Aaron Kruse zieht Bilanz über seine Zeit in China - Von Dennis Bartz

„Kein Hund auf dem Teller“

Aaron Kruse ist zurück in Rotenburg und sagt: "Ich fühle mich reifer als vor acht Monaten." Foto: Dennis Bartz
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Rotenburg/Wenxian. Er ist wieder da. Der 18-jährige Rotenburger Aaron Kruse tauschte im vergangenen Jahr die Schulbank gegen das Lehrerpult. Der Abiturient unterrichtete mehrere Monate im Rahmen des entwicklungspolitischen Freiwilligendienstes Weltwärts Englisch an der No. 1 Senior High School in Wenxian (China). Wegen des Coronavirus musste er nun früher als geplant seine Mission abbrechen. Im Interview mit der Rundschau zieht er Bilanz und gibt Antworten auf die Fragen, die ihm seit seiner Rückkehr nach Rotenburg am häufigsten gestellt werden.

Du bist wieder Zuhause. Was überwiegt in Dir? Die Freude über das Wiedersehen mit Familie und Freunden oder die Enttäuschung, dass Du das Jahr nicht zuende bringen konntest?

Aaron Kruse: Natürlich genieße ich es, wieder Zuhause in Deutschland, im gewohnten Umfeld zu sein. In China scheint eine Art Alltag zurückzukehren, während ein Ende der Krise in Deutschland noch nicht wirklich absehbar ist. Aktuell bin ich dadurch etwas zwiegespalten, ich denke aber, dass es richtig war, uns Freiwillige zurückzuholen.

Eine große Willkommensparty gab es ja wegen des Kontaktsverbots sicher noch nicht für Dich – holt Ihr das nach?

Hoffentlich so schnell wie möglich, ja. In welchem Rahmen das dann geschehen wird, warte ich noch ab.

Wie lautet Dein abschließendes Fazit?

Trotz der anstrengenden vergangenen Monate bereue ich nicht einen Moment meine Entscheidung, nach China gegangen zu sein und ich werde definitiv, ob über ein Auslandssemester oder Urlaub, dorthin zurückkehren.

Worin liegen die größten Unterschiede, wie die Menschen in China und hier mit der Coronakrise umgehen?

Anders als in Deutschland gibt es in China keine großen öffentlichen Diskussionen über Datenschutz oder allgemeine Einschränkungen. Das was gesagt wird, wird auch umgesetzt. Wohl auch weil Verstöße drakonisch bestraft werden. Die Leute bleiben ruhiger, wahrscheinlich auch aufgrund der Erfahrungen mit dem SARS-Virus. Von einer Massen-Hysterie konnte ich nie etwas spüren.

Gehen die in Deutschland getroffenen Hygienemaßnahmen weit genug?

Ich empfinde es als Privileg, dass wir in Deutschland nach wie vor Kontakt zu anderen Menschen außerhalb unserer Familie haben dürfen, auch wenn nur mit einer anderen Person zur selben Zeit. Aber nur, weil wir das dürfen, sollte man das nicht ausnutzen. Unsere Regierung will uns schützen, dementsprechend sollten wir versuchen, jeden unnötigen Kontakt zu vermeiden, um nicht, wie ich in China, für einen Monat ohne Ausgang eingesperrt zu werden.

Aus China werden kaum noch Neuinfizierte gemeldet, viele Menschen zweifeln allerdings die Informationspolitik dort an. Wie war Dein letzter Eindruck dort – hat China die Coronakrise überwunden?

Wirklich einschätzen kann ich das nicht. Aber allein wegen der vielen Kontrollen, die ich auf meiner Reise zum Flughafen durchlaufen musste, denke ich, dass es schwierig ist, „unter dem Radar“ zu erkranken. Auch wenn die Einschränkungen durch Handyortung und Kameraüberwachung extrem scheinen, so scheinen sie zu wirken.

In welchen Punkten wurden Deine Erwartungen in den vergangenen Monaten übertroffen?

Besonders das Essen war unglaublich gut, auch wenn ich zum Ende hin das deutsche Essen immer mehr vermisst habe.

Was hat Dich enttäuscht?

Ich hätte gerne mehr Chinesisch gelernt, allerdings habe ich keinen Unterricht bekommen und die einfache Handhabung von Übersetzer-Apps hat mich auch ein Stück weit davon abgehalten. Außerdem wollte ich während meines Urlaubs das ganze Land bereisen, musste aber schon zu Beginn der Reise meine Planungen verwerfen.

Was können wir von dem Schulsystem dort lernen?

Schulpolitik ist ein schwieriges Feld mit vielen verschiedenen Meinungen in Deutschland und den Bundesländern, weshalb ich nicht zu sehr ins Detail gehen möchte. Allerdings hat mir die Vergleichbarkeit sehr gut gefallen: Jeder schreibt die gleiche Abschlussprüfung im ganzen Land. Natürlich gibt es kleine Unterschiede zwischen den Provinzen, allerdings finde ich die Vergleichbarkeit trotzdem um einiges besser als zwischen den einzelnen Bundesländern in Deutschland.

Was könnten die Lehrer dort von unseren lernen?

Vieles. Viele der Lehrer wollen einen westlichen Unterricht machen, dürfen es aber nicht. Der frontale sollte zu einem interaktiven Unterricht werden, mündliche Noten sollten eingeführt werden.

Was hat das Jahr mit Dir gemacht?

Ich bin selbstständiger geworden und hatte viel Zeit zum Nachdenken über meine Zukunft. Das hört sich sehr klischeehaft an, aber ich fühle mich reifer als noch vor acht Monaten.

Rätst du anderen zu einem Freiwilligendienst?

Ich denke, ein Jahr Auszeit nach dem Abitur oder allgemein der Schule ist eine unglaublich große Chance. Als Freiwilliger musst du häufig die eigene Komfortzone verlassen und lernst vielleicht auch, wie viele Dinge des Alltags eigentlich nicht selbstverständlich sind. Zudem: Nun hast du die Zeit. Wer weiß, ob du sie jemals wieder in dieser Art haben wirst.

Hast Du Katzen und Hunde gegessen?

Die Frage bekomme ich sehr häufig gestellt, aber nein, das habe ich nicht. In der Region, in der ich war, ist das nicht üblich. Dafür wurden mir häufig Hühnerfüße angeboten und ich durfte regelmäßig (eher unfreiwillig) Schlachtungen auf offener Straße miterleben.

Wie geht es für Dich weiter?

Aufgrund der aktuellen Situation sind alle Pläne, die ich mir in China zurechtgelegt habe, für Deutschland unbrauchbar geworden und ich wage es nicht, mir vor Juli neue zu machen. Ab Anfang August beginne ich, wenn es die Situation zulässt, mit einem dualen Studium.

Hast du dich wieder gut „eingelebt“?

Da ich nur sehr wenige Freunde bis jetzt gesehen habe und noch nicht einmal meine Großeltern oder meinen Bruder gesehen habe, würde ich zu diesem Zeitpunkt noch nicht sagen, dass ich zu hundert Prozent Zuhause angekommen bin.

Wie war der Wandel von Schüler zu Lehrer?

Im ersten Moment war es ein sehr komisches Gefühl, im nächsten hatte ich mich aber bereits daran gewöhnt. Umso komischer wird es für mich sein, ab Herbst wieder selbst zum Schüler und Studenten zu werden und all meine Autorität und Privilegien wieder abgeben zu müssen.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
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 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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