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Gearbeitet, geweint, gelacht - kurz: gelebt
Projekt Weltwärts: Lina Österle verlebte ein Freiwilligenjahr in Ecuador
Gruppenbild: Lina Österle mit Schülern einer der siebten Klassen, in denen sie Englisch unterrichtete
Rotenburg . (ww). Feuchtheißes Tropenklima, Spanisch als offizielle Landessprache und ein völlig neuer Alltag – all das erwartete Lina Österle, als sie im September 2008 Richtung Ecuador startete, um dort im Rahmen des Projekts "Weltwärts“ Kinder im Fach Englisch zu unterrichten. Seit kurzem ist die inzwischen 19-Jährige aus Südamerika zurück in Deutschland und berichtet von ihren Erfahrungen, von Land und Leuten.
"Den Traum, einmal in eine fremde Kultur einzutauchen, hatte ich schon lange. Wirklichkeit geworden ist er mit Hilfe der internationalen Jugendgemeinschaftsdienste IJGD, die mich vermittelt haben, in Zusammenarbeit mit meiner Partnerorganisation Chiriboga vor Ort“, erklärt die ehemalige Ratsgymnasiastin. "Meine Motivation war es, mit anzupacken, etwas zu verändern an der großen Ungerechtigkeit und Armut. Ich wollte mitarbeiten, helfen in einem der vielen Entwicklungsländer der Welt.“
Gelandet ist Österle schließlich in einem kleinen Dschungeldörfchen namens Muyuna, in dem die Familien in sehr einfachen Holz- oder Beton-hütten mit Wellblechdächern leben. "Ich wohnte in einem Haus zusammen mit meinen Gasteltern, zwei Brüdern mit deren Frauen und Nachwuchs sowie mit drei Schwestern. Bei ihnen fühlte ich mich absolut geborgen und gut aufgehoben - wie in einer richtigen Familie eben. In alles wurde ich einbezogen und immer liebevoll behandelt.“
Österles Arbeit fand montags bis freitags in den Schulen statt. Ihre Aufgaben: der Englischunterricht der vierten bis siebten Klassen, dazu Heftkontrollen, Hausaufgabenhilfe, regelmäßige schriftliche Prüfungen und die Benotung. "Nach anfänglichen Durchsetzungsproblemen - auch aufgrund sprachlicher Mängel - hatte ich eine Menge Spaß und eine schöne Zeit mit meinen rund 200 verspielten Indianerkindern“, so Österle. Dabei sei es keinesfalls darum gegangen, hohe Leistungen zu erzielen. "Vielmehr habe ich versucht, die große Neugier der Kleinen auszunutzen, um von Zeit zu Zeit kleine Erfolge zu erzielen und gemeinsam von und mit ihnen zu lernen.“ Die Klassengrößen mit 20 bis 30 Schülern seien angenehmer als erwartet gewesen. "Mir gefiel es, nachmittags immer wieder neue Unterrichtsmethoden zu überlegen, die mir helfen sollten, den Kindern die ihnen so fremd und schwer erscheinende Sprache Englisch beizubringen. Durch die selbstständige Arbeit verstand ich es dann auch, mich einzubringen und Verantwortung zu übernehmen.“
Österles Einsatz beschränkte sich bald nicht mehr nur auf die Mädchen und Jungen des Dorfes - immer häufiger half sie zudem Jugendlichen und Erwachsenen bei Englischhausaufgaben, unterstützte sie beim Lernen, bereitete auf Prüfungen vor. "Ich sah das als eine Art Gegenleistung dafür, dass sie mir immer wieder Einblicke in ihren Alltag gewährten.“
In ihrer freien Zeit war die junge Deutsche gerne auf dem Fußballfeld und verhalf damit einem der internen Hobby-Frauenfußball-Clubs zur Meisterschaft von Muyuna und vertrat das Dorf auf Festen in anderen Gemeinden. "Neben dem Fußballspielen genoss ich Nachmittage mit meinen Gastschwestern, an denen wir oft in der Chagra - eine Art Waldgarten der Kichwa-Indianer - auf Bäume kletterten, um vorher nie gesehene Früchte zu genießen, arbeiteten oder Blätter und Gräser sammelten“, berichtet Österle. "Ansonsten besuchten wir Verwandte, fuhren in das nahe Städtchen Tena oder unterhielten uns über Familie, Interessen und Arbeit.“ Bereits nach zwei Monaten sei ihr die einfache Verständigung leicht gefallen. "Es dauerte allerdings etwa fünf bis sechs Monate, bis ich auch tiefergreifende Gedanken ausdrücken und somit alle mir erwünschten Gespräche führen konnte, ohne dabei ins Stocken zu geraten.“ Nebenbei lernte Österle die in der Gegend sehr häufig gesprochene Eingeborenen-Sprache Kichwa verstehen. Zudem eröffneten sich ihr tiefe Einblicke in die Kultur der Indianer, in Glaube, Tänze, Kunst, Kleidungsgewohnheiten, Essen, pflanzliche Heilmittel und -methoden bis hin zu uralten Sagen und Legenden. "Mich interessierten die Menschen und ihre Bräuche, da auch ich ein Leben in ihrer Mitte gefunden hatte. Sie gaben mir stets das Gefühl, nicht fremd und anders zu sein, sondern im Gegenteil einen Platz bei ihnen zu haben – also dazuzugehören“, berichtet die junge Frau. Bei Problemen, Konflikten oder Meinungsverschiedenheiten habe sie sich auf ein offenes Ohr neuer Freunde oder der Gastfamilie verlassen können. "Die ständige Unterstützung und die völlige Integration waren wohl mit die faszinierensten Erlebnisse meines Freiwilligendienstes.“
Insgesamt blickt Österle auf das Jahr, das für sie zu einem "unvergesslichen Lebensabschnitt“ geworden ist, sehr positiv zurück. "Ich habe viel gesehen, gelernt und erfahren, war mit einer Gastschwester vier Tage an der Pazifikküste. Mit einer anderen Schwester bin ich einige Tage in den Anden gewesen. Die meiste Zeit verbrachte ich dennoch in meiner Indianer-Familie. Wir haben zusammen gegessen, geschlafen, gefeiert, geweint und gelacht - kurz: gelebt“, berichtet sie. "Ich hatte ein wunderschönes Jahr, habe atemberaubende Naturlandschaften und -schauspiele beobachtet, unbeschreibliche Wasserfälle bestaunt und in reißenden Flüssen gebadet.“
Nach einem tränenreichen Abschied aus dem Land, in dem Wünsche und Träume in Erfüllung gingen, fiel das Ankommen in Deutschland ("einer hochentwickelten, bürokratieverliebten Industrienation“) trotz Freunde und Familie ziemlich schwer. Österle: "Ich weiß, wie sehr ich mich verändert habe und dass mein Einsatz auch für mein künftiges Leben Konsequenzen hat. Ich habe gelernt, entspannter und lockerer an Aufgaben heranzugehen, mir mehr Zeit zu lassen, mit einem einfachen Lebensstandard klarzukommen – ja sogar glücklich zu sei. Und vor allem habe ich zu entschei-den gelernt, worauf es wirklich ankommt, was tatsächlich wichtig ist im Leben.“
Die junge Frau, die jetzt in Potsdam an der Fachhochschule ein dreijähriges Bachelor-Studium "Soziale Arbeit“ begonnen hat, rät Jugendlichen, die engagiert, tolerant und weltoffen sind, die sich außerdem auf eine fremde Kultur einlassen möchten, auf jeden Fall zu einem Freiwilligendienst. Nach wie vor steht Österle in engem Kontakt zu ihren Gastschwestern. Sobald es ihr finanziell und zeitlich möglich ist, möchte sie sie erneut in Ecuador besuchen.
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