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Etablierte Erkenntnisse ignoriert

Dr. Lebrecht von Klitzing referierte über Mobilfunk in Stapel - VON TOBIAS ENGELKEN

Foto zum Artikel: Etablierte Erkenntnisse ignoriert
Der Mobilfunkexperte Dr. Lebrecht von Klitzing referierte in Stapel zum Thema "Wieviel Mobilfunk verträgt der Mensch?“
Foto: Engelken
24.04.2007 14:00:00
Stapel. 
Der Mobilfunkbetreiber E-Plus plant die Errichtung eines Sendeturmes zwischen Stapel, Taaken und Benkel. Info-Veranstaltungen zu dem Thema hat es bereits gegeben. Einen sachlichen, unabhängigen und verständlichen Vortrag erhoffte sich die Stapeler Bürgerinitiative jetzt von Dr. Lebrecht von Klitzing. Zu seinem Vortrag "Wieviel Mobilfunk verträgt der Mensch?“ lud die Bürgerinitiative Befürworter und Gegner in Feuerwehrhaus nach Stapel ein. Rund 70 interessierte Bürger aus Stapel, Benkel, Taaken, Horstedt und weiteren Orten nahmen teil.


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Der Medizinphysiker aus Stockelsdorf bei Lübeck war zuletzt Leiter der klinisch-experimentellen Forschungseinrichtung an der Medizinischen Universität Lübeck und betreut heute ein umweltphysikalisches Institut.

"Auf die Frage ‚Macht Mobilfunk krank?‘ würden Industrie, Politik, Strahlenschutzkommission und andere Gremien antworten: ‚Nein, wir haben Grenzwerte.‘“, begann Dr. von Klitzing seinen Vortrag. Wie diese Grenzwerte zustande kommen, sei allerdings abenteurlich. Der Wissenschaftler kritisierte die Messmethoden von Interessengruppen: "Da werden Versuche an technischen Modellen und an Leichen durchgeführt.“ Es werde an nicht relevanten Orten gemessen und nicht dort, wo die Menschen wirklich ihren Wohnbereich haben und der Strahlung ausgesetzt seien. 17 Millionen Euro würden in ein Mobilfunkforschungsprogramm gesteckt, die zur Hälfte das Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit bezahle und für die andere Hälfte käme die Mobilfunkindustrie auf. Ob die Forschungsergebnisse dann immer relevant und korrekt seien?

Häufig legten Lobbyisten eine bemerkenswerte Ignoranz gegenüber internationaler Literatur und etablierten Erkenntnissen an den Tag, weil die dort publizierten Ergebnisse nicht förderlich für ihre Vorhaben seien, so der Experte.

Die Grenzwerte für Mobilfunkstrahlung liegen in Deutschland je nach Netz bei bis zu neun Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter und damit weitaus höher als beispielsweise in vielen anderen EU-Ländern. So liegt der Wert in der Toskana bei 660 Mikrowatt pro Quadratmeter. "Und Italiener telefonieren viel“, bemerkte Dr. von Kitzling. Ein Handy in Kopfnähe strahlt übrigens mit zehn Millionen Mikrowatt pro Quadratmeter. Wissenschaftler stellten beim Menschen schon ab einer Belastung von zehn Mikrowatt pro Quadratmeter Schlafstörungen, Kopfschmerzen, Konzentrationsschwächen, Ohrgeräusche, unregelmäßigen Herzschlag und veränderte Blutbilder fest.

Verblüffend: Die optimale Funktion von D- und E-Netz-Handys ist bereits bei 0,001 Mikrowatt pro Quadratmeter gewährleistet. Bei einer früheren Veranstaltung in Stapel stellten Anwesende fest, dass ihre E-Plus-Handys guten Empfang hatten. Da liegt die Frage nahe, wozu überhaupt ein weiterer Sendeturm nötig ist, zumal in Winkeldorf, Clünder und Otterstedt – also rund um Stapel – bereits Sendeanlagen stehen.

"Die Mobilfunkanbieter wollen der Telekom das Wasser abgraben, in dem sie dafür sorgen, dass das kabelgebundene Telefon nicht mehr nötig ist“, erklärte Dr. von Klitzing. Und bei diesem Vorhaben wirke sich jedes "Funkloch“ hinderlich aus. Welcher Nutzungsbedarf im Funkloch aber überhaupt bestehe, müsse hinterfragt werden. So berichtete der Referent von einer anderen Gemeinde, in der E-Plus einen Sendemast in einem renaturierten Gebiet aufstellen wollte. "Seit wann telefonieren Frösche?“, wollte dort ein aufgebrachter Bürger von Unternehmensvertretern wissen.

Schuld an dieser Vorgehensweise seien aber auch die Kunden, gab Dr. von Klitzing zu bedenken. Die schauen sich, bevor sie sich für einen Anbieter entscheiden, schließlich Karten über die Netzabdeckung an. Dr. von Klitzing: "Kunden wollen auch im Keller mobil telefonieren.“ Man müsse in dem Zusammenhang genau über Bequemlichkeit und Fortschritt nachdenken.

Dr. von Klitzing riet dazu, dass sich die Kommunalvertreter zusammenschließen. "Und Sie sollten unbedingt einen Fachjuristen hinzuziehen, denn Mobilfunkbetreiber haben auch Juristen und die treten nicht so sehr höflich auf“, meinte der Physiker. © Rotenburger Rundschau GmbH & Co. KG

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