Psychologin Nora-Marie Ellermeyer im Gespräch über Burnout und Depression - Von Nina Baucke

Wenn nichts mehr geht

Foto: Dennis Bartz
 ©Rotenburger Rundschau

Rotenburg. Depressionen können jeden treffen – das musste auch Nora-Marie Ellermeyer feststellen. Die Psychologin und Psychotherapeutin erkrankte selbst und überwand die Krankheit. Diese zwei Perspektiven auf Depressionen und Burnout – als Betroffene und aus fachlicher Sicht – fasst sie in ihrem Buch „Lebensnebel“ zusammen. Auf Einladung des Bündnisses gegen Depression im Landkreis Rotenburg, der Geso in Rotenburg und des Vereins Tandem ist sie nun auf Lesetour im Landkreis unterwegs.

Frau Ellermeyer, Sie setzen sich mit Burnout und Depressionen aus eigener Erfahrung auseinander. Wie schwierig ist es, das aus einer Doppelperspektive heraus zu tun?
Nora-Marie Ellermeyer: Ich habe das als Chance gesehen, eben diese Doppelperspektive zu haben. Ich bin ja Psychologin und Psychotherapeutin, ich hatte daher da aus professioneller Sicht schon länger mit Burnout und Depression zu tun und habe Patienten begleitet. Und wie es der Zufall wollte, bin ich dann selbst an einer schweren Depression erkrankt, die mich über Monate lahmgelegt hat. Von daher habe ich eine große Chance gesehen, beide Perspektivin verbinden zu können, einerseits persönliche Erfahrung und zum anderen fachliches Wissen in einem Buch zu verbinden.

War das Buch ein Teil der Therapie?
Ellermeyer: Ich glaube schon, dass man im Schreiben noch einmal seine Geschichte zusammentragen kann. Das betrifft vor allem den persönlichen Teil des Buches. Der andere ist ja eher aus fachlicher Perspektive und zusammengefasstes Expertenwissen. Psychische Erkrankungen bringen es mit sich, dass sie das Selbstverständnis durchschütteln. Viele fragen sich besorgt, ob sie, wenn sie da wieder hinausfinden, noch dieselbe Person sind, wie vor der Krise. Das macht erforderlich, Selbstkonstruktionen wieder neu zusammenzusetzen. Insofern glaube ich, dass das Schreiben auch einen therapeutischen Aspekt hat, um eine Geschichte unter veränderten Bedingungen neu zu erzählen. Ähnliches passiert ja auch in der Psychotherapie durch das Sprechen und die Notwendigkeit, neue Perspektiven zu entwickeln. Geschrieben habe ich das Buch jedoch vor allem für andere Betroffene und Angehörige, denn oft ist es sehr schwer mitzuteilen, wie eine Depression sich wirklich anfühlt. Die Geschichte von einem anderen Menschen zu lesen, hilft, sich zu identifizieren und kann Ermutigung und Hilfestellung sein.

Wie erklärt sich der Titel Lebensnebel?
Ellermeyer: Wir haben oft einen Fokus auf Optimierung und Machbarkeit, auf die Spaßseite des Lebens. Aber diese Nebelaspekte – Begrenzung, Scheitern, Krankheit, Sachen klappen nicht so, wie wir sie uns vorstellen – stecken bereits im Wort „Leben“ drin. Lesen Sie das Wort mal rückwärts. Dafür steht der Titel: Es geht nicht darum, die Nebelaspekte zu denen auch Traurigkeit und Depressivität gehören, zu beseitigen. Denn das ist gar nicht möglich, sie gehören zum Leben dazu. Bei einem mehr beim anderen weniger. Aber das sucht sich ja keiner aus. Stattdessen geht es darum, eine Haltung zu entwickeln, die es möglich macht, das, was sich vielleicht nur wenig durch eigenes Zutun beeinflussen lässt, anzunehmen.

Wird man so eine Erkrankung hundertprozentig wieder los oder bleibt da etwas?
Ellermeyer: Das kann man nicht allgemein sagen, denn die Verläufe sind sehr unterschiedlich. Ganz grob lässt sich sagen, dass ein Drittel einen Einbruch erlebt und dann ist es gut. Ein weiteres Drittel erlebt weitere Einbrüche, und beim letzten Drittel bleibt es ein Dauerthema. Bei wem es so oder so sein wird, ist nicht vorhersehbar und auch ein Stück schicksalshaft. Wichtig ist: Es gibt gute Behandlungsmöglichkeiten auf medikamentöser Ebene, aber vor allem – und das ist ja auch mein Gebiet – im Gespräch und damit die psychotherapeutische Begleitung. Und wenn die Menschen sich trauen und frühzeitig Hilfe suchen, bestehen gute Chancen, einen guten Umgang mit der Krankheit zu finden und sie zu überwinden oder einen Weg zu finden, trotz Erkrankung wieder Lebensqualität zu gewinnen.

Wie erkenne ich Burnout beziehungsweise Depressionen bei mir – aber auch bei anderen? Gibt es Merkmale oder Verhaltensweisen?
Ellermeyer: Wenn jemand für eine erste Einschätzung zu mir kommt, gibt es unterschiedliche Ebenen, auf die ich achte. Das eine sind emotionale Symptome: Berichtet jemand von zunehmender Traurigkeit, Dünnhäutigkeit, zunehmenden Ängsten, ein häufiges Gefühl von Leere, Teilnahmslosigkeit, das Gefühl für sich verloren zu haben und nur noch zu funktionieren, ein Bedürfnis nach sozialem Rückzug, keine Lust mehr, Freunde zu treffen, Sachen, die früher Spaß gemacht haben, geben keine Freude mehr. Auf der nächsten Ebene geht es um Motivation und Verhaltenssymptome. Da berichten Betroffenen oft, dass da Neugierde an der Welt, die Begeisterungsfähigkeit verloren gegangen ist und das es oft viel Mühe macht, sich aufzuraffen. Man müsste mal wieder zum Sport, geht aber nicht hin. Die Betroffenen spüren sehr gut, ob das jetzt nur mal eine Unlust ist, die jeder kennt, oder ob das tiefer sitzt: Dass sie einfach nicht die Kraft und die Energie aufbringen, denn schlussendlich ist Depression ein Mangel an Energie und Kraft. Die nächste Ebene ist die kognitive, auf der sich oft ein sehr negatives Denken einstellt. Dinge werden negativ eingeordnet, die eigene Person wird abgewertet. Das geht bis zur Suizidalität, die das gefährlichste Begleitsymptom der Depression ist. In Deutschland sterben jedes Jahr 10.000 Menschen durch Suizid infolge von Depressionen. In einer schweren Depression hat der Mensch das Gefühl, allem nicht mehr gewachsen zu sein. Zudem zeigt sich die Erkrankung auch auf der körperlichen Ebene. Merkmale wie Kopfschmerzen, Schwindel, sexuelle Unlust, Appetitlosigkeit, Gewichtsverlust, Kraftlosigkeit und Schlafstörungen können auftreten. Manchmal grübeln die Betroffenen stundenlang und können sich nicht wieder von ihren Sorgen und Ängsten distanzieren.

Deckelt sich auch mit Burnout?
Ellermeyer: Im klinischen Sinne unterscheidet man das gar nicht. Burnout ist ja ein Erschöpfungszustand, der der Depression vorgelagert ist. Burnout geht oft leichter über die Lippen. Das hat auch etwas mit der Konnotation des Begriffes zu tun. Burnout beinhaltet ja die Vorstellung, das jemand ausgebrannt ist, weil er sich vorweg übermäßig verausgabt hat und ganz viel Energie und Elan und Kraft in etwas gesteckt hat. Da steckt dieser Leistungsaspekt drin, der sozial kompatibler ist, als zu sagen: Ich habe eine Depression. Wenn mehrere der oben genannten Symptome über einen längeren Zeitraum auftreten, sprechen Ärzte und Psychotherapeuten von einer Depression, die in ihrer Ausprägung leicht, mittel oder schwer sein kann.

Wird Burnout in der Gesellschaft also eher anerkannt?
Ellermeyer: Betroffene assoziieren Depression mit dem Gefühl von Schwäche, Scheitern, und nicht mit anderen mithalten zu können. Ich glaube, dass wir als Psychotherapeuten dafür werben müssen, dass auch das einfach zum Leben dazu gehört, und dass das genauso schicksalshaft ist, wie eine körperliche Erkrankung. Denn auch psychische Erkrankungen haben nichts mit eigenem Verschulden zu tun, sie sind auch nicht durch einen „richtigen“ Lebensstil verhinderbar. Dennoch werden Depressionen immer noch hinter vorgehaltener Hand kommuniziert. Betroffene sind oft sehr beschämt. Das ist zusätzlich zur Depression sehr belastend.

Wie wichtig ist es, dieses Stigma aufzulösen?
Ellermeyer: Das ist elementar wichtig. Nur wenn ich offen über etwas sprechen kann, offen meine Sorgen und meine missliche Lage mitteilen kann, nur dann wird mir Hilfe zuteil. Und nur dann kann ich, eingebettet im sozialen Zusammenhang, wieder auf die Beine kommen. Das große Problem, ist, dass Menschen mit Depression täglich immer wieder Nachteile erfahren: Probezeiten werden nicht verlängert, junge Lehrer müssen wahnsinnig um ihre Verbeamtung kämpfen, nur weil sie mal 20 Stunden Psychotherapie in ihrer Vorgeschichte haben. Es gibt gegen psychische Erkrankungen auf politischer und gesellschaftlicher Ebene noch ganz massive Vorbehalte – und da haben wir noch viel zu tun, Mitgefühl, Toleranz und Solidarität zu entwickeln, wie beispielsweise bei Krebserkrankungen.

Stellen Sie einen Anstieg von Fallzahlen fest? Sind Depressionen die neue Zivilisationskrankheit oder ist das doch überdramatisiert?
Ellermeyer: Die Krankenkassen geben ja immer wieder aktuelle Daten raus, und da zeigt sich, dass die Fallzahlen für Depressionen in den vergangenen fünf Jahren deutlich angestiegen sind. Depressionen und die Begleiterscheinungen hat es schon immer gegeben, in allen Kulturen, zu allen Zeiten. Dennoch glaube ich, dass sich Rückbezuge herstellen lassen, wie es ständig um eine Optimierung geht, ständig um eine Verbesserung, ständig um ein „höher, schneller, weiter“. Da ist ganz wenig Spielraum – auch dafür, das mal etwas nicht funktioniert und mal was lahmlegt. Burnout und Depressionen sind genau das – eine Verweigerung: „Jetzt geht mal gar nichts, so sehr du es auch willst!“ Auf der Gesellschaftsebene ist ganz spannend, dass diese Erkrankung, die alles lahmlegt, eigentlich ein Gegengewicht zur Leistungs- und Optimierungsgesellschaft darstellt und uns auch was sagen möchte.

Wenn ich jetzt Symptome bei mir feststelle – gibt es da einen Punkt, an dem ich noch erkenne: Jetzt die Bremse ziehen, sonst geht das hier schief?
Ellermeyer: Je früher, desto besser natürlich. Es lässt sich nicht vorhersehen, wen es trifft. Nicht jeder, der dauerhaftem Stress ausgesetzt ist, wird eine schwere Erkrankung entwickeln. Aber viele merken es zu spät, wenn der Körper die Reißleine zieht. Viele denken: Ich komme da nicht raus, ich habe Familie, Verpflichtungen. Ich höre oft in der Praxis: Ich würde ja gerne, aber es geht nicht. Dieses „Es geht nicht“ wird von der Depression massiv durchbrochen – und dann geht gar nichts mehr.

Wie ist das bei denen, die das selber nicht anerkennen wollen – aber bei denen man Angehörige oder Bekannte von außen erste Anzeichen erkennen?
Ellermeyer: Offene Kommunikation ist wichtig. Zu sagen: „Ich mache mir Sorgen um dich.“ Genauso wie Erfahrungsberichte von anderen, den Betroffenen ermutigen, sich Hilfe zu holen – und wenn es zuerst ein Gespräch beim Hausarzt ist. Das ist wichtig. Als Bekannter, als Freund dran bleiben und auch akzeptieren, dass in der Depression von einem erkrankten Menschen nicht viel zurückkommt. Jemanden, der sich sozial zurückzieht, also daher auch ein drittes Mal anrufen und sagen: „Komm, wollen wir nicht einen Kaffee trinken gehen?“
Gibt es etwas, was sich aus Präventionsgründen gesellschaftlich ändern muss? Oder muss man die Entwicklung hinnehmen?
Ellermeyer: Es wird nie möglich sein, Depressionen zu verhindern. Das hat nichts mit dem Lebensstil zu tun, es gibt beispielsweise auch eine genetische Veranlagung. Dann sind da Verlusterlebnisse, das Verlieren von Eltern und Geschwistern, Ereignisse in der eigenen Biografie, die das psychische System formen und dann auch im späteren Leben ausbrechen können. Es wird nie möglich sein, Anlässe dieser Erkrankung zu beseitigen. Aber es ist wichtig, ein Plädoyer für Entschleunigung, für Auszeiten, für Müßiggang, ausreichend Sport, gesunde Ernährungen und vor allem intakte Beziehungen zu halten. Sich Zeit nehmen für soziale Kontakte, denn das Schlimmste ist, wenn jemand in einer schweren Krise zu mir kommt und sagt: „Eigentlich habe ich gar keine Freunde, ich habe niemanden, der mich unterstützt.“ Das ist Alarmstufe Rot. Ich glaube, in jeder Art der Erkrankung und der Krise ist ein gutes soziales Netz das Wichtigste – und das schaffen wir uns in gesunden Zeiten.

Welche Bedeutung haben aus Ihrer Sicht Gemeinschaften, wie das Bündnis gegen Depression, das wir hier im Landkreis haben, um einen Weg aus der Sprachlosigkeit zu finden?
Ellermeyer: Niedrigschwellige Angebote für Betroffene sind wichtig, um ihnen schnell ein Gefühl zu geben, dass sie mit der Erkrankung nicht alleine sind, dazu kommen gebündelte Hilfsangebote. Und solche Einrichtungen versuchen, Aufklärung zu betreiben, um Depressionen aus Stigmatisierung herauszuheben. Im Rahmen dieser Arbeit hat auch der Verein Tandem mit dem Bündnis gegen Depression die Lesungen organisiert. Über diese Einladung habe ich mich sehr gefreut.

Wodurch hat sich bei Ihnen der Lebensnebel wieder gelichtet?
Ellermeyer: Ein intensives Nachdenken darüber, was mir gut tut, was meine Lebensfreude stärkt und der Mut, das auch umzusetzen. Konkret: weniger zu arbeiten, als vorher, Zeit für die Gartenarbeit zu haben, Zeit mit der Familie und Freunden verbringen. Die Krise hat mir gezeigt: Meine Energien sind leider nicht so unendlich wie ich gehofft hatte, deshalb setze ich sie heute bewusster ein. Zum Beispiel für Information und Aufklärung zur Depression, die mir sehr am Herzen liegt.

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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