Antonia Cordes (17 Jahre) und Sascha Masemann (40) veröffentlichen Podcast über ihre Liebe - Von Dennis Bartz

Was sollen die Nachbarn denken?

Sie ist 17 und er ist 40: Antonia Cordes und Sascha Masemann sind ein ungewöhnliches Paar.
 ©Foto: Dennis Bartz

Rotenburg. Sascha Masemann und Antonia Cordes sind verliebt, und dabei sogar „unnormal glücklich“, wie sie finden. Sie haben deshalb unter diesem Titel einen Podcast veröffentlicht, der kostenlos unter anderem bei Spotify abrufbar ist. Einmal pro Monat sprechen die beiden offen über Liebe, Sex und Vorurteile. Sie wollen aufklären über ein Tabuthema, ein gesellschaftliches No-Go: generationsübergreifende Beziehungen. Sie sprechen dabei aus eigener, zum Teil leidvoller Erfahrung. Sascha, Mitarbeiter im Patiententransportdienst am Rotenburger Diako („Bettenschubser“, wie er es scherzhaft nennt), und Antonia, Bundesfreiwilligendienstleistende, trennen 23 Jahre. Er ist 40 und Vater einer 14-jährigen Tochter, sie gerade einmal 17. Neben viel Zuspruch erntet das Paar Reaktionen zwischen „Das macht man nicht!“ und „Was sollen denn die Nachbarn denken?!“. Im Gespräch mit der Rundschau erklären die beiden, was die Zuhörer des Podcasts erwartet und warum für sie ihre Liebe eigentlich etwas ganz Normales ist.

Wie kamt ihr darauf, einen Podcast zu machen?

Sascha Masemann: Die Idee hatte ich schon länger im Hinterkopf. Als Antonia und ich stundenlang spazieren gegangen sind und über Gott und die Welt philosophiert haben, flammte das wieder auf. Unsere Konstellation ist ungewöhnlich, zumindest für die Menschen, die uns deshalb schief anschauen.
Antonia Cordes: Die Außenwelt spiegelt uns deutlich wider, dass wir nicht das sind, was man alltäglich sieht. Das ist auch bei unseren Freunden und einem Teil seiner Familie ein Thema. Was ist das größere Problem, der Altersunterschied von 23 Jahren oder dass Antonia noch minderjährig ist? Sascha: Auf jeden Fall ihr Alter. Gerade bei Facebook gab es dazu einige kritische Kommentare.
Antonia: Dabei werde ich in sechs Monaten volljährig – und bis dahin verändert sich für mich sicher nicht mehr so viel ...
Sascha: Antonia ist sehr weit für ihr Alter und chauffiert mich schon viel durch die Gegend. Mit 17 darf sie ja in Begleitung eines Erwachsenen Autofahren. Was zeichnet eure Beziehung aus? Sascha: Die Kommunikation. Wir können stundenlang miteinander reden. Wir unterbrechen sogar Netflix-Filme für Gespräche. Wir haben beide unsere Päckchen im Leben zu tragen, haben gute wie schlechte Erfahrungen gesammelt. Ich war beispielsweise als Soldat im Kosovo und habe dort viel gesehen und erlebt. Das, was mich belastet, kann ich bei ihr „abladen“. Umgekehrt genauso, und es ist oft ihre jugendliche Sichtweise, die mir hilft, Probleme aus einem anderen Blickwinkel zu sehen.
Antonia: Mit seiner Lebenserfahrung kann er andererseits eine Stütze für mich sein. Wir ergänzen uns sehr gut, vielleicht sogar besser, als es viele Gleichaltrige schaffen. Wer hat den ersten Schritt gemacht? Sascha: Das war Antonia, was ungewöhnlich ist, weil sie ein sehr rationaler Mensch ist.
Antonia: Das stimmt. Ich habe mir seine Handynummer besorgt. Ich wollte mit ihm über seine Erfahrungen bei der Bundeswehr sprechen, weil die Karriere dort auch für mich eine Option war. Es dauerte aber eine ganze Weile, bis ich mich getraut habe, ihn anzuschreiben. Als ihr gemerkt habt, dass da mehr zwischen euch ist, war in dem Moment der Altersunterschied ein Thema? Antonia: Nicht bewusst. Ich habe aber schon darüber nachgedacht, ob es wirklich das ist, was ich will. Also: Kann ich mir vorstellen, einen 23 Jahre älteren Mann an meiner Seite zu haben? Das konnte ich schnell abhaken, weil die positiven Seiten für mich klar überwiegen.
Sascha: Mir ist es vor allem sehr wichtig, dass meine 14-jährige Tochter damit gut umgeht, und das tut sie. Die beiden verstehen sich. Ich habe mich zudem mit einem Blick ins Gesetz vergewissert, ob unsere Beziehung überhaupt legal ist. Zweifel daran, dass es funktionieren kann, hatte ich nicht. Wie heißt es so schön: Wo die Liebe hinfällt ... Was andere darüber denken, ist mir egal. Ich mache das, worauf ich Lust habe, solange es niemandem wehtut. Wie wäre es für dich, wenn deine Tochter später mit einem deutlich älteren Partner nach Hause kommt? Sascha: Damit hätte ich kein Problem. Nicht nur deshalb, weil ich ihr das selbst vorlebe. Aber sie müsste mir schon glaubhaft machen, dass es innige Liebe ist. Wenn ihr das gelingt, würde ich ihr nicht im Weg stehen. In meinen Augen gefährdet es das Kindeswohl mehr, wenn ich als Vater versuchen würde, die Liebe zu beenden. Ich würde damit ihre Gefühle verletzen und das Vertrauen zu mir aufs Spiel setzen. Obwohl ihr rechtlich auf der sicheren Seite seid, gibt es kritische Blicke und Kommentare. Wie geht ihr damit um? Sascha: Ich bin überrascht, dass es in unserem Bekannten- und Kollegenkreis viele Beispiele von Paaren gibt, die ebenfalls einen großen Altersunterschied haben. So außergewöhnlich ist das nicht. Es redet nur niemand so offen wie wir darüber. Die Paare, mit denen ich gesprochen habe, waren selbst besonders zu Beginn mit vielen Vorurteilen konfrontiert und haben oft Sätze gehört wie: „Das hält sowieso nicht!“, „Das geht gar nicht!“ und „Das ist ja ekelig!“.
Antonia: So etwas habe ich auch häufiger zu hören bekommen. Mir wurde vorgeworfen, wie „widerlich“ ich geworden wäre. Das war zum Teil sehr verletzend und hat mich getroffen, weil die Kommentare aus meinem direkten Umfeld kamen. Fremden Menschen steht es in meinen Augen nicht zu, unsere Beziehung zu bewerten. Wenn die Konstellation andersherum wäre, und du, Antonia, wärst 23 Jahre älter als Sascha – meint ihr, ihr hättet es dann leichter? Antonia: Ich glaube, dass es dann sogar noch schwieriger wäre, weil in den Köpfen der Gesellschaft fest verankert ist, dass die Frau nicht älter als der Mann sein darf.
Empfindet ihr Druck, dass es zwischen euch funktionieren muss, um es den anderen zu beweisen?
Sascha: Darüber machen wir uns keine Gedanken, sondern lassen alles auf uns zukommen. Wir entdecken jeden Tag etwas, womit wir uns gegenseitig ergänzen und helfen. Es ist eine symbiotische Beziehung. Das ist trotz meines Alters, einer Scheidung und einer bestehenden Ehe, eine ganz neue Erfahrung für mich. Dass wir uns so viel zu erzählen haben, ist etwas Besonderes. Wir tun uns gut.
Antonia: Genau. Und wenn es irgendwann auseinandergeht, dann ist es eben so und wird dann einen guten Grund haben. Wir legen beide Wert darauf, danach eine freundschaftliche Ebene zusammen zu entwickeln.
Sascha: Und das ist möglich. Meine Noch-Ehefrau, die ich beim Deutschen Roten Kreuz kennengelernt habe, hat beispielsweise unser Logo für den Podcast entwickelt.
Hattet ihr zuvor schon Beziehungen mit einem deutlich älteren oder jüngeren Partner?
Sascha: Die Beziehungen zuvor hatte ich zu Frauen, die in etwa gleich alt waren, auch schon zu einer deutlich älteren Frau. Das Alter spielt für mich keine Rolle, sondern der Mensch steht im Fokus. Wenn das Miteinander passt, ist für mich alles andere nicht so wichtig. Genauso sieht es Antonia. Wie sind die Reaktionen auf den Podcast?
Sascha: Die sind durchaus positiv. Wir hören zum Beispiel oft, dass unsere Stimmen sehr angenehm klingen und die Menschen uns gerne zuhören. Es gibt natürlich auch Kritik hier und da, das ist völlig in Ordnung. Die Mehrzahl der Zuhörer sagt uns gegenüber aber, dass sie sich auf die nächste Folge freut.
Antonia: Die meisten finden es ganz cool, was wir machen. Andere haben Bedenken, weil wir sehr offen reden und fürchten, dass das negative Folgen haben könnte, vor allem für mich.
Habt ihr dafür Verständnis?
Sascha: Natürlich können wir die Argumente nachvollziehen. Es ging in diesem Fall besonders um Oralsex, den wir im ersten Podcast schon einmal kurz thematisiert hatten. Ein ehemaliger Partner hatte Antonia dazu gedrängt. Aber wir meinen: Wenn niemand darüber spricht und das weiter tabuisiert wird, wird sich die Männerwelt nicht verändern. Als junger Mann war ich auch ungestümer als heute.  Antonia: Ja, und ich bin diejenige, die das erlebt hat. Ich kann damit offen umgehen. Warum soll ich also nicht darüber sprechen?
Wie geht mit eurem Podcast weiter?
Sascha: Wir haben gerade die Arbeiten an der zweiten Episode beendet, die eine Fortsetzung der ersten ist. Wir haben sehr viele Themen, über die wir noch sprechen wollen. Damit ist ganz sicher auch der dritte Teil abgedeckt. Was danach kommt, warten wir ab. Psychische Erkrankungen werden künftig ganz sicher ein Thema werden.
Wie bereitet ihr einen Podcast vor?
Sascha: Wir setzen uns zusammen, erstellen eine Liste mit Themen, sortieren sie und schmeißen raus, was nicht passt. Wir versuchen, nicht schon im Vorfeld über die Dinge zu diskutieren, denn sonst ist die Luft raus, wenn wir aufzeichnen. Wir starten dann ganz spontan ohne festes Script und steigen nach und nach tiefer in die Themen ein. Im Nachhinein brauche ich etwa die dreifache Zeit zum Bearbeiten. Ich habe schon früher gerne Radio gemacht und bin ein Perfektionist. Ich höre mir viele Podcasts an und lege Wert darauf, dass der Zuhörer keine Schnitte hört. Ich freue mich wie ein kleines Kind, wenn das klappt.
Antonia (lacht): Er quietscht dann immer vergnügt aus dem Wohnzimmer ...
Sascha: Ich freue mich eben darüber und muss ihr das zeigen, weil ich stolz darauf bin. Ganz ohne Schnitte geht es nicht, wir sind ja schließlich keine Profis.
Welche Schwerpunkte hat der zweite Podcast?
Sascha: Wir gehen noch mehr auf das Thema Polyamorie ein, und auf offene Beziehungen. Beides hatten wir im ersten Teil nur kurz angeschnitten. Ich habe bereits Erfahrung mit dieser Art der Partnerschaft, Antonia noch nicht. Aber wir können uns das beide gut vorstellen. Bei uns besteht dies bisher nur als theoretisches Modell und wir müssen das mit Regeln ausfüllen. Damit nehmen wir uns Zeit. Wir sind frisch zusammen und haben bislang keine unerfüllten Bedürfnisse.
Hättet ihr in einer offenen Beziehung keine Probleme mit Eifersucht?
Sascha: Ich finde es sogar spannend, mir vorzustellen, was passiert, wenn Antonia einen anderen Mann trifft. Ich bin nicht eifersüchtig, solange ich mich nicht vernachlässigt fühle. Das ist die goldene Regel: Eine offene Beziehung soll ja ergänzen und die Partnerschaft bereichern. Wenn ich zum Beispiel total auf Oralsex stehen würde, sie das aber selbst nicht mag, gebe es immer eine Spannung zwischen uns.
Antonia: Ich bin auch kein eifersüchtiger Mensch. Ich habe ihn stundenlang über seine ehemaligen Beziehungen ausgefragt, denn es gibt für mich keine bessere Möglichkeit, etwas über ihn zu erfahren. Ich möchte genau wissen, was er vorher erlebt hat, was er mag, was ihm wichtig und was für ihn ein No-Go ist.
Welche Vorteile hat eurer Meinung nach eine offene Beziehung?

Antonia:
Sie nimmt viel Druck, weil sich nicht alle Wünsche und Bedürfnisse auf eine Person konzentrieren. Es ist nicht der eine Mensch dafür verantwortlich, dass der Partner glücklich ist. Und wenn beide erfüllt sind, ist die Chance, dass es für immer hält, größer.
Also könnt ihr euch vorstellen, in 40 Jahren noch zusammen zu sein?
Antonia: Das wünschen wir uns auf jeden Fall. Ob uns das gelingt, wissen wir natürlich nicht.
Sascha: Wir sind frisch zusammen, aber gerade fühlt es sich so an, als ob es eine lange Geschichte werden kann. Alles, was ich bislang in der einen oder anderen Beziehung mochte, vereint sich in Antonia. Es gibt außerdem Momente, in denen sie mich braucht, in denen ich mein Helfersyndrom ausleben kann. Das finde ich schon toll. Ich bin gerne selbstlos.
Ihr könntet vom Alter her Vater und Tochter sein, führt ihr dennoch eine Beziehung auf Augenhöhe?
Antonia: Natürlich gibt es Situationen, in denen ich zu ihm aufschaue. Aber es nicht so, dass ich dauerhaft in der niedrigeren Position bin.
Sascha: Ich schaue genauso oft zu ihr auf, weil sie ein sehr intelligenter Mensch ist. Sie hat spezielle Charakterzüge, die ich bewundere und bei denen ich zum Teil denke: So wärst du selbst auch gerne. Das gleicht sich aus.
Macht ihr euch Gedanken darüber, welche Folgen der Altersunterschied später haben könnte?
Sascha: Sag Du als Jüngere etwas dazu, denn ich bin dann ja vielleicht schon weg ...
Antonia: Okay. Ich habe mich gefragt, ob ich später, wenn ich selbst fit bin und Lust auf Reisen hätte, wirklich einen alten Mann neben mir sitzen haben möchte und dann womöglich pflegend tätig werden muss. Die Frage abschließend zu beantworten ist schwierig, weil ich noch nicht in der Situation war, aber ich möchte mich auf jeden Fall darauf einlassen. Wenn es funktioniert, werden wir damit glücklich.
Kann man mit einem Podcast bekannt werden und Geld verdienen?
Sascha: Das ist durchaus möglich und wir hätten natürlich nichts dagegen, das ist für uns aber nicht das Ziel. Die Betreiber eines Podcasts werden natürlich nicht reich damit. Wir würden das Geld vermutlich in noch bessere Technik investieren. Es soll für uns aber in jedem Fall ein Hobby bleiben. Wir haben viel Spaß dabei – und das gilt hoffentlich auch für unsere Zuhörer. • Die nächste Folge erscheint am Montag, 6. Juli, um 15 Uhr, bei Spotify, Deezer, iTunes und Podcast.de. Weitere Termine sind jeweils am ersten Montag im Monat. Antonia Cordes und Sascha Masemann freuen sich auf Hörermeinungen, Lob wie Kritik, per E-Mail an info@unnormalgluecklich.de.

Autor

Dennis Bartz Dennis Bartz
 04261 / 72 -430
 dennis.bartz@rotenburger-rundschau.de

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