe zu ihren Familien, denen sie mit guten Leistungen Ehre machen wollen.“ Die von ihr betreuten Mädchen stellen Krügers Englischkenntnisse vor ganz neue Herausforderungen. Theoretisch ist Englisch Amtssprache, aber in Kleinstädten wie Mayiladuthurai in der einfachen Bevölkerung nicht so verbreitet. Danielle Krüger muss ihr Englisch in seine Einzelteile zerlegen. „Das Wort ,Busstop‘ ersetzt die Frage, wo sich die nächste Haltestelle befindet und wann der nächste Bus fährt“, erklärt sie mit einem Lachen. Auf Tamil, der in dem Landesteil Indiens üblichen Sprache, lernt Krüger die wichtigsten Worte, wie „Hallo“ und „Danke“ – und den Satz „Ich brauche kein Essen mehr“. „Das war das Wichtigste, sonst gab es immer Nachschlag.“ Auf dem Speiseplan des Mädchenheims steht viel Reis mit Soße, für Mitarbeiter wie Danielle Krüger obendrauf noch Extras, wie beispielsweise Omelette. Morgens kommen Reismehlfladen mit Chutneys auf den Tisch. Die Aufgaben von Danielle Krüger, die zusammen mit Lea Wiekenberg, einer Mitfreiwilligen, auf dem Campus lebt: Englischunterricht für eine Gruppe Achtklässlerinnen und Mitarbeit im Kindergarten. Nebenbei gibt sie Musikunterrricht – jedenfalls ein bisschen: „Wir haben uns mit den Mädchen hingesetzt, Gitarre gespielt und englische Kirchenlieder gesungen“, sagt Krüger. „Das war wirklich schön.“ Vor allem zu ihren Englischschülerinnen entwickelt sie eine enge Bindung, die Mädchen sehen sie schnell als eine Art große Schwester an. „Sie haben mir von ihren Problemen erzählt.“ Immer wieder sind da Geschichten dabei, die ihr nahe gehen. Geschichten von Familien, in denen sich der Vater erhängt hat und die Mutter nun alleine für vier Kinder sorgen muss. Oder wo sich beide Eltern gegenseitig vergiftet haben. „Das waren schwere Momente“, erinnert Danielle Krüger sich. Obwohl sich der Arbeitsalltag der Brockelerin und ihrer Mitfreiwilligen vornehmlich auf dem Campus abspielt, lernen sie auch das Leben jenseits des Geländes kennen. „Indien ist total kitschig, mit jeder Menge Glitzer“, erkennt Krüger. Vor allem auf den Saris, traditionellen Festgewändern der Frauen. Auch sie lässt sich zwei schneidern, für Festgottesdienste. Einen in Dunkelrot, einen in Blau mit Silber. „Fürchterlich unbequem“, so das Urteil. Lieber trägt sie Churidas, das indische Alltagsoutfit aus einer leichten Hose, einer langen Tunika und einem passenden Schal. Aber es gibt auch eine andere Seite: In den äußeren Dörfern um Mayiladuthurai, in denen Menschen in niedrigen Bambushütten leben, erfährt sie, was Armut bedeutet: „Wenn du in Deutschland arm bist, stirbst du nicht. Wenn du in Indien arm bist, verhungerst du.“ Das indische Bild von Armut hinterlässt Eindrücke, ebenso wie die Erkenntnis, wie schnell das Leben vorbei sein kann: Während ihrer Zeit in Mayiladuthurai sterben in ihrem Umfeld mehrere Menschen bei Verkehrsunfällen. „Die Konfrontation mit dem schnellen Ableben dieser Menschen fand ich wirklich schlimm“, erinnert sie sich, und ist dadurch einmal mehr dankbar dafür, was sie in Deutschland hat. Aber da sind auch schöne Augenblicke: „Als meine Mädchen ihre zwei wichtigen Englischprüfungen bestanden haben“, sagt sie mit Stolz in der Stimme. Für sie, die im Herbst ein Psychologiestudium an der Tilburg University in den Niederlanden beginnt, hat dieses halbe Jahr einen besonderen Wert: „Die Erfahrungen aus dieser Zeit in Indien – die sind einzigartig.“

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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