Pastorin Anja von Issendorff über das Trauern im November und Seelsorge im Hospiz - Von Nina Baucke

„Das Leben will nicht sterben“

Anja von Issendorff ist seit dem 1. Oktober die Seelsorgerin im Hospiz "Zwischen Elbe und Weser" in Bremervörde. Foto: Nina Baucke
 ©Rotenburger Rundschau

Bremervörde. Der Blick aus dem Fenster fällt jetzt im November eher trübe aus: Das Laub liegt auf dem Boden, die Tage sind kurz und neblig. Und gerade jetzt ist die Zeit der Gedenktage – so wie morgen der Ewigkeitssonntag. Eine, die täglich mit dem Thema Tod und Sterben zu tun hat, ist Anja von Issendorff: Die 35-jährige Pastorin ist seit Anfang Oktober Seelsorgerin im Hospiz „Zwischen Elbe und Weser“ in Bremervörde. Die Rundschau sprach mit ihr über ihre Arbeit im Hospiz, den Umgang mit dem Sterben und warum November und das Trauern zusammengehören.

Morgen ist Toten-, beziehungsweise Ewigkeitssonntag. Was bedeutet dieser Tag? Und warum braucht es einen besonderen Tag, um an Verstorbene zu denken?

Anja von Issendorff: Ich glaube, dass es auf der einen Seite ein wichtiger Punkt ist, dass die Menschen, die nicht mehr in unserer Welt leben, weiter eine Rolle spielen. Denn wir glauben daran, dass sie nicht verloren sind. Wir als christliche Kirche sind davon überzeugt, dass sie auch nach ihrem Tod bei Gott geborgen sind. Das ist der Punkt, wo wir weiterhin an sie denken wollen. Aber es ist auf der anderen Seite auch so, dass dieser Tag die Realität der Menschen nachbildet: Wenn ich einen Menschen verliere, lebe ich im Alltag ohne diesen Menschen, aber ich lebe auch wieder mit ihm, weil er mich in meinen Gedanken und Gefühlen begleitet. Und es ist gut, gerade dem Rituale zu geben, die das abbilden können.

Bekommt der Tag in diesem Jahr durch die aktuelle Situation noch einmal eine andere Note?

von Issendorff: Ich glaube, dass wir alle gesellschaftlich mit den Themen Vergänglichkeit und Endlichkeit, mit Krankheit und Tod in diesem Jahr anders konfrontiert worden sind. Und ich glaube auch, dass es so eine gewisse Novemberstimmung schon seit Monaten gibt – überall. Da ist die Frage, wie man durch diese Monate kommt, wie man mit dem Verlust umgeht. Verlust der persönlichen Lebensfreiheit, Verlust der persönlichen Entscheidungsfreiheit: Wo gehe ich hin, wen treffe ich, wie gestalte ich meinen Tag? Das ist auch etwas, was mit Trauer zu tun hat. Und weswegen es für Trauernde zur Zeit noch mal eine Nummer härter wird. Die Beerdigungssituation im Jahr 2020 ist richtig schwierig, zum Teil durften nur zehn Personen mit dabei sein.

Also kein Abschied, wie er sonst möglich war?

von Issendorff: Genau. Angenommen, es ist ein Mensch gestorben, von dem sich viele verabschieden wollen. Und die Familie will genau das, weil eben das zu ihrem Trauerprozess gehört, dass für diesen Mensch ein Zeichen gesetzt wird: „Du bist uns wichtig.“ Das war in diesem Jahr nicht so möglich. Zwar funktioniert die Anteilnahme auch über Karten und Blumenspenden, aber so wie es früher war, war es dieses Jahr nicht. So kommt zur Trauersituation noch mal eine ganz neue Herausforderung. Auch wenn jemand im Krankenhaus oder im Hospiz liegt – Besuche wie früher sind nicht so einfach möglich.

Wie kommt es, dass so ein Tag seinen Platz auch noch in einem eher trüben Monat haben muss?

von Issendorff: Es macht ja Sinn, dass der Ewigkeitssonntag ganz am Schluss des Kirchenjahres steht. Dieses fängt ja naturgemäß mit dem Advent an – und deswegen ergibt sich der November. Totensonntag ist zwar die volkstümliche Bezeichnung, aber eigentlich geht es um die Ewigkeit und das ewige Leben bei Gott – und so hat es für mich mehr diese positive Weite. Ich als ein emotionaler Mensch finde das sehr schön, denn wenn ich an so einem Tag zum Beispiel Kerzen anzünde und draußen ist alles grau, holt mich das vielleicht noch einmal anders ab, als wenn draußen 30 Grad sind und ich eigentlich im Schwimmbad sitzen will. Denn dieses Leben draußen passt gar nicht zu meiner Stimmung. Das ist etwas, dass Trauernde oft erleben: Das Leben geht weiter, und alle feiern es und gehen Eis essen. Dabei sieht mein Inneres so völlig anders aus, und das sorgt für einen Konflikt. Von daher ist dieses Novembergrau etwas, in dem ich mich als Trauernde auch ein wenig suhlen kann – und das auszuleben, kann auch sehr gut tun.

Also lässt ein eher ruhiger Monat der Trauer mehr Raum, als wenn überall Highlife ist?

von Issendorff: Ich glaube, dass es gesellschaftlich anerkannter ist, im November zu trauern. Es sollte zwar immer anerkannt sein, aber trauern ist ja extrem schwer, weil da eine völlig veränderte Innenwelt mit einer völlig gleichgebliebenen Außenwelt konfrontiert wird. Daher finde ich, dass Trauern immer eine Monsteraufgabe ist. Und im November ist das als Thema gesellschaftlich eher mal dran: Das merkt man auch in sozialen Medien, bei Instagram, und auch in christlichen Netzwerken geht es um viele Angebote, wie Trauer bei Kindern, bei Jugendlichen, Trauern nach Fehlgeburten. Was dabei schön ist: Danach, im Advent, geht es ja neu los. Erst der Ewigkeitssonntag und dann der erste Advent, da ist schon wieder die Vorfreude, dass da jemand kommt.

Sie sind seit Kurzem Seelsorgerin im „Hospiz zwischen Elbe und Weser“ in Bremervörde. Beim Wort „Hospiz“ denkt man sofort an „Sterben“. Aber ist das wirklich alles, was man damit verbinden kann?

von Issendorff: Grundsätzlich geht es im Hospiz wie bei fast keinem anderen Ort ums Leben. Uns ist es oft nicht bewusst, aber unsere Zeit ist bei uns allen begrenzt. Wenn das so deutlich wird wie bei den Bewohnern des Hospizes, bekommt das Leben oft eine andere Intensität und auch eine andere Qualität. Im Hospiz versuchen wir, diesem Spruch gerecht zu werden: nicht dem Leben mehr Tage zu geben, sondern den Tagen mehr Leben. Die Endlichkeit des Lebens führt wirklich dazu, dass das Leben eine andere Qualität bekommt. Und um diese Qualität bei allen Einschränkungen, die natürlich gesundheitlich dann da sind, auch zu erfahren, dafür arbeiten dort Menschen Hand in Hand, um denjenigen, die in absehbarer Zeit sterben werden, ein möglichst angenehmes und friedliches Leben zu ermöglichen.

Worin unterscheiden sich Palliativarbeit und Hospiz?

von Issendorff: Palliativ kommt von Ummanteln und bezeichnet die medizinische Erkenntnis, dass nicht immer Heilung des Körpers im Vordergrund steht, sondern, dass es um Schmerztherapien geht und um die Möglichkeiten, einen Menschen schmerzfrei sterben oder leben zu lassen. Ein Hospiz ist ja eher ein Gästehaus gewesen, und so sagen wir auch heute nicht Patienten, sondern Gäste zu den Menschen dort. Und es ist ein Ort, an dem gestorben wird, und die Gäste dort palliativ so versorgt werden können, wie es in einem Krankenhaus oder auch zu Hause nicht möglich wäre.

Wie ist derzeit die Auslastung?

von Issendorff: Das Haus ist immer voll belegt, also die Nachfrage ist durchaus da.

Wie lang ist ein durchschnittlicher Aufenthalt?

von Issendorff: Das ist unterschiedlich. Es gibt Menschen, die sind wenige Tage da, und andere Monate. Es geht dort nicht darum, auf den Tod zu warten, sondern darum, einfach dort zu leben.

Was ist dort genau Ihre Aufgabe? Welchen Raum nimmt dabei die Arbeit mit den Angehörigen und Gästen ein?

von Issendorff: Grundsätzlich ist es so, dass meine Aufgabe als Pastorin die Verkündigung ist, und als Pastorin halte ich im Hospiz auch Andachten, Gottesdienste und Gedenkgottesdienste. Meine Aufgabe als Seelsorgerin dort sehe ich dagegen eher als nonverbal: Ich renne also nicht unbedingt mit der Bibel herum, sondern bin ansprechbar für die Bewohner und ihre Angehörigen, für die Mitarbeiter. Ich habe einfach ein offenes Ohr. Und ich mache Angebote, wie zum Beispiel ein Trauercafé, oder biete auch spirituelle Unterstützung für die Mitarbeiter. Ich bin jetzt seit dem 1. Oktober dort, daher teste ich noch alles ein wenig aus. Ich überlege mir Projekte, Dinge, die ich entwickeln will, erste Aktionen – und ansonsten bin ich zur Zeit sehr viel bei den Gästen in den Zimmern. Und natürlich gehören auch Aussegnungen dazu, wenn jemand verstorben ist.

Was war für Sie ausschlaggebend, von der Gemeindepastorin zur Hospiz-Seelsorgerin zu werden, und was macht die Unterschiede zwischen Beidem aus?

von Issendorff: Ich habe Theologie studiert, weil ich Sterbende begleiten wollte. Aber nach meinem Studium war ich zuerst Gemeinde- und Jugendpastorin, und das habe ich geliebt, liebe es immer noch und vermisse es auch. Aber da die Sterbebegleitung meine Motivation für meinen beruflichen Weg war, war es naheliegend, nun diesen Schritt zu gehen. Dabei sind da natürlich sehr viele Unterschiede zum Gemeindepfarramt. Dort begleitest du das Leben der Menschen an ganz anderen Schnittpunkten, und es gibt mehr Verwaltungsarbeit zu erledigen. Hier mache ich keine Taufen, Trauungen, Konfirmationen – und das fehlt mir. Daher hoffe ich, dass ich so etwas hier im Kirchenkreis (Bremervörde-Zeven, Anm. der Redaktion) wieder machen kann – gerne auch zum Thema Tod und Sterben. Aber es ist schon ein Unterschied, ob ich mit und in einer Gemeinde lebe, oder ob ich wie hier in einem Haus bin. Das ist hier jetzt meine Gemeinde.

Sie sind mit 35 Jahren noch sehr jung. Ist es da eine besondere Herausforderung, als Seelsorgerin in einem Hospiz jeden Tag mit dem Lebensende und dem Tod konfrontiert zu sein?

von Issendorff: Die Themen Schmerz und Angst sind auf jeden Fall eine Herausforderung. Denn die Auseinandersetzung damit triggert auch in mir selbst meine eigene Angst. Daher ist es wichtig, sich selbst zu kennen, denn wenn ich begleite, spüre und sehe ich immer wieder meine eigenen Themen. Ich bin guten Mutes, dass der Tod nicht das Ende ist, und diese Hoffnung hilft mir, nicht darunter zu leiden. Denn für mich ist es einfach sehr wichtig, den Menschen die Begleitung zu geben, die sie brauchen, aber mich zugleich auch nicht aufzudrängen. Jeder kennt seine Geburtsgeschichte, aber jeder hat auch seine eigene Sterbegeschichte – und die kennt man natürlich nicht. Dabei ist sie für die Angehörigen ein lebensverändernder Moment. Und ich will diesen individuellen Weg begleiten, ihn so individuell auch zu lassen, wie er nun mal ist – denn er kann manchmal leise, friedlich und schön sein, aber auch sehr hässlich.

Wie lange begleitet Sie dieses Thema bereits und wieso?

von Issendorff: Ich war schon als Jugendliche im Bremervörder Krankenhaus als „Grüne Dame“ aktiv – und da habe ich auch erlebt, wie Menschen dort gestorben sind. Das war eindrücklich, und zwar so sehr, dass ich da schon mit gut 17 Jahren das Gefühl hatte, dass ich auf jeden Fall Theologie studieren möchte. Ich wollte seit der Zeit Sterbende begleiten, das war damals und ist für mich heute meine Aufgabe.

Wie viel nehmen Sie von Ihrer Arbeit aus dem Hospiz mit nach Hause?

von Issendorff: Immer sehr viel. Aber das sitzt nicht immer mit am Tisch, es belastet mich nicht.

Muss unser Umgang im Alltag mit dem Thema Tod und Sterben ein anderer werden?

von Issendorff: Auf der einen Seite sind wir in Literatur und Film diesem Thema ja immer wieder grotesk ausgeliefert. Der Mensch ist fasziniert davon. Ich kann aber auf der anderen Seite auch verstehen, dass der lebende Mensch das Sterben verdrängt – denn das muss auch sein, um zu leben. Das Leben will ja nicht sterben, das ist evolutionär so programmiert und hat ja auch seinen Sinn. Ich persönlich finde, dass die Auseinandersetzung mit dem Thema mein Leben bereichert. Ich bin ein sehr lebensfroher Mensch, und gerade das macht mich so lebensfroh. Aber ich kann nicht von mir auf andere schließen. Gesellschaftlich ist es wichtig, die Sterbenden nicht auszugrenzen und aus dem Blick zu verlieren – im Klinikbetrieb oder sonst wo in der Pflege. Im Hospiz läuft das wunderbar, aber die wenigsten Menschen sterben im Hospiz. Was wir brauchen, ist Medikamente und Pflegepersonal zu haben, Ärzte, die an die Menschen denken – und vor allem: Zeit zu haben. Ob die Gesellschaft immer den Tod vor Augen haben muss, das weiß ich nicht. Aber die Sterbenden genauso wie die Lebenden zu behandeln, ist nie verkehrt. 

Autor

Nina Baucke Nina Baucke
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 nina.baucke@rotenburger-rundschau.de

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