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Bildung ist unverzichtbar

Seyran Ates spricht über die Integration von Migranten - Von Ines van Rahden

Foto zum Artikel: Bildung ist unverzichtbar
Seyran Ates nimmt kein Blatt vor den Mund, deckt Missstände schonungslos auf. Dafür hat sie in der Vergangenheit immer wieder Anfeindungen ertragen müssen Foto: van Rahden
28.02.2009 10:00:00
Rotenburg. 
Von der türkischen Tageszeitung "Hürriyet“ wurde Seyran Ates als Nestbeschmutzerin bezeichnet. Als sie offen über Missstände sprach, wurden ihr Polemik und Verallgemeinerung vorgeworfen. Einen Anschlag überlebte die Berliner Juristin nur knapp. Und doch hat sie nicht aufgehört, unterdrückten Frauen den Weg in ein selbstbestimmtes Leben aufzuzeigen. In Rotenburg hielt sie nun auf Einladung der Gleichstellungsbeauftragten im Landkreis einen Vortrag zum Thema Integration.


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"Eigentlich mag ich das Wort nicht. Denn Integration bedeutet, dass sich eine Seite an die andere anpasst. Wir müssen aber auf Dauer erreichen, dass sich beide aufeinander zu bewegen“, stellt Ates gleich zu Beginn klar. Sie fordert einen Gesellschaftsvertrag zwischen Deutschen und "Deutschländern“, wie sie die Migranten in Deutschland gern nennt. Mit klaren Richtlinien. Spannungsfelder, begründet durch die unterschiedlichen Kulturen und Traditionen, machten dies jedoch zusehends schwieriger. Die weltweite Integrationspolitik, so Ates, müsse sich an der Gleichberechtigung von Frauen und Männern orientieren, wenn sie funktionieren soll.

Weiterer wichtiger Punkt: das Thema Heimat. "Für uns Migranten gab es schon viele Begriffe. Aus den Gastarbeitern wurden Ausländer, dann ausländische Mitbürger, später Deutsche türkischer Herkunft, Muslime und nun Menschen mit Migrationshintergrund. Es ist schwer, wenn man eine neue Heimat finden will und mit diesen Bezeichnungen immer wieder gesagt wird: Das ist aber nicht Eure.“

Wenig Verständnis hat die Juristin übrig für Deutschländer, die in Deutschland leben, die Bundesrepublik aber als rassistisches Land ansehen und Gesetze nicht akzeptieren. "Diese Haltung nehme ich ihnen persönlich übel und frage mich: Was macht ihr hier?“

Ebenso wenig könne sie nachvollziehen, wenn die Kinder der zweiten Generation "stolz auf ein Land sind, das sie nicht kennen, sich auf eine Kultur berufen, die sie nicht verstehen und die bereit sind, einen Ehrenmord zu begehen.“ Überzogene Religiösität führe dazu, dass Traditionen immer mehr verwischen. Ates führte als Beispiel ein fünfjähriges Kind an, das von seinen Eltern dazu gezwungen wurde, im Ramadan zu fasten. "Das ist meiner Meinung nach Gewalt an Kindern und mit nichts zu rechtfertigen.“ Unislamisch nennt sie auch die Tatsache, dass Migrantinnen immer häufiger bereits in der Grundschule ein Kopftuch tragen müssen. "Damit werden diese Kinder sexualisiert.“

Die deutsche Türkin schätzt, dass etwa 80 Prozent der Migranten noch nicht integriert sind. Ein Drittel der in Deutschland geborenen Kinder wächst in Migrantenfamilien auf – sie werden die Zukunft des Landes mitbestimmen. "Für mich bedeutet das, dass wir noch einen langen Weg vor uns haben.“ Und den müsse man in erster Linie über die Bildung gehen. Denn ohne habe heute niemand mehr die Chance auf Integration und ein selbstbestimmtes Leben. Ates ist sicher: "Dazu müssen die Kinder die Landessprache sprechen können, spätestens zur Einschulung. Sonst schaffen Sie es hier nicht. Und auch in der Türkei kommt man heute ohne Bildung nicht mehr weit.“



Wer ist Seyran Ates?

Ausschnitte aus dem Lebenslauf

Seyran Ates wird am 20. April 1963 als Kind einer türkischen Großfamilie in Istanbul geboren. Eines Tages verschwindet ihre Mutter, einige Monate später auch der Vater. Die Eltern sind als "Gastarbeiter“ nach Deutschland gegangen. 1969 folgt sie ihren Eltern nach Berlin-Wedding. Erzogen nach traditionellen Regeln, muss sie den Vater und die Brüder bedienen, darf das Haus nur für die Schulstunden verlassen und wird auf die Heirat mit einem türkischen Mann vorbereitet.

In der Schule partizipiert sie an der Bildung, erhält soziale Anerkennung als Schulsprecherin. Mit 17 läuft sie von zu Hause weg. Ihr Studium der Rechtswissenschaften absolviert Ates an der FU Berlin. Nebenher arbeitet sie in einem Kreuzberger Frauenladen, der Migrantinnen umfassende Hilfe anbietet. Im September 1984 erschießt ein muslimischer Türke eine Frau, die zur Beratung gekommen war. Durch einen weiteren Schuss wird Ates lebensgefährlich am Hals verletzt.

Trotz körperlicher und seelischer Versehrungen schließt sie 1997 ihr Studium mit dem zweiten Staatsexamen ab. Auf Familien- und Strafrecht spezialisiert, vertritt sie in der Folgezeit vorrangig Frauen aus muslimischen Ländern. Darüber hinaus veröffentlicht sie zahlreiche Bücher, kämpft gegen Zwangsheirat und Ehrenmorde, für Frauenrechte und Integration. © Rotenburger Rundschau GmbH & Co. KG

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