Ackerland und Grünlandbewirtschaftung steht vor neuen Herausforderungen - Von Henning Leeske

Spuren im Boden

Sven Kück (links) und Wolfgang Kück (rechts) schildern Kreislandwirt Heinz Korte und dem Landtagsabgeordneten Marco Mohrmann die Messungen des Eddyturms. Fotos: Henning Leeske
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Landkreis Rotenburg. Preisverfall für Milchprodukte und Schweinestau: Im neuen Jahr kommen auf die Landwirtschaft viele Veränderungen zu. Und noch zusätzliche Unwägbarkeiten: Die neue Düngeverordnung mit den roten Gebieten wird gültig, und die Moorschutzstrategie des Bundesumweltministerium sorgt für Unruhe in den Moorgebieten. Zu ersterem Thema läuft derzeit ein Forschungsprojekt in Jeddingen.

Der Niedersächsische Weg, der schon vom niedersächsischen Landtag einstimmig beschlossen ist und mit 100 Millionen vom Land finanziell unterlegt wurde, könnte eine Antwort auf diese Probleme sein. Mit den Gesetzen, die seit dem 1. Januar dieses Jahres gültig sind, sollen neue Wege beschritten werden, um den Anforderungen einer modernen Landwirtschaft gerecht zu werden. Die Hoffnung: für mehr Akzeptanz bei den Verbrauchern sorgen, wenn es um die heimischen Erzeugnisse der Landwirte geht. Aber auch private Initiativen für die Zertifizierung des klimaschonenden Carbon Farming, ein Verfahren zur maximierten Bindung des Kohlenstoffes im Boden, sollen den Ackerbau weiterentwickeln.

Ein wesentlicher Teil der neuen Düngeverordnung ist die Reduzierung der Düngung um 20 Prozent und bei den Zwischenfrüchten sogar die Nulldüngung in den sogenannten Roten Gebieten. Diese nitratbelasteten Gebiete sind nun detailliert von dem niedersächsischen Umweltministerium und dem niedersächsischen Landwirtschaftsministerium definiert worden, wodurch der Landkreis Rotenburg nach wie vor großflächig von den neuen Reglementierungen betroffen sein wird. Landesweit sind nun 30 Prozent der landwirtschaftlich genutzten Fläche statt vorher 39 Prozent betroffen.

Um sich auf diese neuen Anforderungen einstellen zu können, führte die Ingenieursgemeinschaft für Landwirtschaft und Umwelt (IGLU) ein Forschungsprojekt zu den Zwischenfrüchten in der Region an vielen Standorten durch, unter anderem in Jeddingen auf Flächen des Kartoffelhofes Lüdemann. Nach der Novelle der Düngeverordnung müssen die wichtigen Zwischenfrüchte eben ganz ohne Dünger auskommen, der sonst nach der Ernte der Hauptfrucht in den Boden eingearbeitet wird. Die Zwischenfrüchte haben eine große Bedeutung für eine gesunde Bodenkultur und sind folglich Grundlage für den Ertrag mit der Hauptfrucht vom Mais bis zur Kartoffel. Dabei sind also neue Wege von Nöten, um das Sickerwasser mit weniger Nitrat zu belasten bei weiterhin hohen Erträgen in der Erntezeit. Das war die Zielrichtung des Forschungsprojekts.

Auf dem Versuchsfeld drillen die Mitarbeiter des Nindorfer Kartoffelbetrieb Lüdemann eine spezielle Saatmischung in Kooperation mit der Deutschen Saatveredelung DSV ein, um Erkenntnisse in die Bewirtschaftung mit Zwischenfrüchten ohne Düngung auf mageren Böden zu erlangen. „Wir liegen hier am südlichen Ende des Roten Gebiet vom Landkreis Rotenburg“, zeigte Carsten Meyer (IGLU) auf der Karte. Auf dem Feld begutachten die Landwirte die verschiedenen Saatmischungen und ein extra ausgegrabenes Bodenprofil in rund einem Meter Tiefe. Zu den Pflanzenarten gehörten Phacelia, Rauhafer und Ölrettich sowie eine individuell zusammengestellte Gräsermischung.

Generell komme der Zwischenfrucht gleich mehrere positive Funktionen für die Allgemeinheit zu Gute. „Es geht darum, dass das Sickerwasser von den Pflanzen gebunden wird, weil sonst die Rate des Wasseraustausches eins bis 1,5 beträgt“, sagt Meyer. Denn das führe zum Auswaschen des Stickstoffes im Boden und letztendlich zu erhöhten Nitratwerten im Sickerwasser. „Ein Ziel ist, das Wasser in die Zwischenfrucht zu bekommen. Damit der Nitratwert nicht über 50 Milligramm kommt“, sagte er. Entsprechende Wurzelbildung der Pflanzen lockere außerdem den Boden auf, und das wiederum sei wichtig für die Fruchtbarkeit des Ackers. Dies sei auch bei Rauhafer und Ölrettich auf der Fläche gelungen, wie Marco Peters (DSV) mit Spaten und Körpereinsatz demonstriert. Vorherige Versuche in Jeddingen hätten bei vergleichbarem Boden ergeben, dass die Zwischenfrucht viel Sickerwasser binde, bis zu 36 Liter auf einem Quadratmeter. Das reduziere die Auswaschung von Nitrat erheblich.

Eine entsprechende Wurzelbildung der Pflanzen lockere außerdem den Boden auf, was wichtig für die Fruchtbarkeit des Ackers sei. Ein besseres Krümelgefüge des Bodens, wie die Fachleute sagen, wirke sich dann positiv auf den Ertrag der Hauptfrucht. Zur Demonstration buddelt Marco Peters von der DSV ein Stück Wurzelballen bei der Grünlandmischung mit Klee und Gräsern aus. Die feinen Wurzeln binden Wasser und Stickstoff. Außerdem sorgen sie für das gewollte Krümelgefüge. Zusatznutzen für Landwirte mit Rinderhaltung sei hier die Möglichkeit, noch im Herbst mit der Zwischenfrucht Grünfutter zu gewinnen. Nach einem trockenen Sommer sei dies eine tolle Option in Zeiten von Futtermittelknappheit.

Eine andere Saatmischung ist noch mehr auf die Stickstoffbindung im Boden fokussiert. Denn Felderbsen, Bitterlupinen, Perserklee oder der Öllein hätten besondere Fähigkeiten den Stickstoff, also das Nitrat, im Boden zu binden. Diese Pflanzen können nämlich in kleinen Knöllchen an der Wurzel mit einem ähnlichen Stoff, wie der Blutfarbstoff Hämoglobin, den Stickstoff binden und sogar im Pflanzenstoffwechsel den Luftstickstoff in den Boden transferieren. Deswegen sollten die Knöllchen innen rot eingefärbt sein. „Der Stickstoff muss in den Boden kommen oder bleiben. Von oben drauf kommt eben nichts mehr“, nahm Peters Bezug auf die ausbleibende Düngung mit Gülle.

Zudem wirkten diese beiden Arten quasi als biologische Waffe gegen Pflanzenschädlinge, wie Würmer bei Kartoffeln, wodurch weniger chemischer Pflanzenschutz durch den Landwirt nötig werde. Natürlich ein weiterer positiver Effekt auf die Wasserqualität. Die Blühpflanzen böten im Herbst eine wichtige Nahrungsgrundlage für die Insektenpopulation.

Mit dem Bodenprofil sahen die Landwirte die Durchwurzelung des Bodens und dessen Stellenwert ohne die eine ungünstige Staunässe entstehen könnte. „Nach der 30 Zentimeter starken Deckschicht haben wir in Jeddingen die Lehmschicht aus der Saaleeiszeit, die eine Sperrzone im Boden sein kann“, sagt Bodenkundler Andreas Rode (IGLU). Regenwürmer leisten hier die wichtige Pionierarbeit im Lehmboden, weil dort auch noch bei Trockenheit weiter oben noch Wasser sein könnte. Die mit Humus ausgekleideten Gänge der Regenwürmer seien die „Schnellwuchsstraßen“ für die Ackerpflanzen auf der Suche nach Wasser im Boden. Im ausgegrabenen Loch konnten die Fachleute kleine Wurzeln in einer Tiefe deutlich über 50 Zentimeter finden.

In den Moorgebieten befürchten hingegen viele Landwirte, dass örtlich Erfolge, beispielweise bei der Grünlandbewirtschaftung, bei gleichzeitigem Erhalt oder Förderung der Moore durch die Moorschutzstrategie aus Berlin vom Tisch gefegt werden könnten. Die könnte beispielweise die Ausweitung der Pufferzonen um die Schutzgebiete weiter Flächen der Landwirte aus der Nutzung nehmen. Auch die Flächenprämie stehe in dem Papier auf dem Prüfstand, was gerade die strukturschwachen Moordörfer mit schwierig zu bewirtschaftenden Feldern treffen würde. Eine starke Einschränkung der zulässigen Ammoniakemissionen durch die Tierhaltung in Feuchtgebiete wiederum würde die Milchviehbetriebe stark treffen, weil sich das je nach Topographie kilometerweit vom geschützten Moor Auswirkungen haben kann.

In den Moordörfern ist dieser Zweig mit dem weißen Gold des Grünlandes besonders stark vertreten. So auch in Forstort-Anfang im Nordkreis, wo die Siedlung erst 1934 nach der Kultivierung der Feuchtflächen gegründet wurde. Hier werden die klimawirksamen Folgen der Bewirtschaftung in moorigem Testfeld von Sven Kück in Kooperation mit dem Thünen-Institut, das auch von Bundesmitteln finanziert werde, schon länger untersucht. Beispielsweise pumpt Kück über einen Schacht im Sommer über drei Höhenstufen aktiv Wasser in die Moorflächen, um dieses genau vor Austrocknung zu schützen. Adäquate Flächennutzung bedeute hier sogar Moorschutz und Erhalt der Klimaschutzleistung des Moores. Andererseits würde die Wiedervernässung von trockenen ehemaligen Moorflächen erst den Fäulnisprozess starten und die besonders klimaschädlichen Gase Methan oder Lachgas produzieren, wie Korte ergänzte. Dies werde auf dem Versuchsfeld mit speziellen Messplots gemessen, wie der CO2-Ausstritt aus dem Moor anhand des sogenannten „Eddyturms“, um die Grünlandbewirtschaftung in Feuchtflächen moorschonend weiterzuentwickeln.

Die weitere Herausforderung des Ackerbaus ist die Klimaschutzfunktion durch die Orientierung zum Carbon Farming. Dabei soll die Bindung von Kohlenstoffdioxid durch die Feldfrucht und im Boden maximiert werden. Besonders lukrativ könnte dabei die Entwicklung von Zertifikaten sein, die für die landwirtschaftlichen Betriebe als eine zusätzliche Geldquelle wären. Diese neuen Pfade beschreitet das global agierende Unternehmen Agrar Start-up Indigo Agriculture mit der Zertifizierung des sogenannten Carbons Farming. Dabei soll die Bindung des Kohlenstoffs, also des CO2, durch den Ackerbau gemessen und anschließend vermarktet werden. Natürlich wird die Fruchtfolge entsprechend optimiert, um möglichst viel klimaschädliches CO2 auf dem Feld zu binden. Folglich wird viel Wert auf die Bodengesundheit gelegt und zum Beispiel wertvoller Humus aufgebaut. Der Humus bindet nämlich auch diverse Gase und unterstützt das Wachstum der Feldpflanzen, was folglich mit mehr gebildeter Biomasse noch mehr CO2 aus der Luft entzieht.

Daher spielt die Zwischenfrucht bei diesem eher kommerziell ausgerichteten Pilotprojekt ebenfalls eine sehr wichtige Rolle. Indigo hat dazu ein Verfahren zertifizieren lassen, das die Reduzierung von Treibhausgasemissionen und die verbesserte Bindung von organischem Kohlenstoff im Boden berechnen lässt. Die über Indigo verifizierte landwirtschaftlichen Kohlenstoff-Zertifikate sollen dann Emittenten von CO2 für eine nachhaltige klimaneutrale angeboten werden. Schon in der Pilotphase beteiligt sich ein namhafter Hersteller von schwedischem Knäckebrot bei Betrieben mit Wintergetreideanbau mit einer Kooperation, die die Klimaschutzleistungen der Landwirtschaft honoriert. Damit soll den Kunden ein klimaneutrales Endprodukt angeboten werden.

Derzeit sind in der Pilotphase diverse Betriebe aus der Region mit an Bord, unter anderem aus den Landkreisen Celle und Uelzen, aber im Frühjahr sollen mindestens 50 Landwirte aus ganz Deutschland eingebunden werden. In 2022 ist dann der vollständige Start mit über 2.000 Teilnehmern geplant.

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